RohstoffeTreibstoff für Zeppeline

Die US-Regierung wollte einmal sicherstellen, dass ihr nie das Helium ausgeht. Jetzt verramscht sie den Stoff – mit ernsten Folgen. von Niklas Wirminghaus

Ein Zeppelin und andere Teilnehmer des Icarus Cup, einem Wettbewerb für alle möglichen Fluggeräte, über Südfrankreich im September 2009.

Ein Zeppelin und andere Teilnehmer des Icarus Cup, einem Wettbewerb für alle möglichen Fluggeräte, über Südfrankreich im September 2009.   |  © Jean Pierre Clatot/AFP/Getty Images

Was braucht der Mensch im Krisenfall? Die Antwort auf diese Frage bestimmt, was ein Land als »strategische Reserven« zurücklegt. Die deutschen Behörden etwa horten Erbsen, Linsen, Lang- und Rundkornreis. Die Chinesen lagern Schweinefleisch, gleich 600.000 Tonnen. Und was braucht die Wirtschaft im Krisenfall? Vor allem Erdöl, lautet die Antwort in den Industrieländern: Seit den Ölkrisen der siebziger Jahre sind strategische Reserven für den Bedarf von 90 Tagen Standard.

Aber wie sinnvoll ist das Horten wirklich? Man kann das Für und Wider gerade an einem etwas exotischen Fall betrachten, dem Edelgas Helium. Die USA lagern tief unter der Erde von Texas, Oklahoma und Kansas eine strategische Heliumreserve – wegen der Zeppeline. Nach dem Ersten Weltkrieg war die US-Regierung überzeugt, dass der nächste Krieg mit den trägen Luftschiffen entschieden werden würde. Aber es war schon 1960, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, als der Kongress die Federal Helium Reserve schuf, eine riesige strategische Reserve des Rohstoffs in unterirdischen Gesteinsformationen.

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Zeppeline fliegen längst nicht mehr; aber der Rohstoff wird heute bei der Produktion von Handys, Computern und Plasmabildschirmen eingesetzt. Die industrielle Heliumnachfrage übersteigt bei Weitem den Bedarf staatlicher Stellen. Und was macht die Regierung jetzt mit ihren Reserven?

Es zeigte sich: Das Auflösen strategischer Reserven kann große wirtschaftliche Tücken haben. 1996 wies die republikanische Mehrheit im Kongress die Regierung an, ihr Helium bis 2014 zu verkaufen. Die Preise sollten so festgelegt werden, dass die Einnahmen die bisher entstandenen Kosten des Programms decken. Diese künstliche Preisformel sei aber Blödsinn gewesen, sagen Wissenschaftler heute. Als Folge wurde insgesamt weniger Helium angeboten, und der Preis des Rohstoffs stieg in den vergangenen zehn Jahren um fast das Dreifache.

Nun verkauft die Regierung das Gas zu Ramschpreisen: 2,70 Dollar kostete 2011 der Kubikmeter beim Staat, fast 6 Dollar bei privaten Produzenten.

Die Niedrigpreise wiederum »führen zu fehlerhaften Marktsignalen«, sagt die Ökonomin Janie Chermak von der University of New Mexico. So verzichteten private Produzenten darauf, neue Anlagen zu errichten oder frische Quellen zu erschließen – mit den Regierungspreisen könnten sie ohnehin nicht konkurrieren. Die US-Regierung bedient heute fast ein Drittel des weltweiten Heliummarktes. Für die Abnehmer gibt es keinen Anreiz, den Rohstoff sparsam einzusetzen oder zu recyceln, was technisch möglich wäre.

Demokraten und Republikaner scheinen den Unsinn nun eingesehen zu haben: Sie planen, die Existenz der Federal Helium Reserve zwar über das Jahr 2014 hinaus zu sichern und weiter Gas zu verkaufen. Allerdings nur noch zu Marktpreisen.

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Leserkommentare
  1. Die strategischen Heliumreserven werden aufgelöst, das Angebot steigt, die Preise sinken und das soll ein "fehlerhaftes Marktsignal" sein? Wieso, es ist doch exakt so, wie es sein soll! "So verzichteten private Produzenten darauf, neue Anlagen zu errichten oder frische Quellen zu erschließen." Echt? Der Markt ™ kann nicht soweit denken, dass irgendwann die Reserven erschöpft ein werden und sich auf diesen Zeitpunkt vorbereiten? Wir sollten den Märkten dringend mehr Intelligenz beibringen!

    3 Leserempfehlungen
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    Nun, ich denke, daß das Problem im Decken der bisherigen Kosten des Programms liegt - kein Anbieter irgendeiner Ware gibt sich damit zufrieden, nur seine Kosten zu decken, es sei denn, er macht einen Kampfpreis. Wäre die Regierung ein privater Anbieter, wäre es ein Versuch, die anderen Anbieter vom Markt zu drängen. Deshalb geraten die Anbieter mit Gewinnerzielungsabsicht ins Hintertreffen.

    Anbieter, der Staat und vor allem Spekulanten können die Marktsituation zumindest zeitweise beeinflussen und so ihren Profit daraus ziehen. Weshalb solche "Marktsignale" bei Anbietern und Spekulanten richtig sein sollen und beim Staat nicht, kann ich logisch nicht nachvollziehen.

    Es handelt sich ja um eine staatliche Stelle, die mit Hilfe von Steuergeldern große Mengen gebunkert hatte. Wenn diese Stelle jetzt den Rohstoff einfach zu Märchenpreisen veräußert, hat das mit einem Marktpreis natürlich nichts mehr zu tun.

    Das wäre ja, als würden Sie immens teuren Strom mit Kernkraftwerken produzieren, die ohne Ende mit Steuergeldern subventioniert wurden, und ihn dadurch viel billiger anbieten könnten, als er eigentlich ist (wenn man z.B. die Entsorgung etc. auch selbst bezahlen müsste). Das ist natürlich marktverzerrend und die anderen Anbieter werden damit platt gemacht, oder geraten zumindest stark ins Hintertreffen.

  2. 8 Leserempfehlungen
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    ...kann ja fusioniert werden zu Kohlenstoff und/oder Sauerstoff, und dann...

    Nun, bei vielen Sternen funzt das ;)

    • Varech
    • 01. Januar 2013 17:42 Uhr

    ... wenn gleich nach der Neujahrsfeier in einer Redaktion die Entschwafelungsanlage noch nicht wieder angelaufen ist.

    Es treibt ihn in die Höhe...;-)

  3. ...kann ja fusioniert werden zu Kohlenstoff und/oder Sauerstoff, und dann...

    Nun, bei vielen Sternen funzt das ;)

  4. Nun, ich denke, daß das Problem im Decken der bisherigen Kosten des Programms liegt - kein Anbieter irgendeiner Ware gibt sich damit zufrieden, nur seine Kosten zu decken, es sei denn, er macht einen Kampfpreis. Wäre die Regierung ein privater Anbieter, wäre es ein Versuch, die anderen Anbieter vom Markt zu drängen. Deshalb geraten die Anbieter mit Gewinnerzielungsabsicht ins Hintertreffen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Marktunlogik"
  5. wenn beim Verkauf von Überbeständen der Preis sinkt?
    Angebot-Nachfrage-Preis. Spätestens wenn das Angebot wieder sinkt, steigt der Pres wieder wenn der Bedarf noch besteht.
    Auf lange Sicht ist der Markt wieder in Ordnung, das jetzt ist eine Korrektur, denn bei Bildung der Reserven müsste ja der Preis wegen erhöhter Nachfrage ja hochgedrückt worden sein, bei zu teurem Verkauf bis 2010 jedenfalls lag der Preis auch über "normal" und die Privatwirtschaft hat trotzdem nicht mehr produziert/alternative Quellen erschlossen, sondern wahrscheinlich Sonderprofite (wegen des hohen Preises) eingestrichen.
    Was sich im Artikel übrigens leider gar nicht findet, sind Zahlen zur riesigen Reserve der USA und zum Helium-Weltmarkt, die das angebliche Problem illustrieren könnten.

    • Varech
    • 01. Januar 2013 17:42 Uhr

    ... wenn gleich nach der Neujahrsfeier in einer Redaktion die Entschwafelungsanlage noch nicht wieder angelaufen ist.

    5 Leserempfehlungen
  6. john stewart behandelte das thema auf seine humoreske weise schon 2010.

    http://www.thedailyshow.c...

  7. Es treibt ihn in die Höhe...;-)

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  • Schlagworte Rohstoff | USA | Gas
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