Schauspielerin Katharina Thalbach"Ich finde es erstrebenswert, eine verrückte Alte zu werden"

von Ralph Geisenhanslüke

Eine der ersten Sachen, die ich gemacht habe, als ich 1976 in den Westen kam, war: zur Rentenversicherung zu gehen. In der Tasche hatte ich ein grünes Papier, das war der Sozialversicherungsausweis der DDR. Der war damals bei uns für alles zuständig, für Arztbesuche und eben auch für die Rente.

Ich war zu jener Zeit blutjunge zweiundzwanzig. Und dachte: Im Westen musst du auf deine Rente aufpassen. Ich hatte das bei meiner Oma miterlebt, die im Westen lebte. Sie bekam eine sogenannte Witwenrente. Die war nicht gerade hoch, sodass meine Mutter sie immer noch unterstützen musste. Vom Osten her! Das hat sich mir als Kind eingeprägt. Also Vorsicht im Westen mit der Kohle!

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Obwohl mein Bescheid heute nicht allzu üppig aussieht, freue ich mich trotzdem auf die Rente. Ich werde nicht aufhören zu arbeiten. Aber ich werde nicht mehr arbeiten müssen. Reines Lustarbeiten. Ich würde meine Rente gern als Stipendium ansehen, damit ich endlich studieren kann, und zwar Geschichte. Als Gasthörerin, ohne jeden Ehrgeiz. Einfach nur zuhören. Es muss sich doch irgendwie lohnen, dass ich Abitur gemacht habe.

Katharina Thalbach

58, steht seit ihrem fünften Lebensjahr auf der Bühne und spielte Hauptrollen in Filmen wie Die Blechtrommel und Sonnenallee. 1976 siedelte sie von Ost- nach West-Berlin über. Von 26.12. an ist Katharina Thalbach im Kinofilm Ludwig II. zu sehen.

Früher war mein Traum die Ägyptologie. Die 18. Dynastie war immer mein Favorit. Echnaton und Hatschepsut. Ich würde mir eine Zeitreise gönnen. Die Römer würde ich überspringen. Das Mittelalter habe ich immer gehasst. Mit der Französischen Revolution würde ich mich gern noch mal intensiver beschäftigen. Und dann chinesische Geschichte, weil die so wahnsinnig weit waren, bevor in Europa überhaupt irgendwas los war. Das wäre mein Studienplan für den Anfang. Dann mal gucken, wie es weitergeht. Vielleicht kann ich mich mit Tropenhelm einschiffen und bei einer Ausgrabung dabei sein.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Im Alter hat man die Chance, die absolute Anarchie zu erreichen, die man sich vorher nicht so richtig auszuleben traut. Auch das war immer mein Traum: im Rollstuhl herumgefahren zu werden. Sich um gar nichts mehr kümmern. Zu spucken, wenn man Leute nicht leiden kann. Ich finde es erstrebenswert, eine verrückte Alte zu werden. Das ist mein Traum von der Verantwortungslosigkeit: Leben nach dem Lustprinzip. Aber den Zustand vollkommener Pflichtvergessenheit werde ich vermutlich nie erreichen. Wahrscheinlich kommen vorher Urenkel, da muss ich mich dann doch benehmen! Trotzdem, Rollstuhl und Rollator sind wunderbare Erfindungen: immer in Bewegung bleiben! Alles natürlich mit Aschenbecher und Bordbar. So was will ich haben. Auch einen Gehstock fände ich toll, mit kleinem Messer darin, zur Selbstverteidigung und für Obst. Rollstühle und Stöcke habe ich schon auf der Bühne erprobt, manchmal aus gesundheitlichen, manchmal aus künstlerischen Gründen. Zurzeit benutze ich Krücken. Bin gerade von einem Auto angefahren worden. Geht alles schneller, als man denkt. Wird manchmal ja aber auch wieder gut.

Von 2019 an bekomme ich Rente. Ich habe mir einen Kalender besorgt, der bis 2020 geht, und mir darin das Datum eingetragen. Mal sehen, ob die Zeit danach traumhaft wird.

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Leserkommentare
    • krister
    • 19. Dezember 2012 19:19 Uhr
    1. Danke!

    ...gerade das Doku-Drama gesehen: "Friedrich"

    Phantastisch!!!Umwerfend!!Einfach bezaubernd und sagenhaft!!

    Freue mich schon sehr auf Ludwig der II.

    Von Herzen gute Besserung!!!

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Alte | Abitur | Ausgrabung | Auto | Bühne | DDR
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