Weihnachten : Mut zum Wunder

Sind Sie genervt von Weihnachten? Von Kitsch, Konsum und Klingelingeling? Dann lesen Sie weiter. Wenn nicht, erst recht

Weihnachten ist die Unterschicht unter den Festen: mächtig aufgedonnert, aber von fragwürdigem Geschmack; verführt durch die Konsumkultur; laut, süß und billig. Die Unmündigen lieben es, die Sensibleren fliehen davor – aufs Land oder nach Goa, in Geschenk-Askese oder Idyllen-Verweigerung. Theologisch Interessierte halten sich lieber an intellektuell anspruchsvollere Feiertage wie den tiefsinnig düsteren Karfreitag oder das dialektisch hoffnungsvolle Ostern. Weihnachten ist das unterkomplexe, zurückgebliebene, peinliche Fest.

Das ist es übrigens nicht erst heute, unter dem Eindruck einer globalen Weihnachtsindustrie, die ihre Dekorationselemente bis in die Hotelfoyers von Dubai oder Chengdu ausgebreitet hat, wo christliches Brauchtum eigentlich nicht heimisch ist. Die Weihnachtskritik und Weihnachtsverachtung hat vielmehr eine lange Tradition. Schon der englische Schriftsteller und katholische Essayist Gilbert Keith Chesterton (am bekanntesten als Schöpfer der Detektivgestalt Pater Brown) musste sich 1905 mit Ästheten auseinandersetzen, die Weihnachten und vor allem die folkloristische Art, wie es gefeiert wurde, vulgär fanden.

Chesterton ergriff damals resolut Partei für die Vulgarität, und er hatte recht damit. In Wahrheit ist Weihnachten, auch in seiner spätmodernen kommerziellen Heruntergekommenheit, etwas Großes und Wichtiges: ein Test auf unsere Restkindlichkeit, auf die weichen Stellen in der Seele, auf die Fähigkeit, sich zu elementaren Wünschen und Sehnsüchten zu bekennen.

Weihnachten verstößt gegen ein Tabu, das heute über allem Glückhaften und Hoffnungsvollen liegt

Das gilt eben nicht nur für das Schöne, sondern auch für das schwer Erträgliche am Fest. Für das endlose Dudeln musikalisch analphabetischer Lieder-Arrangements, für das scheingemütliche Gedrängel bei Glühwein, »Liebesäpfeln« und gebrannten Mandeln, für infantile Krippenspiele und zuckrige Hollywoodfilme über Santa Claus, sein pfiffiges Rentier und einen kleinen krebskranken Jungen, der wunderbarerweise am 24. Dezember und so fort. Es steckt ein Versprechen in diesem ganzen falschen Zauber – ein Versprechen, das vom Weihnachtsbetrieb verraten, aber auch lebendig und gegenwärtig gehalten wird.

Der Philosoph Ernst Bloch, der Erfinder des »Prinzips Hoffnung«, hat das utopische Potenzial in Kitsch und Trivialkunst erkannt. Es stimmt nicht, dass Geschichten mit unglaubwürdigem Happy End und schmalzige Melodien einfach zynisch kalkulierte Verkaufsartikel oder ideologische Machwerke wären. Das sind sie natürlich auch, sogar vor allem. Doch drückt sich in ihnen daneben das Fernweh nach einem besseren Leben aus, vielleicht sogar ein Anknüpfungspunkt für Protest und Rebellion: Es könnte anders sein, es muss anders werden. Wer sich das geschmacklose Genreporträt einer glutäugigen Zigeunerin ins Wohnzimmer hängt, signalisiert damit immerhin, dass der Mensch in seinem Dasein Schönheit braucht. Das niedliche Kätzchenfoto, bei dem der gebildete Betrachter gequält auf die eigenen Fußspitzen schaut, ist insgeheim ein subversives Bekenntnis zur Zartheit und ein Einspruch gegen die Brutalität der Welt.

Der Überdruss, hat er auch etwas mit Feigheit zu tun?

Es ist daher nicht so sicher, dass Gefühligkeit immer falsch und illusionsloser Realismus immer gut ist; manchmal ist er nicht einmal realistisch. Von Lenin, dem Organisator der Russischen Revolution und Vater der Sowjetunion, wird berichtet, dass er die Theateraufführung einer etwas rührseligen Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens verärgert verlassen habe. Das sei alles bourgeoise Sentimentalität. In seinen Augen war Mitgefühl unpolitisch, und wer den Menschen wirklich helfen wollte, durfte nicht an ihr Herz appellieren, sondern musste die gesellschaftlichen Verhältnisse umstürzen. Nur steht die »Sentimentalität« von Dickens, Weihnachten und dem Evangelium am Ende humaner und sogar erfolgreicher da als Lenins Revolution, die sich erst moralisch unmöglich gemacht hat und dann historisch gescheitert ist.

Letztlich reicht der Grund für das Unbehagen an Weihnachten tiefer als irgendwelche Geschmacksfragen. Weihnachten verstößt gegen ein Tabu, ein relativ junges Tabu, das aber kaum weniger strikt ist als die alten Verbotsregeln gegen das Unanständige, Hässliche oder Böse. Jetzt liegt ein Tabu über dem Positiven, Glückhaften, Hoffnungsvollen. Der Regisseur, dessen Inszenierung als »zu schön« kritisiert wird, das Paar, das wegen seiner im Großen und Ganzen erfreulichen Beziehung im Kreise seiner problembeladenen Freunde ein leicht schlechtes Gewissen hat, der amerikanische Präsident, der die von ihm geweckten Erwartungen nach Meinung weltweiser Beobachter natürlich wird enttäuschen müssen – alles Beispiele für eine tief sitzende Schwierigkeit mit der Idee, es könne auch einmal etwas gut gehen.

Es gibt viele Gründe für dieses Tabu über dem Positiven, bessere und schlechtere. Da ist ein begreiflicher Ideologieverdacht, wonach immer die schlimmsten Menschenfeinde und größten Staatsverbrecher eine besondere Vorliebe für Bilder von der heilen Welt, für erbauliche Kunst und für das Abküssen von Babys hatten. Da ist die Angst vor dem Glücks- und Moralterror, als solle mit bürgerlichen Idealvorstellungen wie der Familie unter dem Tannenbaum dem anders lebenden Teil der Menschheit einmal gezeigt werden, wo der normative Hammer hängt. Da ist aber auch, vielleicht, eine gewisse Feigheit vor der Glückshoffnung, wegen der Verletzlichkeit, die damit verbunden ist – es tut nämlich weh, wenn sie enttäuscht wird, und dagegen schützt man sich am besten durch vorauseilende Desillusioniertheit. Es ist jedenfalls ein komplexes, mächtiges Syndrom, das der Freude am Positiven entgegensteht.

Weihnachten bedeutet den ungenierten, massiven und frontalen Angriff auf dieses Syndrom. In allen Dimensionen, vom Überirdischen (der menschgewordene Gottessohn) über das Kultivierte (Bachs Weihnachtsoratorium ) bis zum Banalen (Klingklang und Bratenduft in der Fußgängerzone). Vom himmlischen Glanz, wenn die Engel auf dem Feld bei Bethlehem den Hirten erscheinen, bis zum discoartigen Flimmern der Kette mit bunten elektrischen Kerzen im Schaufenster der Fahrschule: überall Licht, Licht, Licht.

Man kann schon verstehen, dass das manchen zu viel wird. Aber man kann schwerlich behaupten, dass wir insgesamt zu viel davon hätten. Normal ist, wegen der Scheu vor dem Glücksversprechen, dass wir mit angezogener seelischer Handbremse durchs Leben fahren. Damit diese vernünftige, erwachsene und armselige Gebremstheit nicht überhand nimmt – dazu ist Weihnachten da.

Kommentare

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schöner Artikel

mehr als die Überschrift, bräuchte es hier eigentlich gar nicht, ein nüchtern schönes Portrait eines Fests, bei dem Emotionen eine so wichtige Rolle spielen, auch wenn es die negativen Gefühle und die Angst vorm Verletzlichsein sind.

Auch wenn ich Kindergartenchöre immer noch schrecklich finde, wenn die kleinen keinen Ton treffen und ringsum die anderen Tränen der Rührung in den Augen haben, bin ich doch ganz im glückseeligen Weihnachtsfieber, wenn die den eigenen Baum mit den Kugeln meiner Mutter schmücke...

Schöner Artikel

Ich habe es eigentlich schon den ganzen Monat festgestellt, wie immer mehr mit einer Selbstverständlichkeit Weihnachten gefeiert wird ohne meist den Hintergrund dieses Festes zu kennen. Weder den christlichen noch den heidnischen. Wenn auf einmal von Santa Claus statt Nikolaus die Rede ist. Und eigentlich der Glühwein im Vordergrund steht.

Dieses Jahr bedeutet Weihnachten für mich nur Kopfschütteln.