ThyssenKrupp-Chef Hiesinger"Ich bin kein Lügendetektor"
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"Ich mag Stahl, die Werksbesuche sind emotional und beeindruckend"

ZEIT: Warum tun Sie es nicht?

Hiesinger: Weil wir dann noch einen Hochofen in den USA und eine Walzstraße in Brasilien für insgesamt weitere fünf Milliarden Euro bauen müssten. Das werden wir nicht tun, und wir würden es auch nicht tun, wenn wir das Geld dafür hätten. Denn die Rendite in unserem Geschäft mit Aufzügen und Industrieanlagen ist viel höher.

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ZEIT: Und wenn die Werke einmal verkauft sind, kriegen Sie auch die Schulden in den Griff?

Hiesinger: Wir sind dann auf einem guten Weg. Die Schulden allein sind bei einem Konzern unserer Größe nicht das Problem. Ich habe unseren Mitarbeitern gesagt: Das mit den Stahlwerken ist ein Drama. Aber am schlimmsten ist, dass ThyssenKrupp seit sieben Jahren einen negativen Cashflow erwirtschaftet, wir also mehr Geld ausgeben, als wir einnehmen. Für uns ist es wichtig, das sehr schnell zu ändern und Geld für Investitionen und Schuldentilgung zu haben.

ZEIT: Konnte man das Brasilien-Debakel kommen sehen?

Hiesinger: Einige Annahmen waren zu optimistisch, andere haben sich im Nachhinein als falsch herausgestellt. Aber ein Ereignis konnte niemand vorhersehen: Jahrzehntelang wurden die Erzpreise einmal im Jahr festgelegt. Doch 2010 haben die großen Minenkonzerne auf einmal ihre Preise an einen chinesischen Index gebunden und passen sie seither alle drei Monate an. Das hat Erz zeitweise dreimal so teuer gemacht und erklärt etwa die Hälfte unserer Probleme in Amerika. Hinzu kommen die gestiegenen Lohnkosten in Brasilien und die Aufwertung des Real.

ZEIT: Wer hat Schuld?

Hiesinger: Diese Frage müssen externe Gutachter beantworten. Letztlich hat der damalige Vorstand dem Aufsichtsrat zu optimistische Angaben gemacht und die Risiken nicht ausreichend dargestellt. Man hat innerhalb möglicher Szenarien einfach das beste genommen.

ZEIT: Aber im Aufsichtsrat sitzen doch keine Laien, sondern erfahrene Stahlmanager, allen voran Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Hätten die nicht misstrauisch werden müssen?

Hiesinger: Der Aufsichtsrat hat regelmäßig externe Gutachten eingeholt, wenn er zweifelte und zusätzliche Informationen wollte. Aber stets wurden die Aussagen des Vorstands bestätigt. Und externe Experten haben dem Aufsichtsrat bescheinigt, dass er seine Aufgaben verantwortungsvoll wahrgenommen hat.

ZEIT: Vor wenigen Tagen hat sich der Konzern von drei Vorständen getrennt. War das Ihr Wunsch?

Hiesinger: Es war eine enge Abstimmung zwischen Herrn Cromme und mir. Die Entscheidung oblag allein dem Aufsichtsrat, aber ich unterstütze sie voll und ganz, weil sie uns bei dem Kulturwandel hilft. Wir kamen zu dem Schluss, dass es nicht sein kann, dass wir noch Mitglieder im Vorstand haben, die schon im Amt waren, als die großen Fehlentscheidungen gefallen sind. Das habe ich meinen Vorstandskollegen auch so offen gesagt.

ZEIT: Wie glaubwürdig ist der von Ihnen propagierte Kulturwandel, wenn Berthold Beitz und Gerhard Cromme noch Einfluss haben? Berthold Beitz ist der 99-jährige Vorsitzende der Krupp-Stiftung und damit Sachwalter des größten Aktionärs. Er hat das Unternehmen über Jahrzehnte geprägt. Gerhard Cromme steht seit 2001 dem Aufsichtsrat vor.

Hiesinger: Herr Beitz genießt höchsten Respekt im Haus, auch bei mir. Aber seit ich hier bin, hat er mich nie angerufen, mir nie einen Brief zu einem operativen Thema geschrieben. Er mischt sich nicht ein. Wenn er als Ehrenvorsitzender an der Aufsichtsratssitzung teilnimmt, hat er, solange ich bei ThyssenKrupp bin, kein einziges Mal das Wort ergriffen. Noch nie. Er hört zu, weil er sich dem Erbe Alfried Krupps verbunden fühlt. Er agiert nur über die drei Entsandten aus dem Kuratorium der Stiftung.

ZEIT: Also über Gerhard Cromme.

Hiesinger: Herr Cromme hat mich von Siemens zu ThyssenKrupp geholt. Er wollte einen Neuanfang und hat mitgetragen, dass wir ein Viertel des Unternehmens verkaufen, allen voran die Edelstahlsparte, eine der Wurzeln der früheren Firma Krupp.

ZEIT: Welches Verhältnis haben Sie zu Herrn Cromme?

Hiesinger: Wir hatten von Anfang an ein vertrauensvolles Verhältnis. Dieses Vertrauen ist in den Krisenzeiten noch gewachsen.

ZEIT: Herr Cromme hat die alte Unternehmenskultur maßgeblich geprägt. Wie können Sie sagen, ThyssenKrupp könnte losgelöst vom alten Aufsichtsratschef neu anfangen?

Hiesinger: Für die Mitarbeiter wird der Kulturwandel allein durch den Vorstand und die Ebenen darunter bestimmt. Direkten Kontakt zu Herrn Cromme haben die Mitarbeiter wenig. Viermal im Jahr geht er mit dem Vorstand Mittag essen, einmal im Jahr ist er zu Gast bei unserer Führungskräftetagung. Ansonsten agiert er über den Vorstand, insbesondere über unseren Finanzvorstand und mich.

Leserkommentare
  1. erst aus einem Gutachten erfährt, was Vorgesetzte und Kollegen von einem halten, besteht jedenfalls noch sehr viel Entwicklungspotenzial für die interne Kommunikationskultur.

  2. Weiter so! Mir gefällt die freundliche Direktheit von Herrn Hiesinger. Mehr Gelassenheit und weniger persönlicher Erfolgsdruck... wie wäre es damit flächendeckend in der deutschen wirtschaftlichen Führungsriege... so als Trendwende?

    Einen angenehmen Jahresausklag allerseits,
    wünscht
    LB

  3. >>> Der Aufsichtsrat hat regelmäßig externe Gutachten eingeholt, wenn er zweifelte und zusätzliche Informationen wollte. Aber stets wurden die Aussagen des Vorstands bestätigt.

    Und ein Vollprofi an der Spitze eines der grössten und bis dahin anerkanntesten deutschen Industriekonzerne wagte nicht, die *steten* Ergebnisse der Gutachten zu hinterfragen in der mit Abstand grössten Investition eines deutschen Konzerns? Es kamen keine kritischen Stimmen zum Jahrhundert-Projekt frühzeitig aus dem Konzern im Vorstand oder beim Aufsichtsrat an oder sie stiessen zum falschen Zeitpunkt auf taube Ohren? Das klingt geradezu unglaublich unprofessionell.
    Hiesinger bestätigt allerdings genau dieses Szenario dramatisch mangelhafter Kommunikation in diesem Interview. Oder er bemüht sich darum - im Zwei-Knoten-Netzwerk mit Cromme ...

  4. Ich weiß zu wenig.
    Hätte der Manager dre Deutschen Bank erklärt, er hätte aufgrund der Korruptionsgeschchte 50 Mitarbeiter entlassen, dann hätte ich erst mal vermutet, daß diese entlassen wurden, weil sie in der Betriebkantine eine Krokette geklaut oder im Büro des Vorstandes Heftklammern entwendet haben.

    Also, ich kenne diesen Mann nicht. Aber man kommt nicht dahin wo er ist, wenn man nur ehrlich ist. Dazu braucht man Ellenbogen und muß Erfolge vorweisen usw.

    Solange die Eigentümerin von Tyssen-Krupp ncht noch Schadenersatz vom Staat velangt - und bekommt, rege ich mich nicht auf.

  5. Der Bereichsvorstand wurde nicht entlassen. Er wurde fürstlich (mit Zustimmung des Vorstandes und des Aufsichtsrat) belohnt. Fürstlich bedeutet 3.3 Millionen Euro Abfindung plus 8.500 Euro unverfallbarer monatlicher Rentenanspruch von ThyssenKrupp usw.
    Ein weiterer Vorstand wurde nach Verurteilung nicht nur weiterbeschäftigt, nein, auch die Strafe wurde von ThyssenKrupp übernommen.
    Die weiteren Straftaten wurden erst durch die Behörden (Staatsanwaltschaft und Kartellamt), sowie durch den Druck von außen (Dank an die Presse) öffentlich und nicht weil der Konzern es ans Licht durch "durchackern" gebracht hat.
    Ist ja sowieso ein Widerspruch in sich, da sich die Frage stellt, warum wird erst jetzt "durchgeackert" und nicht bevor die Öffentlichkeit informiert wurde, u.a. durch verschiedene Selbstanzeigen.
    Was hat den die Complianceabteilung für eine Aufgabe gehabt?
    Wie gesagt netter Versuch aber mehr auch nicht.
    Auch wenn es schwer fällt, es gibt nur eine Wahrheit und die kennen viele ehrliche, gute, loyale Mitarbeiter, die mit Stolz und Freude gern zu ihrem KONZERN zur Arbeit gegangen sind. Diese Menschen haben es nicht verdient Halbwahrheiten in der Presse zu lesen.

    Glückauf

    • maksym
    • 02. Januar 2013 15:09 Uhr

    dann kämen die Fordergunen aus allen Ecken, man müsse das alles privatisieren, solche Zustände können sich nur in wettbewerbsfernen Behördenoasen entwickeln. Aber man sehe, höre und staune, diese schlampigen Verhältnisse gedeihen auch prächtig in der hehren freien Wirtschaft. Ich fordere deswegen dazu auf, mit diesen korrupten Verhältnissen in der sogenannten freien Wirtschaft durch konsequente Verstaatlichung aufzuräumen.

  6. mit Steinbrück im Aufsichtsrat

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