Tiroler FestspieleDer Erlkönig

Kürzungen bedrohen die Kulturlandschaft. Doch ein kleines Dorf in Tirol leistet Widerstand. Dort eröffnet der Dirigent Gustav Kuhn jetzt ein neues Festspielhaus. Besuch in einem Privatimperium. von Carolin Pirich

Das Festspielhaus in Erl, entworfen vom Wiener Büro Delugan Meissl Architekten

Das Festspielhaus in Erl, entworfen vom Wiener Büro Delugan Meissl Architekten  |  © DMAA

Ohne Gefolge bewegt sich Gustav Kuhn selten durch sein Reich. Zwei langbeinige Damen, die eine seine Assistentin, die andere seine Kostümbildnerin, folgen ihm auf hohen Absätzen über Kabel und durch hallige Treppenhäuser, bis er vor der Bühne des Neubaus stehen bleibt. Dort lauschen sie seiner Bärenstimme, wie sie zur Holzvertäfelung an Wänden und Decke hinaufsteigt und sogar das letzte Hämmern der Bauarbeiter übertönt. Gustav Kuhn spricht vom Genie Richard Wagners, von verzichtbaren Regisseuren und vor allem vom Orchestergraben. Ein höhenverstellbarer Graben. Er könne 160 Musiker wie nichts versenken. Wagners Wunsch, sagt Kuhn, aber sein Werk: Gustav Kuhns Werk.

Den Schlüssel zu seinem neuen Reich trägt Kuhn in der Hosentasche. Klein, messingfarben und mit einem Plastikanhänger. »Winterhaus« steht darauf, als öffne er eine Skihütte und kein Opernhaus für 36 Millionen Euro.

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»Der Orchestergraben ist aus einem Trauma heraus entstanden«, sagt Kuhn. Er weiß, wie er erzählen muss, damit ihm die Leute zuhören. Trauma. Das Wort lässt er wirken. »In 40 Jahren habe ich als Dirigent nie in einem Graben gestanden, in dem die Musiker nicht aneinanderstießen. Und der hier ist 20 Quadratmeter größer als in der Wiener Staatsoper.« Man soll sich das ganz genau vorstellen: In Erl, diesem 1.500-Seelen-Dorf im Norden Tirols, sind nicht nur die Wiesen grüner als in Bayreuth. Der Orchestergraben ist auch größer als der in Wien.

Dabei hätte Kuhn solche Vergleiche kaum nötig, um Werbung für sein Projekt zu machen. Es ist sowieso eine Sensation, weil es überhaupt gebaut wird. Überall fehlt Geld, Theater werden geschlossen, Orchesterstellen gestrichen. In Erl wird am 26. Dezember eröffnet. Nach nur 20 Monaten Bauzeit.

Vielleicht klappt das so gut, weil kaum Steuergelder im Spiel sind. Vielmehr wird der Bau zum größten Teil von einem Mann spendiert: dem Österreicher Hans Peter Haselsteiner, der als Chef des Baukonzerns Strabag Millionen verdient hat. »Gut, dann bau’ mer’s«, hatte er 2009 zu Kuhn gesagt. Und dann haben sie gebaut.

Termine

Tiroler Festspiele Erl Winter vom 26. Dezember 2012 bis 6. Januar 2013. Weitere Informationen finden Sie hier.

Aber zuallererst braucht es dafür einen Menschen mit einer Antriebskraft wie für drei Leben, einen Menschen vom Typ des Steirers Gustav Kuhn. Einer, der Dirigent, Intendant, Regisseur und nun auch Bauherr in einem ist. Leute im Dorf bezeichnen Kuhn als »Workaholiker«, einige seiner jungen Musiker als despotisch. In der Region gilt er als der »Erlkönig«. Kuhn, der Musikmonarch, ist im August 67 Jahre alt geworden und knattert zum ersten Treffen pünktlich mit dem Glockenschlag auf einer Honda heran, rotmetallic. Hemd und Haare flattern im Wind. Einen Helm trägt er nicht. Selbst wenn ihn jemand in Erl dafür belangen wollte, es würde Kuhn höchstens sein koboldhaftes Grinsen und einen festen Händedruck kosten. Den Eindruck hat man schnell.

Der eine gibt die Visionen, der andere das Geld, so einfach ist das

Während der Maestro die Maschine abstellt, taxiert er sein Gegenüber. Er entscheidet schnell, wen er mag und wen nicht. Es folgen ein paar gezielte Fragen, bevor er am Kopfende des Tisches in den Stuhl sinkt, sich zurücklehnt, Kaspressknödel mit Salat bestellt und vom »System« erzählt, dem er nicht mehr angehören will. Es klingt verschwörerisch. Wir gegen die.

Früher, in den siebziger und achtziger Jahren, war auch Kuhn Teil des Systems. Er dirigierte Orchester mit großen Namen in feinen Konzertsälen. Herbert von Karajan, sein Lehrer, empfahl ihn als großes Talent. Irgendwann dirigierte er so oft hintereinander Tosca, dass er nicht mehr wusste, was er mit der Gage anstellen sollte. »200 Konzerte in einem Jahr, ich hätte richtig reich werden können.« Aber glücklich habe sie ihn nicht gemacht, diese »Pinselzeit«. Kuhn fuchtelt mit beiden Händen vor dem Gesicht. Es sieht weniger nach Musizieren aus, eher nach Schmeißfliegenverscheuchen.

Das System, für Kuhn sind das teure, von Tarifverträgen geknebelte Orchestermusiker. Kropfartige Verwaltungen, in denen Talente und Ideen versickern. Und Intendanten, die mehr Gedanken auf Seilschaften verschwenden als auf die Musik, die mehr Politiker sind als Künstler.

Als Kuhn 1985 dem damaligen Chef der Bonner Oper Jean-Claude Riber öffentlich eine Ohrfeige gab und dann im Spiegel mit dem ganzen »Opernkäse« abrechnete, war er draußen aus dem »System«. Er verschwand aus den Konzertsälen wie aus den Feuilletons. Diese Ohrfeige war ein Ausrutscher, sagte Kuhn damals. Die Watschn war wohlüberlegt, sagt er heute. Ein Ausweg aus dem System-Job. Manchmal rücken die Jahre Lebensgeschichten wieder ins rechte Licht.

Leserkommentare
  1. Grossartig das es sowas gibt Bravo

    • Ragar
    • 26. Dezember 2012 19:02 Uhr
    2. Blabla

    Schön dass hier der selbe Artikel erscheint wie in der BAHN-Mobil. Qualitätsjournalismums setzt sich halt durch.

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  • Schlagworte Festspiele | Festival | Tirol | Oper
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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