WeihnachtsgeschichtenHeiligabend und andere Begebenheiten

Die Rentnerin Maria Hofer, die Autoren Maxim Biller und Amelie Fried, der Politiker Hans-Jochen Vogel: 25 Menschen erzählen, warum Weihnachten doch schön ist. von Maxim Biller und

Der Apfel

Wenn ich an Weihnachten denke, fällt mir dieser Apfel ein. Es muss Mitte der zwanziger Jahre gewesen sein – das erste Weihnachtsfest, an das ich mich erinnere. Ich lebte mit meinen vier Geschwistern und meiner Großmutter auf einem abgelegenen Hof in Südtirol. Meine Eltern waren an diesem Tag ausnahmsweise zu Hause. Sonst zogen sie als Tagelöhner durch die Gegend. Am Morgen hatten wir, wie jeden Morgen, einen Maiskoch in der Kupferpfanne gemacht: einen Brei aus Maismehl, Wasser und Butter. Dann wurde, wie an jedem anderen Tag auch, gearbeitet. Mittags kochten wir uns auf dem offenen Steinherd der Rauchküche Knödel. Strom hatten wir damals noch keinen. Am Abend beteten wir den Rosenkranz und marschierten eine halbe Stunde lang durch den hohen Schnee zur Christmette ins Dorf. Als wir endlich wieder zu Hause waren, war Bescherung, und wir Kinder bekamen Äpfel und Nüsse geschenkt. Ans Singen hat nach 14 Stunden Arbeit auf dem Hof keiner mehr gedacht, und einen Weihnachtsbaum gab es auch nicht. Aber über den Apfel habe ich mich sehr gefreut, und ich kann mich nicht erinnern, dass die Feste später im Wohlstand schöner gewesen wären.

Maria Hofer, 90, wuchs im Südtiroler Passeiertal auf. 1938 zog sie nach Nordtirol, wo sie heute in einem Altenheim lebt.

Allein, aber nicht ganz

Jeden Tag parkten weniger Autos am Zionskirchplatz, abends waren die meisten Fenster der Häuser dunkel, und in der Nacht war es so ruhig draußen, dass ich beim Schlafen das Fenster auflassen konnte. Dann, einen Tag vor Weihnachten, machte das 103 zu, auch im Kindergarten nebenan war plötzlich niemand, man hörte im Hof kein Lachen mehr und keine Bobbycar-Räder über den Beton des Spielplatzes rollen, und als ich am 24. kurz vor sieben noch einmal rausging, hatte ich das Gefühl, ich sei ganz allein auf der Welt. Und das war ich ja auch. Ich wollte es so, ich war es gern, aber so gern auch wieder nicht – und während ich langsam zur Schwedter Straße ging, fragte ich mich, ob S. und ich vor einem halben Jahr das Richtige getan hatten.

Als ich auf die Kastanienallee kam, fuhr laut eine fast leere Straßenbahn vorbei. Dann kam aus der anderen Richtung auch eine, und als sie weg war, sah ich, dass die Videothek gegenüber noch geöffnet war. Ich hatte mir hier in den letzten Monaten oft Filme und Serien ausgeliehen, öfter als sonst, weil es half, nicht nachzudenken, und jetzt hatten sie wahrscheinlich keine einzige DVD mehr, die ich noch nicht gesehen hatte.

In der Videothek war außer der alten Frau mit der Baseballkappe und der roten Adidas-Jacke niemand. Sie lehnte mit ihrem seit Wochen eingegipsten Arm gegen den Tresen und lächelte mich wie immer sehr herzlich an, und ich dachte, sie ist gar nicht so alt, sie ist vielleicht sogar jünger als ich. Dann ging ich von Regal zu Regal, aber ich fand nichts, ich schaute sogar hinten bei den Klassikern nach, wo ich sonst nie war, aber auf Klassiker hatte ich heute schon gar keine Lust.

»Und«, sagte sie mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme, »nichts gefunden?«

»Nein«, sagte ich, »nichts gefunden.«

»Lass dir Zeit«, sagte sie. »Vielleicht findest du noch was. Wir machen heute schon um sieben zu. Aber ich hab’s nicht eilig, nach Hause zu kommen.«

Ich drehte mich kurz um, guckte auf die bunte, große Wand mit den neuen Filmen hinter mir, dann drehte ich mich wieder zu ihr und sagte: »Nein, es ist okay, danke. Ich komm nach Silvester vielleicht mal wieder vorbei. Auf Wiedersehen.«

»Warte«, sagte sie. Sie beugte sich leicht vor, suchte kurz etwas unter dem Tresen, dann hielt sie plötzlich einen kleinen Weihnachtsmann aus Schokolade in ihrer gesunden Hand. Sie gab ihn mir und sagte ernst: »Frohe Weihnachten.«

»Frohe Weihnachten«, sagte ich.

»Gut, dann mach ich jetzt zu«, sagte sie.

»Ja«, sagte ich, »das ist eine gute Idee.«

Auf dem Weg nach Hause fiel mir ein, dass ich seit Jahren nicht geweint hatte. Jetzt weinte ich natürlich auch nicht, und als ich an der Zionskirche vorbeiging, hörte ich, wie sie dort etwas sangen. Ich dachte, ihre Stimmen klingen ja genauso wie die Stimmen der unheimlichen alten Nachbarn, die Mia Farrow in Rosemary’s Baby hinter der Wand ihrer Wohnung hört, bevor sie verrückt wird. Dann dachte ich, diesen Filmklassiker will ich unbedingt sehen. Und dann grinste ich und ging gut gelaunt nach Hause, nicht mehr ganz allein, denn in meiner Manteltasche steckte ein kleiner, abgegriffener Weihnachtsmann.

Maxim Biller, 52, ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch »Der gebrauchte Jude« .

Von guten Mächten wunderbar geborgen

»Weihnachten und Dietrich Bonhoeffers Gedicht hatten für unsere Familie eine große Bedeutung«, sagt Ruth-Alice von Bismarck, die wir an diesem Tag in einem Hamburger Altenheim besuchen. Als sie die erste Strophe jetzt noch einmal vorliest, hat sie sofort Tränen in den Augen: »Von guten Mächten treu und still umgeben / behütet und getröstet wunderbar / so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr.«

Ruth-Alice von Bismarck ist die Schwester der Frau, die diese Zeilen im letzten Winter des Zweiten Weltkriegs geschickt bekam.

Am 19. Dezember 1944 saß Dietrich Bonhoeffer seit 18 Monaten in Haft, gerade war er ins Kellergefängnis der Gestapo in Berlin verlegt worden. Seine Lage war verzweifelt, doch der Brief, den er an diesem Tag an seine Verlobte schrieb, klang unverzagt. »Ich bin so froh, daß ich Dir zu Weihnachten schreiben kann. Es werden stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt«, schreibt der 38-jährige Theologe an die 20-jährige Maria von Wedemeyer. Dann bittet er um Lesestoff, Zigaretten und Unterhosen mit Gummibund (man hatte ihm die Hosenträger weggenommen), bevor er schließlich zu »ein paar Versen« überleitet, die ihm an den Abenden zuvor eingefallen seien.

Später wird Von guten Mächten vertont und in Gottesdiensten überall auf der Welt gesungen und gebetet von Menschen in schweren Momenten. Was aber haben diese Worte der Empfängerin des Briefes bedeutet?

In seiner vertonten Form sei das Gedicht bei Taufen, Einsegnungen und an Weihnachten gesungen worden, erzählt die Schwester, die sich im Lauf ihres Lebens immer intensiver mit der Korrespondenz beschäftigt hat.

Sie erzählt, dass ihre Schwester und Dietrich Bonhoeffer sich trotz des großen Altersunterschieds von 18 Jahren früh erkannt hätten. Ihr selbst sei erst nach vielen Jahren klar geworden, wie ähnlich sich die beiden gewesen seien: Bonhoeffer, der schon jung Priester werden wollte und der sich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt habe, und Maria, die Eigensinnigste in der Familie. »Sie konnte«, erinnert sich ihre ältere Schwester an diesem Tag, »von Anfang an ›ich‹ sagen.«

Fast zwei Jahre waren die beiden verlobt, die längste Zeit davon war Dietrich im Gefängnis. Der Weihnachtsbrief sollte der letzte Brief bleiben, den Maria empfing. Im April 1945 wurde Bonhoeffer ermordet.

Marias Leben ging weiter. »Sie wusste, dass Dietrich wollte, dass sie fröhlich und lebendig weiterlebt und nicht als trauernde Witwe«, sagt Ruth-Alice von Bismarck. Maria studierte Mathematik, heiratete, zog nach Boston , bekam zwei Söhne, ließ sich scheiden und arbeitete in der noch jungen Computerbranche für die Firma Honeywell, wo sie eine Abteilung mit 200 Programmierern leitete. Das letzte Zuhause der Frau, deren Leben in der Neumark auf Gut Pätzig begann, war ein Holzhaus auf Stelzen am Atlantik. Als sie 1977 an Krebs erkrankte, zeigte sie den Papierschatz ihrer Schwester: »Als ich Maria auf ihrem letzten Lager noch einmal in Amerika erleben durfte, lagen die Briefe frisch gelesen neben ihr.«

Nach Marias Tod gab Ruth-Alice die Liebesbriefe als Buch heraus. An diesem Nachmittag schlägt sie die Seite mit dem Weihnachtsbrief auf. Als Bonhoeffer ihn schrieb, ahnte er, dass er hingerichtet werden würde. Man dürfe aber nicht glauben, er sei unglücklich, schreibt er seiner Verlobten: »Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht.«

Ruth-Alice von Bismarck, 92, schrieb das Buch »Brautbriefe Zelle 92«. Heike Faller besuchte sie.

Krieg und Frieden

Der erste Weihnachtsfeiertag verlief in meiner Kindheit immer gleich. Meine Mutter briet unter unweihnachtlichen Flüchen eine Gans, mein Vater saß in seinem Arbeitszimmer und tat so, als gehöre er nicht zur Familie, meine Brüder und ich lungerten vor der Küche herum und stritten, wer gleich beim Essen Brust oder Keule des Vogels erhalten würde. In einem Jahr – es muss 1979 oder 80 gewesen sein – teilte unsere Mutter mit, dass wir am ersten Feiertag Gäste erwarteten: drei junge Männer aus Eritrea . Sie seien wegen des Unabhängigkeitskrieges gegen Äthiopien aus ihrem Land geflohen und hätten Zuflucht in unserer schönen Heimatstadt Ulm gefunden. Nun gelte es, sie willkommen zu heißen und ihnen das Einleben zu erleichtern.

Mein jüngerer Bruder wandte besorgt ein, der Gänsebraten sei nicht groß genug für so viele Personen. Auch mein anderer Bruder und ich waren nicht begeistert von der Aussicht, mit fremden Männern aus einem fremden Land Weihnachten zu feiern. »In welcher Sprache sollen wir denn mit denen reden?«, fragte ich. »Die sprechen Italienisch«, gab meine Mutter zurück, »Eritrea war italienische Kolonie.« Na toll, dachte ich. Die Einzige in der Familie, die Italienisch konnte, war ich.

Die Gäste kamen und wurden uns vorgestellt. Einer hieß Fitui, der zweite Mussjeh, an den Namen des dritten erinnere ich mich nicht. Sie kamen uns vor wie die drei Könige aus dem Morgenland, nur dass sie nicht prächtig angezogen waren und keinen Weihrauch und keine Myrrhe mitbrachten. Sie waren schüchtern, antworteten zurückhaltend auf unsere Fragen. Irgendwann stellte sich heraus, dass sie neben Italienisch auch ein wenig Englisch sprachen, und so wurde die Kommunikation allmählich lebhafter.

Es wurde der einzige Weihnachtsfeiertag, an dem mein kleiner Bruder vergaß, sich mit uns um das Bruststück der Gans zu streiten. Gebannt lauschten wir den Erzählungen der Männer von den Kämpfen der eritreischen Rebellenbewegung EPLF, von ihrer Sehnsucht nach Unabhängigkeit und der Sorge um ihre Angehörigen, die in Eritrea zurückgeblieben waren. Der Älteste von ihnen, Fitui, war verheiratet, seine Frau wartete in einem Flüchtlingslager auf ihre Ausreise, und er hatte keine Ahnung, ob er sie je wiedersehen würde. An diesem Tag begriffen wir Kinder zum ersten Mal die Bedeutung des Wortes Frieden und wie es ist, wenn man nicht – wie wir – im Frieden lebt, sondern im Krieg. Es wurde uns bewusst, dass es völlig andere Realitäten gibt als die schwäbische Kleinstadtidylle, die wir bis dahin kannten.

Fitui und Mussjeh leben heute noch in Ulm. Sie haben Kinder, die inzwischen erwachsen sind, und meine Mutter wird zu ihren Familienfesten eingeladen. Jedes Jahr an Weihnachten erinnere ich mich an die Begegnung mit den drei Königen aus dem Morgenland und bin dankbar, dass sie mir damals ein viel wertvolleres Geschenk gemacht haben als Weihrauch und Myrrhe: Sie haben meinen Blick auf die Welt erweitert.

Amelie Fried, 54, ist Moderatorin und Schriftstellerin. Zuletzt veröffentlichte sie mit ihrem Mann Peter Probst das Buch »Verliebt, verlobt, verrückt – Warum alles gegen die Ehe spricht und noch mehr dafür«

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Leserkommentare
    • Nidan29
    • 25. Dezember 2012 19:33 Uhr

    Ein rührender Artikel. Wenn ich an meine Kindheit in den 80er und 90 denke, dann waren wir Kids doch sehr verwöhnt. Immer warme Mahlzeiten, Weihnachtsgeschenke unter dem Weihnachtsbaum und wir Kids musste nicht schuften gehen, um unsere Eltern finanziell zu unterstützen. Nichtsdestotrotz ändern sich die gesellschaftlichen Strukturen. Der demografische Wandel verlangt von den Jüngsten immer mehr Verantwortung für eine verantwortungsbewusste Lebensweise, damit die Ressourcen auch für die nachfolgenden Generation gesichert. Widmen wir uns aber dem Abklang des aktuellen Jahres und damit, was wir mit unseren Familien und Freunden unternehmen. [...]. Glückseligkeit, Zufriedenheit und Unbeschwertheit werden auch in Zukunft teuer umkämpft sein.

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