Allein, aber nicht ganz

Jeden Tag parkten weniger Autos am Zionskirchplatz, abends waren die meisten Fenster der Häuser dunkel, und in der Nacht war es so ruhig draußen, dass ich beim Schlafen das Fenster auflassen konnte. Dann, einen Tag vor Weihnachten, machte das 103 zu, auch im Kindergarten nebenan war plötzlich niemand, man hörte im Hof kein Lachen mehr und keine Bobbycar-Räder über den Beton des Spielplatzes rollen, und als ich am 24. kurz vor sieben noch einmal rausging, hatte ich das Gefühl, ich sei ganz allein auf der Welt. Und das war ich ja auch. Ich wollte es so, ich war es gern, aber so gern auch wieder nicht – und während ich langsam zur Schwedter Straße ging, fragte ich mich, ob S. und ich vor einem halben Jahr das Richtige getan hatten.

Als ich auf die Kastanienallee kam, fuhr laut eine fast leere Straßenbahn vorbei. Dann kam aus der anderen Richtung auch eine, und als sie weg war, sah ich, dass die Videothek gegenüber noch geöffnet war. Ich hatte mir hier in den letzten Monaten oft Filme und Serien ausgeliehen, öfter als sonst, weil es half, nicht nachzudenken, und jetzt hatten sie wahrscheinlich keine einzige DVD mehr, die ich noch nicht gesehen hatte.

In der Videothek war außer der alten Frau mit der Baseballkappe und der roten Adidas-Jacke niemand. Sie lehnte mit ihrem seit Wochen eingegipsten Arm gegen den Tresen und lächelte mich wie immer sehr herzlich an, und ich dachte, sie ist gar nicht so alt, sie ist vielleicht sogar jünger als ich. Dann ging ich von Regal zu Regal, aber ich fand nichts, ich schaute sogar hinten bei den Klassikern nach, wo ich sonst nie war, aber auf Klassiker hatte ich heute schon gar keine Lust.

»Und«, sagte sie mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme, »nichts gefunden?«

»Nein«, sagte ich, »nichts gefunden.«

»Lass dir Zeit«, sagte sie. »Vielleicht findest du noch was. Wir machen heute schon um sieben zu. Aber ich hab’s nicht eilig, nach Hause zu kommen.«

Ich drehte mich kurz um, guckte auf die bunte, große Wand mit den neuen Filmen hinter mir, dann drehte ich mich wieder zu ihr und sagte: »Nein, es ist okay, danke. Ich komm nach Silvester vielleicht mal wieder vorbei. Auf Wiedersehen.«

»Warte«, sagte sie. Sie beugte sich leicht vor, suchte kurz etwas unter dem Tresen, dann hielt sie plötzlich einen kleinen Weihnachtsmann aus Schokolade in ihrer gesunden Hand. Sie gab ihn mir und sagte ernst: »Frohe Weihnachten.«

»Frohe Weihnachten«, sagte ich.

»Gut, dann mach ich jetzt zu«, sagte sie.

»Ja«, sagte ich, »das ist eine gute Idee.«

Auf dem Weg nach Hause fiel mir ein, dass ich seit Jahren nicht geweint hatte. Jetzt weinte ich natürlich auch nicht, und als ich an der Zionskirche vorbeiging, hörte ich, wie sie dort etwas sangen. Ich dachte, ihre Stimmen klingen ja genauso wie die Stimmen der unheimlichen alten Nachbarn, die Mia Farrow in Rosemary’s Baby hinter der Wand ihrer Wohnung hört, bevor sie verrückt wird. Dann dachte ich, diesen Filmklassiker will ich unbedingt sehen. Und dann grinste ich und ging gut gelaunt nach Hause, nicht mehr ganz allein, denn in meiner Manteltasche steckte ein kleiner, abgegriffener Weihnachtsmann.

Maxim Biller, 52, ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch »Der gebrauchte Jude« .