Zölibat"Lockspeise des Satans"

Der Zölibat zieht sich wie ein roter Faden durch die Kirchengeschichte. Bis heute spaltet er den Klerus. von 

Klara von Assisi, Gründerin des Klarissenordens, soll einen Traum gehabt haben: Sie brachte ein Gefäß, gefüllt mit warmem Wasser, und ein Handtuch zu Franz von Assisi. Als sie zu ihm kam, »reichte der Heilige der Jungfrau Klara eine seiner Brustwarzen und sagte: ›Komm, nimm und sauge!‹« Heilige in intimer Zweisamkeit? Waren Klara und Franz ein Liebespaar? Der Streit darüber dauert bis heute an. Nur wenige Quellen erzählen von der Beziehung der beiden, kein Briefwechsel existiert, und in Franz’ Schriften kommt Klara nicht vor. Der Traum wurde kurz nach Klaras Tod im Zuge ihres Heiligsprechungsverfahrens erzählt. Doch das Intime wurde aus der Geschichtsschreibung gestrichen, über Jahrhunderte hinweg wurde das Bild aufrechterhalten, die beiden seien einander zwar zugetan gewesen, doch Franz habe Klara nicht als Frau geliebt. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

Die Geschichte der katholischen Kirche ist auch eine Geschichte des Zölibats. Erfunden wurde fromme Keuschheit aber nicht in Rom . Der Glaube, die Nähe zu Göttern erfordere sexuelle Abstinenz, war bereits bei heidnischen Priestern in Babylonien, Ägypten oder Phönizien verbreitet. In Pergamon fordert eine Tempelinschrift nach »ehelichem Umgang« einen Tag Reinigung und zwei nach »außerehelichem«. Auch Plutarch warnte vor dem Tempelgang nach sexuellem Kontakt.

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Jesus selbst hatte eher ungezwungenen Umgang mit Frauen. Er brach die starre Rolle der jüdischen Frauen seiner Zeit auf, fragte sie nach ihren Meinungen und diskutierte mit ihnen über Theologie. Von einer Sünderin ließ er sich berühren, die Füße küssen und salben. Die meisten seiner Jünger, auch Petrus, waren verheiratet.

Im ersten Jahrtausend waren verheiratete Priester allgegenwärtig. Ehelosigkeit war eine Wunschvorstellung der Kirche, aber kein Dogma. Doch erste Schritte in Richtung Zölibat wurden bereits unternommen: Auf der Synode von Clermont wurde 535 bestimmt, dass wer zum Diakon oder Priester ordiniert wird, den ehelichen Umgang mit seiner Gemahlin nicht mehr fortsetzen darf: »Er wird Bruder seiner bisherigen Frau«.

Die frauenfeindlichen Töne wurden bis zur Jahrtausendwende immer lauter. Frauen seien »Lockspeise des Satans«, »Quell der Sünden« schrieb Petrus Damiani, ein Benediktinermönch und einflussreicher Kirchenlehrer 1049 in seinem Buch von Gomorrha . Knapp ein Jahrhundert später entschied das Zweite Laterankonzil unter Papst Innozenz II., Ehelosigkeit sei eine Voraussetzung für alle geweihten Ämter.

Unter den Klerikern regte sich Widerstand – der aber nicht wie heute von einer Pfarrerinitiative in einem gesitteten Dialog vorgetragen wurde: Bischöfe wurden von Priestern bespuckt und verprügelt, in manchen Kirchen fanden regelrechte Massenschlägereien statt. In Mainz planten einige gar die Ermordung des Erzbischofs. Doch die Kirchenleitung hielt eisern an der Ehelosigkeit fest.

Gehorchen mochten nicht alle. »Mag dir der Name ›Gattin‹ heiliger und ehrbarer scheinen, mir war allzeit reizender die Bezeichnung ›Geliebte‹ oder gar deine ›Konkubine‹, deine ›Dirne‹«. Eindeutige Worte, die Heloise, eine Nonne und Äbtissin des französischen Paraklet-Klosters, an den Vater ihres Kindes richtete, den berühmten Theologen Petrus Abaelardus. Als der Briefwechsel zwischen den beiden im 17. Jahrhundert erschien, landete er umgehend auf dem Index Librorum Prohibitorum , dem vatikanischen Katalog verbotener Literatur. Alles, was nicht in das keusche Bild der Kirche passte, wurde zensiert.

Kontrolleure wurden ausgesandt, um das Treiben zu überwachen. Doch auch das half wenig: Ein päpstlicher Visitator, der im 16. Jahrhundert das Benediktinerstift Lambrecht in der Steiermark aufsuchte, fand dort zu seinem Entsetzen neun Mönche, sieben Kinder, vier Konkubinen und zwei Ehefrauen vor.

Als Martin Luther die religiöse Bühne betrat, wurde die Ehe zum politischen Akt: Der Reformer verlangte von seinen Priestern kein zölibatäres Leben, ganz im Gegenteil. Für ihn widersprach die Ehelosigkeit den Gesetzen Gottes. In Scharen traten verheiratete Kleriker über. Ganze Landstriche gingen für den Vatikan verloren, die Zukunft der römisch-katholischen Kirche stand eine Zeit lang auf Messers Schneide. Bischöfe klagten, sie würden es nicht mehr wagen, gegen Konkubinate vorzugehen, sonst verlören sie alle Priester.

Die Antwort der katholischen Kirche folgte beim Konzil von Trient (1545–1563) anders als erwartet – der Zölibat wurde zum Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Reformern. Mit scharfer Rhetorik wurde die Keuschheit über die Familie gestellt: »Wenn jemand sagt, es sei nicht besser und gottseliger, in der Jungfrauschaft oder Ehelosigkeit zu bleiben, als zu heiraten, der sei verdammt.«

Allen Protesten zum Trotz blieb der Vatikan in der Frage des Zölibats bis heute unbeugsam. Lediglich Diakone wurden beim Zweiten Vatikanischen Konzil davon ausgenommen. Auf die Meinung des einfachen Klerus wurde nie Rücksicht genommen: Bereits 1974 sprachen sich in einer Umfrage 52 Prozent der Priesteramtskandidaten für eine Aufhebung der Verpflichtung zur Ehelosigkeit aus.

Der Zölibat ist tief in die Kirche eingeimpft. Für den Theologen Adolf Holl ist es ein Mittel, ein verborgenes Programm durchzusetzen, die hidden agenda der Kirche: »Den Ausschluss der Frau.«

Holl war einer der Ersten, der Franz und Klara von Assisi vor über 30 Jahren als Liebespaar bezeichnete. Plötzlich trug die Beziehung der beiden erotische Züge. »Aber die damals gültigen Umstände haben sie daran gehindert, ihre Liebe zu leben«, sagt Holl.

Seit zweitausend Jahren ringt die katholische Kirche damit, wie sie mit der Sexualität ihres geweihten Personals umgehen soll. Dem Zeitgeist hat sie sich dabei nie angepasst. Und doch scheint es, als hänge die Zukunft der Kirche auch mit der Lösung dieser Frage zusammen. Eine Hinwendung zum nur mehr freiwilligen Zölibat scheint fast unausweichlich.

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