WeihnachtsgeschichtenEine Berührung

...und weitere Geschichten von Olga Mannheimer und Roger Willemsen

Eine Berührung

Mitte Dezember, vor nicht langer Zeit, reiste ich ins Hinterland von Bihar , dem hundsgemein ärmsten Bundesstaat Indiens. Und landete im Dorf Nighwan. Da ich närrisch in dieses Land verliebt bin, war ich zu jedem Opfer bereit. Und wäre es ein muffiger Strohsack als Schlafplatz gewesen. Im Heustadel des Brahmanen.

Unter den knapp tausend Einwohnern lebten ein paar Dutzend »Unberührbare«. Jene, die beschmutzen, wenn sie einen berühren. Ich wollte wissen, wie sie in dem Kuhdorf miteinander auskamen. Die besseren Menschen und die Wertlosen.

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Jeder Tag war gut. Auch, weil ich oft lachen musste über den Schwachsinn, den sie mir erzählten. Das so Verwunderliche: Beide Seiten glaubten ihn. Jene, die zu einer Kaste gehörten, und die Kastenlosen, die Beschmutzer.

Mein letzter Tag, der 24. Dezember, war der schönste: Nach dem Aufwachen stieg ich die Leiter hinunter zum Besitzer des Schobers, dem Brahmanen. Time for breakfast. Er im Haus, ich im Hof. Distanz musste sein. Dabei war Mister Pandey kein Dracula, eher umgänglich. Aber er war eben ein First-Class-Inder, ein Priester. Und ich war der unberührbare Fremde. Hätten wir nebeneinandergegessen, so redete er nonchalant, hätte meine Nähe ihn »verunreinigt«.

Hinterher meditierten wir, wieder getrennt, er drinnen, ich draußen. Ich fand das ungemein erheiternd. Selbst bei einer Tätigkeit, die dazu beitragen soll, mit der Anmaßung der Hochwohlgeborenen aufzu- räumen, selbst dann konnte der holy man nicht lassen von der Aufgeblasenheit seiner holy scriptures.

Am späten Nachmittag war ich mit Mitasa unterwegs, einem jungen Mushavar, einem Rattenfänger. Die Unberührbarsten in der Gegend. Wir gingen jagen, hinaus auf die Felder: auf Verdacht ein Loch graben, mit Stroh füllen, anzünden – und lauern. Bis die Ratte ins Freie wetzte und Mitasa das Tier am Genick erwischte und an einem Bambusstecken festband. Nach dem dritten Fang wanderten wir zurück. Keiner sagte ein Wort, so begeistert waren wir. Denn jeden Abend brach hier dieselbe Schönheit über der Welt aus. Der rote Himmel, der leichte Dunst über der Erde, die sachten Geräusche.

Mayawati, Mitasas Frau, präparierte die Beute. Und legte sie in den Kochtopf, über der Feuerstelle im Freien. Da ich Geld dabeihatte, besorgte ich im Dorfladen etwas Chili, Öl und ein paar Zwiebeln. Und bekam als Ehrengast die Delikatesse, den Rattenschwanz. Und als Dessert das Herz einer Eidechse. Sicherheitshalber hatte ich eine Flasche Schnaps mitgebracht. Jetzt rettete sie mich. Als Digestif für mein Weihnachtsessen. Der 43-Prozentige machte die Runde. Als alle blau waren, schaute ich hinauf zu den indischen Sternen. Und fing zu heulen an. So besoffen war ich, so selig.

Andreas Altmann, 63, ist Reisereporter. In diesem Jahr erschien sein Buch »Gebrauchsanweisung für die Welt«.

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