ZigarettenschachtelnGrauenvolle Packung

Die EU-Kommission will mit Schockbildern auf Zigarettenschachteln gegen das Rauchen vorgehen. von 

Der Kinderwagen ist leer. Ärzte kämpfen um das Leben eines Patienten. Ein Apfel schrumpelt vor sich hin.

Seit 2010 findet der Schweizer Raucher solche Bilder auf der Rückseite seiner Zigarettenpackung. Mit dem Hinweis, dass Rauchen das Sperma schädigt oder das Herz oder die Haut. Und der Telefonnummer einer »Rauchstopplinie«. Bereits 39 Staaten zwingen die Tabakindustrie, mit »bildlichen Warnhinweisen« auf die Risiken des Rauchens hinzuweisen. Brasilien geht sogar mit veritablen Schockbildern – blutige Füße mit schwarzen Zehen, offene blutverschmierte Schädel – gegen das Rauchen vor.

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Am Mittwoch dieser Woche verabschiedet die EU-Kommission den Entwurf einer neuen Tabakrichtlinie. Danach müssen alle Zigarettenpackungen europaweit neben den seit 2003 verbindlichen schriftlichen Gefährdungshinweisen wahrscheinlich auch drastische Fotos zeigen, die Rauchfolgen illustrieren. Nach Angaben des EU-Kommissionssprechers für Gesundheit, Frédéric Vincent, werden die Schockpackungen aber voraussichtlich erst 2015 auf dem Markt sein.

Zigarettenpackungen sind mehr als Verpackung. Nach dem weitgehenden Werbeverbot für Tabakprodukte sind sie die wirksamste Werbefläche der Tabakindustrie. Daher die Vehemenz, mit der die Branche alle Versuche bekämpft, dort mehr als warnende Worte zu platzieren. Auch in den USA sollten grafische Warnungen in diesem Jahr eingeführt werden; doch die Zigarettenhersteller erstritten vor Gericht einen Aufschub – mit dem Argument, das Recht der Industrie »auf freie Rede« würde verletzt.

Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung der Verpackung sind die in letzter Zeit immer häufigeren Motiv- und Designwechsel. Doch schockierende Fotos werden auch diese Werbefläche schrumpfen lassen. Ziel der europäischen Gesundheitspolitik ist es, das Rauchen zu entmystifizieren und auf das schiere Abbrennen von Tabak zu reduzieren. Das Markenversprechen – Männlichkeit, Individualität oder Gelassenheit – soll verblassen. Auch extra dünne, angeblich »leichte« und durch Zusatzstoffe speziell schmeckende Zigaretten (etwa Menthol) soll es nach der neuen Direktive nicht mehr geben.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt »grafische Warnungen« in Artikel 11 der Konvention zur Tabakkontrolle. Die Auswertung zahlreicher Studien ergab, dass bildliche Warnhinweise nachdrücklicher wirken als Texte, effektiver aufklären und eher dazu führen, dass Raucher sich wünschen, ihrer Sucht zu entsagen. (Ob sie ihr Verhalten ändern, ist nicht gesagt.) Eine neue Studie der Universität von South Carolina stellt fest, dass »grauenhafte Bilder« glaubwürdiger wirken als symbolische Abbildungen.

Schockbilder auf Packungen benutzt Australien schon seit 2006. Dort geht man von jährlich 15.000 toten Tabakopfern aus, obwohl der Raucheranteil von 30,5 Prozent (1988) auf 15,1 Prozent (2010) gesunken ist. Die Regierung möchte die Rate bis 2018 auf 10 Prozent reduzieren. Dazu will man fast die ganze Frontseite der Packungen mit unangenehmen Bildern versehen: zerfressene Zähne und Lippen erinnern an Mundkrebs; ein Neugeborenes an Schläuchen und Atemgerät weist auf das Risiko für Babys hin; eine blutige Herz-OP warnt vor blockierten Arterien.

Besondere Sorge bereiten den Gesundheitswächtern die Frauen. Die Quote weiblicher Raucher ist in den vergangenen 30 Jahren kaum gefallen. Entsprechendes gilt für die Raucherinnen in Deutschland: 2009 rauchten knapp drei Prozent weniger Männer als 1999; unter Frauen hat sich die Quote fast nicht verändert.

Alarmierende Zahlen, weil laut Statistischem Bundesamt das Rauchen für Frauen gefährlicher ist. Sie erkranken früher an typischen Raucherkrebsen und sterben häufiger daran als Männer. 2010 fielen 13.815 Frauen solchen Krebsarten zum Opfer – 36 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Vielleicht ließe sich auch daraus ein Motiv für die Warnkampagne entwickeln.

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    • Schlagworte Rauchen | Nichtraucher | Gesundheit | Nikotin | Gesundheitsrisiko
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