Der Apfel

Wenn ich an Weihnachten denke, fällt mir dieser Apfel ein. Es muss Mitte der zwanziger Jahre gewesen sein – das erste Weihnachtsfest, an das ich mich erinnere. Ich lebte mit meinen vier Geschwistern und meiner Großmutter auf einem abgelegenen Hof in Südtirol. Meine Eltern waren an diesem Tag ausnahmsweise zu Hause. Sonst zogen sie als Tagelöhner durch die Gegend. Am Morgen hatten wir, wie jeden Morgen, einen Maiskoch in der Kupferpfanne gemacht: einen Brei aus Maismehl, Wasser und Butter. Dann wurde, wie an jedem anderen Tag auch, gearbeitet. Mittags kochten wir uns auf dem offenen Steinherd der Rauchküche Knödel. Strom hatten wir damals noch keinen. Am Abend beteten wir den Rosenkranz und marschierten eine halbe Stunde lang durch den hohen Schnee zur Christmette ins Dorf. Als wir endlich wieder zu Hause waren, war Bescherung, und wir Kinder bekamen Äpfel und Nüsse geschenkt. Ans Singen hat nach 14 Stunden Arbeit auf dem Hof keiner mehr gedacht, und einen Weihnachtsbaum gab es auch nicht. Aber über den Apfel habe ich mich sehr gefreut, und ich kann mich nicht erinnern, dass die Feste später im Wohlstand schöner gewesen wären.

Maria Hofer, 90, wuchs im Südtiroler Passeiertal auf. 1938 zog sie nach Nordtirol, wo sie heute in einem Altenheim lebt.