Von guten Mächten wunderbar geborgen

»Weihnachten und Dietrich Bonhoeffers Gedicht hatten für unsere Familie eine große Bedeutung«, sagt Ruth-Alice von Bismarck, die wir an diesem Tag in einem Hamburger Altenheim besuchen. Als sie die erste Strophe jetzt noch einmal vorliest, hat sie sofort Tränen in den Augen: »Von guten Mächten treu und still umgeben / behütet und getröstet wunderbar / so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr.«

Ruth-Alice von Bismarck ist die Schwester der Frau, die diese Zeilen im letzten Winter des Zweiten Weltkriegs geschickt bekam.

Am 19. Dezember 1944 saß Dietrich Bonhoeffer seit 18 Monaten in Haft, gerade war er ins Kellergefängnis der Gestapo in Berlin verlegt worden. Seine Lage war verzweifelt, doch der Brief, den er an diesem Tag an seine Verlobte schrieb, klang unverzagt. »Ich bin so froh, daß ich Dir zu Weihnachten schreiben kann. Es werden stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt«, schreibt der 38-jährige Theologe an die 20-jährige Maria von Wedemeyer. Dann bittet er um Lesestoff, Zigaretten und Unterhosen mit Gummibund (man hatte ihm die Hosenträger weggenommen), bevor er schließlich zu »ein paar Versen« überleitet, die ihm an den Abenden zuvor eingefallen seien.

Später wird Von guten Mächten vertont und in Gottesdiensten überall auf der Welt gesungen und gebetet von Menschen in schweren Momenten. Was aber haben diese Worte der Empfängerin des Briefes bedeutet?

In seiner vertonten Form sei das Gedicht bei Taufen, Einsegnungen und an Weihnachten gesungen worden, erzählt die Schwester, die sich im Lauf ihres Lebens immer intensiver mit der Korrespondenz beschäftigt hat.

Sie erzählt, dass ihre Schwester und Dietrich Bonhoeffer sich trotz des großen Altersunterschieds von 18 Jahren früh erkannt hätten. Ihr selbst sei erst nach vielen Jahren klar geworden, wie ähnlich sich die beiden gewesen seien: Bonhoeffer, der schon jung Priester werden wollte und der sich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt habe, und Maria, die Eigensinnigste in der Familie. »Sie konnte«, erinnert sich ihre ältere Schwester an diesem Tag, »von Anfang an ›ich‹ sagen.«

Fast zwei Jahre waren die beiden verlobt, die längste Zeit davon war Dietrich im Gefängnis. Der Weihnachtsbrief sollte der letzte Brief bleiben, den Maria empfing. Im April 1945 wurde Bonhoeffer ermordet.

Marias Leben ging weiter. »Sie wusste, dass Dietrich wollte, dass sie fröhlich und lebendig weiterlebt und nicht als trauernde Witwe«, sagt Ruth-Alice von Bismarck. Maria studierte Mathematik, heiratete, zog nach Boston , bekam zwei Söhne, ließ sich scheiden und arbeitete in der noch jungen Computerbranche für die Firma Honeywell, wo sie eine Abteilung mit 200 Programmierern leitete. Das letzte Zuhause der Frau, deren Leben in der Neumark auf Gut Pätzig begann, war ein Holzhaus auf Stelzen am Atlantik. Als sie 1977 an Krebs erkrankte, zeigte sie den Papierschatz ihrer Schwester: »Als ich Maria auf ihrem letzten Lager noch einmal in Amerika erleben durfte, lagen die Briefe frisch gelesen neben ihr.«

Nach Marias Tod gab Ruth-Alice die Liebesbriefe als Buch heraus. An diesem Nachmittag schlägt sie die Seite mit dem Weihnachtsbrief auf. Als Bonhoeffer ihn schrieb, ahnte er, dass er hingerichtet werden würde. Man dürfe aber nicht glauben, er sei unglücklich, schreibt er seiner Verlobten: »Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht.«

Ruth-Alice von Bismarck, 92, schrieb das Buch »Brautbriefe Zelle 92«. Heike Faller besuchte sie.