ZEIT: Was bedeutet Ihnen Stahl?

Hiesinger: Ich mag Stahl, die Werksbesuche sind emotional und beeindruckend. Als Unternehmenslenker muss ich aber eine kritische Distanz zum Geschäft haben, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich bin weniger am Hochofen als meine Vorgänger, aber dafür häufiger bei den Forschern im Stahlgeschäft.

ZEIT: Wenn Sie auch die Werke in Amerika abgestoßen haben, wird ThyssenKrupp kein Stahlkonzern mehr sein. Was ist dann die Klammer, die das Unternehmen zusammenhält?

Hiesinger: Unsere Ingenieurkunst. Die wird der Kern der fortgeführten Geschäfte sein, und das gilt auch für das verbleibende Stahlgeschäft, denn das ist schon heute Ingenieurkunst pur. Wir werden von uns aus nie mehr zuerst den Hochofen zeigen, wenn wir von ThyssenKrupp reden.

ZEIT: Aber rauben Sie dem Unternehmen damit nicht die Identität?

Hiesinger: Auch unser Stahlgeschäft funktioniert heute anders. Wir machen Sandwich-Stähle mit einer Schicht Kunststoff oder Karbon in der Mitte. Wir liefern Bleche an die Autoindustrie, die sind formbar, und Nanopartikel sorgen dafür, dass die Bleche, während sie gepresst werden, härten. Diese Hochtechnologie steht künftig im Vordergrund.

ZEIT: Empfinden Sie diese Wochen als stressig?

Hiesinger: Stress habe ich eigentlich weniger. Was Kraft kostet, ist die ständige Präsenz.

ZEIT: Sie sind mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Schult das für den Job als Krisenmanager?

Hiesinger: Absolut. Ich war der Älteste von uns sechs, und da musste ich auf dem Bauernhof früh Verantwortung übernehmen. Es war meine erste Führungsaufgabe. Später habe ich gelernt, dass zu Führung eine gewisse Gelassenheit gehört. Die meisten, die um jeden Preis Karriere machen wollen, machen nie eine. Denn sie haben Angst vor den Konsequenzen ihrer Entscheidungen.

ZEIT: Was macht Sie so gelassen?

Hiesinger: Das ist eine gewisse Grundanlage. Aber auch manche Erfahrung hat mich geprägt, zum Beispiel mein Einsatz für Siemens in Indonesien. Ich war dort, als der Präsident Haji Suharto gestürzt wurde und es in Jakarta viele Tote gegeben hat. Die verbrannten Busse, die Toten, die vielen Soldaten. Wenn sich hierzulande Menschen über bestimmte Dinge aufregen, denke ich, wie unwichtig das alles ist. Das gibt einem Gelassenheit.

ZEIT: Manager leben doch normalerweise in bewachten Wohngebieten.

Hiesinger: Ich habe in keinem abgeschlossenen Wohngebiet für Ausländer gewohnt, sondern in einem indonesisch verwalteten Haus, weil ich die Kultur und Sprache lernen wollte.

ZEIT: Wird man mit Gelassenheit Vorstandschef?

Hiesinger: Nein, es braucht vielfältige Eigenschaften. Es hilft mir, dass ich eine große Unabhängigkeit empfinde. Mein Lebensstil ist unabhängig von meinem Job als Vorstandschef. Ich habe keine Schulden, bin daher nicht erpressbar, habe keine Existenzangst.

ZEIT: Haben Sie Angst zu scheitern?

Hiesinger: Nein, überhaupt nicht.

ZEIT: Sie sind sich ganz sicher?

Hiesinger: Ich bin absolut überzeugt.