WeihnachtsmärkteAdvent in Rheinform

Drei Tage, sechs Weihnachtsmärkte: Eine Flusskreuzfahrt von Frankfurt nach Straßburg. von 

Der Weihnachtsmarkt in Straßburg

Der Weihnachtsmarkt in Straßburg  |  © AFP/Getty Images/Patrick Hertzog

Für einen Augenblick ist alles vergessen. Das Gedränge. Die Stände. Der Schnee, der auf meinen Wangen schmilzt. Versunken stehe ich vor einer Bude auf dem Mannheimer Weihnachtsmarkt und schnuppere an einem Stück Seife. Unscheinbar sieht es aus, milchig-gelb, kaum fingerlang. Doch es duftet nach Himmel. Oder vielmehr nach Weihrauch. Die Gerüche der Nachbarstände vermengen sich mit dem Seifenaroma – Glühweinduft und Feuerrauch. Bratapfel und eine Prise Zimt. Eine einmalige Mischung. Der Geruch von Advent.

Ich mag Weihnachtsmärkte. Sie wirken so schön aus der Zeit gefallen. Doch meist schaffe ich nur einen kurzen Besuch, einen Glühwein, eine Atempause im alljährlichen Adventsstress. Diesmal soll das anders werden. Diesmal, habe ich mir vorgenommen, sind Weihnachtsmärkte mein Programm: Auf einer Flusskreuzfahrt von Frankfurt nach Straßburg und zurück möchte ich diese Marktgattung erforschen. »Drei Tage – sechs Märkte!«, erzählte ich Freunden. »Ein Albtraum!«, sagten viele und lästerten über tanzende Plüsch-Elche, »Mutti ist die Beste«-Lebkuchen und Plastik-Christbäume.

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Tatsächlich erwartet mich schon beim zweiten Landgang eine künstliche Tanne. Ein Baum aus Draht und Lichtern steht in Speyer direkt am Steg. Über dem Portal des Doms nascht der steinerne Ferdinand eine Brezel; auf dem Weihnachtsmarkt davor wird das Laugengebäck den Hungrigen von heute angeboten. Dazu gibt es Wein und Würste – sonst nicht mehr viel. Barocke Häuserfassaden werden nicht schöner, wenn davor ein Plastik-Santa-Claus blinkt und winkt: mit dieser Erkenntnis kehre ich rasch zurück aufs Schiff. Zum Glück kommen ja noch andere Märkte.

Auf der Amadeus Princess immerhin bemüht man sich um festliche Stimmung. Christsterne zieren die Tische, Lichter die Fenster. Draußen liegt der Rhein, glatt und schwarz wie eine Schiefertafel; darüber tanzen Schneeflocken. In der Bar sinke ich in einen Samtsessel. »Do you like Lebkuchen?«, spricht mich eine Mitreisende an. Sie heißt Andrea, ist Britin und mit ihrem Gatten hier. Die beiden haben Pläne für die Reise: jeden Tag einen Glühwein trinken. In jeder Stadt einen Anhänger für ihre Tanne kaufen. »In England haben wir keine Weihnachtsmärkte«, erzählt Andrea. »Zumindest keine eigenen. Nur ein paar Kopien mit Ständen und Waren aus Deutschland. Jetzt möchten wir die Originale kennenlernen.« – »Ich hab die Tour gebucht, um mal einen kalten Advent zu erleben«, sagt York, ein deutschstämmiger Peruaner. »Bei uns beginnt an Weihnachten ja schon die Badesaison.«

Am nächsten Morgen drängeln wir uns vor den Panoramafenstern: Das Schiff legt in Straßburg an, und diese Stadt, so haben wir gehört, soll das Ziel für Weihnachtsfans sein. Schon 1570 stellte man hier die ersten Stände auf. Heute nennt Straßburg sich alljährlich Capitale de Noël, Weihnachtshauptstadt, hat ganze zwölf Märkte, und es gibt ein richtiges Leitsystem, damit Besucher sich zurechtfinden können. Ich folge den Infotafeln und bunten Schildern durch Gassen mit festlich geschmückten Häusern und Tannen, an denen Stoffbären hängen. Und stoße dabei auf Stände, die mein Weihnachtsmarktbild verändern.

Sosehr ich Märkte auch mag: Essen kaufe ich dort nicht gerne. Zu oft bin ich an Reibekuchen der Variante »innen roh und außen schwarz« geraten. Oder Crêpes, aus denen Schokocreme troff. Eine Bude ist nun mal keine Sterneküche. Doch Straßburg überrascht mich. Vor der Kathedrale werden Pralinen angeboten, dezent gezuckert, mit Kakao bestäubt. Auf dem Platz nebenan probiere ich Macarons, mit Creme gefüllte Mandelmehlkekse, ein paar Stände weiter schwarze Trüffeln aus der Provence. Und am Flussufer entdecke ich das »Dorf der unbeugsamen Kleinhersteller aus dem Elsass«: Hier decke ich mich mit Mandel-Ingwer-Apfelmus und sechs Sorten Senf ein. So festlich hat sich mein Magen lange nicht mehr gefühlt.

Pfefferkuchenherz

Pfefferkuchenherz  |  © Jan Woitas/dpa

Gut gestärkt geht es nun in die französische Weihnachtsprovinz. Ein Bus bringt uns nach Obernai. In dem Winterstädtchen gibt es einen Hexenturm, in dem die Männer des Mittelalters unliebsame Frauen entsorgten. Einen Renaissance-Brunnen mit sechs Eimern. Und rings um das Rathaus einen Weihnachtsmarkt, der selbst Fußkranke nicht überfordert: In wenigen Hütten bieten ältere Damen stoffbeklebte Sterne und Weingummis an. Dafür steht in der Krippe lebendes Vieh. Zwei Lämmer zupfen ihre Mutter am Fell, ein Esel kickt einen Eimer durchs Stroh. Vor dem Gatter drängen sich Kinder und strahlen. Erstmals sehe ich an einer Krippe mehr Menschen als am Glühweinstand.

Am Abend sitzen wir im Restaurant an Bord, ein Kellner tischt uns Mousse au Chocolat auf. »Bis jetzt haben mir alle Märkte gefallen«, zieht Andrea eine erste Bilanz. Sie hat vier Glühwein getrunken. Ihren Mann unterm Mistelzweig geküsst. Und sich Inspiration geholt: »Wir Briten schmücken unsere Bäume normalerweise sehr konservativ. Nur Kugeln und Lichter. Hier habe ich eine Tanne gesehen, deren Stamm und Zweige mit Geschenkband umwickelt waren. Tolle Idee!« Die Märkte seien alle sehr leise gewesen, findet York: »Nirgends lief Musik. In Peru wäre das anders. Da hätten die Leute sicher Ghettoblaster aufgestellt.«

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