Schüler in Niedersachsen © Julian Stratenschulte/dpa

Es ist ein Satz, der oft daher gesagt wird, aber bisher schwer zu belegen war: In Deutschland zählt nicht, was du kannst, sondern wo du herkommst, und zwar mehr als in anderen Staaten. Die meisten Studien deuteten eher in eine andere Richtung: Wenn Ökonomen etwa untersuchten, wie sehr die späteren Einkommen der jüngeren Generation in Deutschland von denen ihrer Eltern abhängen, kamen sie zwar zu dem Schluss, dass der Zusammenhang stark war. Er war aber nicht größer als etwa in den USA, Frankreich oder Großbritannien. Deutschland rangierte in solchen internationalen Vergleichen meist im Mittelfeld, ähnlich wie Schweden, das für seine hohe soziale Mobilität bekannt ist.

Spielt die Herkunft also doch keine so große Rolle? Der Ökonom Daniel Schnitzlein vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat nun die Methoden verfeinert, mit denen sich messen lässt, wie oft Kinder aus armem Elternhaus wirklich arm sind, wie stark also unser Bildungserfolg und unser Einkommen von der Herkunft abhängt. Sein Ergebnis wirft ein neues Licht auf die Debatte über Chancengleichheit: Rund 40 Prozent unseres späteren Einkommens, schreibt Schnitzlein, lässt sich statistisch mit unserer Herkunft erklären. Beim Bildungserfolg beträgt der Zusammenhang sogar rund 50 Prozent. Schnitzlein selbst kommt daher zu dem Schluss, dass in Deutschland "kaum Chancengleichheit besteht".

Wie hat der Ökonom gerechnet? Auf jeden Fall überzeugender als andere Wissenschaftler. Wenn Ökonomen in der Vergangenheit versuchten, den Einfluss des Elternhauses zu schätzen, verglichen sie die Einkommen der Eltern mit jenen der Kinder. Verdienen Söhne besonders gut, wenn ihr Vater gut verdient hat? Sind die beiden ähnlich erfolgreich auf ihrem Bildungsweg? Das Problem an der Methode liegt auf der Hand: Die Zahl der möglichen anderen Einflussfaktoren war so groß, dass die Ergebnisse stark verzerrt waren.

Schnitzlein rechnet nun anders: Er misst, wie gleich die Einkommen von Geschwistern in einem Land sind. Ähneln sie sich, deutet das darauf hin, dass dies mit der gemeinsamen Jugend zusammenhängen könnte: mit dem Wohnort, dem Viertel und dem Elternhaus, wo die Kinder groß wurden. Auch der Erziehungsstil könnte eine Rolle spielen. Die Studie vergleicht die Geschwister anschließend mit anderen gleichaltrigen Personen.

Familienhintergrund einflussreichster Faktor

Die Daten von Schnitzlein sind die ersten verlässlichen für Deutschland – und sie zeichnen ein düsteres Bild. Auffällig ist: Der Einfluss des Elternhauses ist bei Männern größer als bei Frauen. Und: Verglichen mit anderen Ländern schneidet Deutschland in der DIW-Studie schlecht ab. Es bewegt sich etwa auf dem Niveau der USA, wo der Aufstieg aus einem armen Elternhaus besonders schwierig ist. Glaubt man den Forschern, hat die Herkunft sogar mehr Einfluss als andere Faktoren wie etwa die Körpergröße, die ebenfalls über Karrieren entscheiden kann.

Woran liegt’s? Die Ökonomen schreiben selbst, dass die Daten hierüber nur wenig Aufschluss geben. Studien aus Dänemark legen nahe, dass die Unterschiede bei den Einkommen weniger mit kulturellen Gründen zu tun haben, als mit institutionellen. Sprich: Mit dem Bildungssystem. Dass dieses in Deutschland zahlreiche Ungerechtigkeiten schafft, ist nicht unbedingt neu. Zeit, eine neue Bildungsdebatte zu beginnen.