KlimaberichtDas Leck

Der neueste Bericht des Weltklimarats IPCC kursiert im Internet – Monate vor seiner offiziellen Veröffentlichung. Die Indiskretion verschärft die Debatte um die Klimapolitik. von 

Er hat schon etwas Rührendes, dieser Vermerk: " Do Not Cite, Quote or Distribute " steht auf allen Seiten des vertraulichen Dokuments, das derzeit im Internet zirkuliert. Nicht zitieren oder verteilen? Dass dies in Zeiten des digitalen Filesharings ein frommer Wunsch ist, muss nun auch der Weltklimarat IPCC feststellen.

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte der Blogger Alec Rawls vorab einen Entwurf des neuen, fünften IPCC-Berichts. Darin ist für jedermann nachlesbar, was erst im September 2013 das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte – eine Indiskretion, die einmal mehr die Frage nach dem Verhältnis von Transparenz und Vertraulichkeit aufwirft.

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Einerseits bemüht sich der IPCC, nach diversen Skandalen in jüngster Zeit größtmögliche Offenheit walten zu lassen. Niemand soll den Eindruck haben, hier werde hinter verschlossenen Türen mit Ergebnissen und Erkenntnissen gemauschelt. Andererseits hegt man die Hoffnung, auch bei Hunderten von beteiligten Forschern und Experten ließe sich ein solcher Diskussionsprozess über Monate hinweg geheim halten. Nun zeigt sich: Beides zugleich geht nicht.

Denn der Geheimnisverrat ist denkbar einfach. Man muss sich nur, wie der Blogger Alec Rawls, beim IPCC als "externer Gutachter" anmelden – schon bekommt man Zugang zum Bericht. Zwar muss man sich als Experte ausweisen und eigene Publikationen zum Thema angeben, doch strikt kontrolliert wird nicht. "Jeder, der sich als Mitglied der Scientific Community fühlt, kann mitmachen", sagt der Klimaforscher Jochem Marotzke , einer der Autoren des geleakten Reports. "Würden wir Leute aussieben, würde man uns das leicht als Zensur auslegen."

AWI

Am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (AWI), das einen Eisbrecher und die Neumayer-Station in der Antarktis betreibt, forschen die Experten für Gletscher und Eis.

DKRZ

Das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg entwickelt eines von fünf großen Klimamodellen; auf dem Supercomputer des Deutschen Klimarechenzentrums (DKRZ) simulieren sie damit den Ozean und die Atmosphäre.

GFZ

Das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) berechnet die Anhebung und Absenkung der Kontinente, wenn sich die Gletscher zurückziehen.

HZG

Sturmfluten und regionale Klimaberechnungen sind die Spezialität des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (ehemals GKSS), wo auch das Norddeutsche Klimabüro angesiedelt ist. Dieses versteht sich – ebenso wie das neue Climate Service Center in Hamburg – als Mittler zwischen Forschung, Politik und Öffentlichkeit.

Geomar

Das Geomar ist das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und untersucht Meeresströmungen wie den Golfstrom.

PIK

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Umwelt und Gesellschaft.

International

Koordiniert werden die Aktivitäten unter anderem vom Weltklimaforschungsprogramm (WCRP). Der Bericht des Weltklimarats IPCC versucht alle paar Jahre, die ganze Forschung auf einen Nenner zu bringen. Der nächste IPCC-Report soll im Jahr 2013 erscheinen.

Dass Rawls sich nicht an die Vertraulichkeit gehalten hat, findet Marotzke "schäbig"; dass aber bei so einem heiß umkämpften Thema damit zu rechnen ist, ja, das muss Marotzke zugeben. Rawls selbst macht keinen Hehl daraus, dass er Absprachen gebrochen hat. Auf seiner Seite stopgreensuicide.com erklärte er, dass er sich moralisch zu seinem Vorgehen berechtigt fühlte, weil es ein öffentliches Interesse gebe und die IPCC-Reports von "systematischer Unehrlichkeit" geprägt seien.

Was aber steht in dem neuen Papier Bahnbrechendes drin? Eigentlich nichts. Rawls meint zwar, er habe "Wegweisendes" entdeckt, das den bisherigen Klimakonsens auf den Kopf stelle; mit dramatischer Geste verweist er im vielhundertseitigen Papier auf einen Satz über kosmische Strahlung. Deren Einfluss auf das Klimageschehen sei möglicherweise noch nicht ganz verstanden. Daraus konstruiert er als Klimaskeptiker die These, damit gerate die bisherige Klimatheorie ins Wanken. Allerdings überliest er geflissentlich alle folgenden Hinweise, dass der Effekt der kosmischen Strahlung – wenn überhaupt vorhanden – verschwindend gering sei und am Trend nichts ändere.

Tatsächlich ist dieser gegenüber dem letzten Sachstandsbericht von 2007 gleich geblieben. Korrekturen gibt es nur im Detail. So habe sich etwa die Beweislage "weiter verdichtet", dass der Mensch schuld am weltweiten Temperaturanstieg sei; auch die Wahrscheinlichkeitsangaben für einzelne Prozesse sind genauer geworden. Als "so gut wie sicher" gilt etwa die Erwärmung der Troposphäre oder der Anstieg des Meeresspiegels seit 1993 um jährlich bis zu 3,7 Millimeter. Dabei entspricht "so gut wie sicher" in der IPCC-Terminologie einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent, während andere Erkenntnisse nur als "extrem wahrscheinlich" (95 Prozent) oder "sehr wahrscheinlich" (90 Prozent) gelten.

Leider bleibt bei der akribischen Wahrscheinlichkeitsrechnung der wichtigste Faktor außen vor: der Mensch. Denn von diesem hängt in Zukunft alles ab. Dazu stellt der IPCC diverse Szenarien vor: Für den (extrem optimistischen) Fall, dass ab sofort radikale Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden, stiegen bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperaturen um 0,2 bis 1,8 Grad an; sollte im Klimaschutz nichts passieren, müsse man mit 2,6 bis 4,8 Grad zusätzlich rechnen. Wo aber die Temperatur im Jahre 2100 tatsächlich liegen wird, wagt der IPCC nicht zu prognostizieren.

So wird auch der fünfte Sachstandsbericht, wenn er 2013 verabschiedet wird, viel Raum für Interpretationen lassen, und man darf sich fragen, wozu dieses Ritual noch dient. Der vermeintliche Coup von Alec Rawls, der sich als Rohrkrepierer entpuppt, verschärft nur die Frage, die unter Fachleuten längst diskutiert wird: Brauchen wir den Weltklimarat in dieser Form eigentlich noch?

Der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber kritisierte kürzlich in der ZEIT , die Sachstandsberichte seien für manche Regierungen ohnehin "nur noch ein Vorwand, Entscheidungen immer länger aufzuschieben – stets in Erwartung des jeweils nächsten Berichts volle sieben (!) Jahre später, der immer ein Stück mehr Gewissheit liefert".

Nun stellt sich auch der Anspruch auf Vertraulichkeit als unsinnig heraus. Der Klimaforscher Hans von Storch fordert daher, man möge die Arbeitspapiere doch "gleich öffentlich machen, weil Vertraulichkeit und Offenheit nicht gleichzeitig geht". Darüber muss der IPCC wohl demnächst intensiv diskutieren. Aus Sicht der Öffentlichkeit wäre noch eine Bitte hinzuzufügen: Statt wiederholt langatmiger Aufzählung sämtlicher Ergebnisse genügte ein Update alle paar Jahre. Darin müsste nur berichtet werden, was sich im Vergleich zum Vorgängerreport Nennenswertes verändert hat. Das hätte im besten Falle dann auf einer DIN-A4-Seite Platz.

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Leserkommentare
    • riessm
    • 19. Dezember 2012 11:25 Uhr

    "Dazu stellt der IPCC diverse Szenarien vor: Für den (extrem optimistischen) Fall, dass ab sofort radikale Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden, stiegen bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperaturen um 0,2 bis 1,8 Grad an; sollte im Klimaschutz nichts passieren, müsse man mit 2,6 bis 4,8 Grad zusätzlich rechnen. Wo aber die Temperatur im Jahre 2100 tatsächlich liegen wird, wagt der IPCC nicht zu prognostizieren."

    DOCH, nämlich 0,2 bis 4,8 Grad höher als heute - abhängig vom Verhalten des Menschen und wahrscheinlich bei extremen unverhergesehenen Einflüssen noch etwas anders, aber diese Spanne soll doch GENAU das ausdrücken. Die ZEIT deckt hier wunderbar auf, wie ein Blogger (und eigentlich alle IPCC-Gegner) die wissenschaftliche Ehrlichkeit der Forscher ausnutzen, um durch kleine Zitate den Bericht in Misskredit zu bringen, aber dann wird der Sinn des Klimarats rhetorisch in Frage gestellt, weil man keine exakte Angabe für die Temperatur in 88 Jahren machen kann? Das ist doch ein Widerspruch.

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    • ST_T
    • 19. Dezember 2012 13:28 Uhr

    "Die ZEIT deckt hier wunderbar auf, wie ein Blogger (und eigentlich alle IPCC-Gegner) die wissenschaftliche Ehrlichkeit der Forscher ausnutzen, um durch kleine Zitate den Bericht in Misskredit zu bringen, aber dann wird der Sinn des Klimarats rhetorisch in Frage gestellt, weil man keine exakte Angabe für die Temperatur in 88 Jahren machen kann? Das ist doch ein Widerspruch."

    Das was Sie beschreiben ist ein durchaus gängiges Problem, nämlich das Grundproblem der Weitergabe wissenschaftlicher Arbeits-Papiere an Laien.
    Es ist schwer verwundderlich, dass nur einige Passagen zitiert werden während der größte Teil ausgelassen wird, aber der Journalismus arbeitet keinen Stück besser. Es ist schon fast absurd, mehrere hundert Seiten auf einer Seite zusammenfassen zu wollen, möchte aber jeder.

    Dahingehend ist der Vorwurf natürlich berechtigt, auf der anderen Seite aber ist die grundsätzliche Befürchtung natürlich, dass schon wieder getrickst wird wie in den vorigen Berichten auch mit Zahlenverschönerungen und vor allem Zensuren.

    Und dieses Problem sehe ich als weitaus schädlicher an, vor allem zusammengenommen mit dem Lobby-Einfluss von Umweltorganisationen!

    Das hier ist einer: "Deren Einfluss auf das Klimageschehen sei möglicherweise noch nicht ganz verstanden." ... "...Hinweise, dass der Effekt der kosmischen Strahlung – wenn überhaupt vorhanden – verschwindend gering sei und am Trend nichts ändere."

    • SvS2
    • 19. Dezember 2012 11:58 Uhr

    Angesichts der Betriebsamkeit der "Klimaskeptiker" sind Zweifel an der Wichtigkeit des Berichtes des IPCC kaum nachvollziehbar. Wenn, wie es geschieht, jedwedes Argument herangezogen wird, das geeignet erscheint, die durch menschliche Einwirkung auf uns zukommende Veränderung des Klimas infrage zu stellen, ist das seriöse Zusammenstellen der wissenschaftlichen Erkenntnisse unverzichtbar. Dass der Bericht allein nicht ausreicht, um die notwendigen politischen Konsequenzen herbeizuführen, steht auf einem Blatt.

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    etwa diese
    http://www.dailymail.co.u...

    natürlich hat der britische Met dies Zahlen alle erfunden, oder?

    oder das hier

    http://opinion.financialp...

    über den im Klimakenner Land D gar nicht erst bericht wird. Wie nicht gewusst?

    Der IPCC zeigt selber mit solchen streng vertraulich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Berichten, über Climategate gar nicht erst zu reden, was von ihm zu halten ist.

    Jeder sollte sich beim IPCC und seinen Mitgliedern bewusst sein, dass es dort um deren Leben aka Funding geht, denn viele haben nicht den Luxus von Leuten wie Golfstrom-Rahmstorf selbst bei bewiesener Unkenntnis der Materie (http://www.readers-editio...) weiterhin vom Steuerzahler alimentiert zu werden.

  1. Und beobachtet ein Gebiet, so um die 5 Jahre lang, dann weiss man mehr über dieses Gebiet.

    Und dann braucht man diese Klimapolitik überhaupt nicht.
    Weil diese Klimapolitik immer nur heiße Luft ausstößt.
    Ein Krieg um die beste "Tabelle".
    Die Natur, allein, braucht keine Tabellen.
    Sie orientiert sich an ihrem jeweiligen Umfeld - und sie reagiert.

    Es gibt nur ein Lebewesen, der Mensch, der dringend Tabellen braucht und kaum reagieren kann/will.

    Es geht ja um die Macht, nich wahr ....

    7 Leserempfehlungen
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    dann stell ich mich mal an meinen teich...
    als zunamies und sowas
    sowas giebts nicht
    wie sollte das auch gehn
    is ja nich genug wasser da
    immer dieser blödsinn in den medien

    • kalle11
    • 19. Dezember 2012 13:19 Uhr

    Wissenschaftler braucht kein Mensch. Einfach hier ins Forum schauen, da wissen die Leute a) alles und b) das auch noch besser.

    Wissenschaftler kosten nur Geld.

  2. dann stell ich mich mal an meinen teich...
    als zunamies und sowas
    sowas giebts nicht
    wie sollte das auch gehn
    is ja nich genug wasser da
    immer dieser blödsinn in den medien

    2 Leserempfehlungen
    • zfat90
    • 19. Dezember 2012 12:51 Uhr

    Huh! Ist das Klima so hoch geheim? Oder der Betrug damit?

    7 Leserempfehlungen
    • kalle11
    • 19. Dezember 2012 13:19 Uhr
    6. genau

    Wissenschaftler braucht kein Mensch. Einfach hier ins Forum schauen, da wissen die Leute a) alles und b) das auch noch besser.

    Wissenschaftler kosten nur Geld.

    6 Leserempfehlungen
    • FUZ
    • 19. Dezember 2012 13:36 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    • FUZ
    • 19. Dezember 2012 13:52 Uhr

    Verzichten Sie auf diffamierende Äußerungen und Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

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