TauschkulturDer Wert der kleinen Dinge

Eine Privatinitiative in Karlsruhe will zum Tauschen und Verschenken anregen, damit weniger Ressourcen verschwendet werden. Ein Leserartikel Ein Leserartikel von Robert Orzanna

Givebox in Karlsruhe

Givebox in Karlsruhe  |  ©Robert Orzanna

Wer durch Karlsruhe geht, wundert sich vielleicht über die großen Kästen, die an manchen öffentlichen Orten aufgestellt sind. Sie sehen ein wenig aus wie überdimensionierte Briefkästen. Anders als Briefkästen lassen sie sich aber von jedermann öffnen, und was man darin findet, sind gebrauchte Gegenstände wie DVDs, Spielzeug, Geschirr und Bücher.

Bei den Kästen handelt es sich um sogenannte Giveboxen, und sie funktionieren so: Wer etwas besitzt, das er nicht mehr braucht, legt es in so eine Box, und wer etwas aus der Box gebrauchen kann, nimmt es sich. Besonders für Kleinzeug wie Schreibutensilien oder Schlüsselanhänger ist das praktisch, denn solche Dinge im Internet oder der Zeitung zu inserieren, lohnt sich nicht.

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Giveboxen gibt es nicht nur in Karlsruhe, sondern auch in anderen deutschen Städten wie Berlin, Düsseldorf und Essen. Typischerweise in der Form von begehbaren Schränken. Die Idee, auch in Karlsruhe eine Givebox aufzustellen, kam mir nach einem Auslandsaufenthalt: Ich stellte fest, dass ich viele Dinge angesammelt hatte, ohne sie zu nutzen. Ich wollte sie aber nicht einfach wegwerfen, sondern sinnvoll weitergeben.

Auf der Suche nach Werkzeug und Mitstreitern stieß ich im November 2012 auf den Karlsruher Umsonst-Flohmarkt. Ich erzählte den Organisatoren von meiner Idee und fand so auf Anhieb eine Gruppe von fünf Menschen für den Bau der Boxen.

Zuerst wollte ich die Givebox ganz offiziell von der Stadt genehmigen lassen. Auf einen Brief an die Stadtverwaltung habe ich aber bis heute keine Antwort erhalten. Wir haben dann eine recht kleine und unauffällige Box gebaut und sie ohne Genehmigung aufgestellt – in der Hoffnung, dass die Stadt sie toleriert. Das hat funktioniert. Mittlerweile haben wir vier Boxen aufgestellt. Über Kontakte habe ich erfahren, dass die Stadtverwaltung  für unsere Initiative sogar dankbar ist.

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Zu Beginn hatten wir Bedenken, ob die Giveboxen überhaupt genutzt würden und nicht etwa als Mülleimer missbraucht. Die Bedenken haben sich nicht bestätigt. Müll in den Boxen ist eine Ausnahme, das Interesse der Karlsruher Bürger nimmt Monat für Monat zu.

Auch unsere Gruppe ist immer größer geworden. Beim Bau der letzten Box haben wir sogar aus einem Jugendzentrum Unterstützung bekommen. Aus einer Initiative zur Ressourcenschonung ist so auch ein soziales Projekt geworden, das die Menschen aus der Nachbarschaft verbindet.

Ich wünsche mir, dass sich die Idee der Giveboxen weiter verbreitet. In jedem Karlsruher Stadtteil sollte es eine Box geben, gebaut von den Anwohnern oder in einer Schule oder einem Jugendzentrum vor Ort.

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Leserkommentare
  1. Müsste auch mal wieder nach Karlsruhe reinfahren. Hätte so einiges Zeug, was ich nicht mehr gebrauchen kann.

    5 Leserempfehlungen
    • xila
    • 12. September 2013 11:15 Uhr

    Bei mir im Viertel sieht man relativ häufig Pappkartons mit Büchern oder kleinen Haushaltsartikeln und der Aufschrift "zu verschenken". Das war vor ein paar Jahren noch sehr selten, aber inzwischen sieht man das immer häufiger. Ich finde das auch vernünftig. Was anderen noch nützlich sein kann, sollte man nicht einfach in der Tonne entsorgen.

    9 Leserempfehlungen
  2. >>Wer etwas besitzt, das er nicht mehr braucht, legt es in so eine Box, und wer etwas aus der Box gebrauchen kann, nimmt es sich.<<

    Ich würde hier mit Radio Eriwan sprechen: "Gute Idee, aber".

    Dieses Recyceln über Verschenken ist grundsätzlich eine hervorragende Idee. Wir praktizieren das in unserem Mietshaus seit Jahren: Wer kleine Dinge übrig/satt hat, legt sie in eine Kiste neben den Briefkästen. Dinge, die auch nach Wochen keinen Liebhaber gefunden haben, werden dann entsorgt. Funktioniert ganz gut.

    Dies im öffentlichen Raum zu praktizieren lässt mich allerdings befürchten, das solche Boxen schnell bevorzugtes Ziel von Vandalismus werden könnten (so wie die Kleidersammelbox in der Nachbarschaft, die regelmäßig aufgebrochen bzw. angezündet wird).

    Ein weiteres "aber" entsteht aus meiner langjährigen Flohmarkterfahrung. Eigentlich soll auf Flohmärkten eine ähnliche Verteilung stattfinden, wie mit den Giveboxen beabsichtigt, nämlich direkt vom Vorbesitzer/nutzer zum Nachbesitzer/nutzer, nur eben auf Flohmärkten über Geld als Tauschmittel.

    Jeder Kenner des Flohmarktgeschehens weiß, dass sich über die Jahre ein reger Zwischenhandel herausgebildet hat, der die Preise hochtreibt und den gewollten sozialen Nutzen einschränkt, weil der jetzt stärker vom Geldbeutel abhängt. Sowas kann ich mir auch bei den Giveboxen vorstellen, denn z.B. beim Sperrmüll früher war ganz schnell ein Zwischenhandel etabliert.

    Das ist sicher nicht im Sinne des Erfinders, aber wohl unvermeidbar.

    3 Leserempfehlungen
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    • xila
    • 12. September 2013 14:43 Uhr

    Mich hat das nie gestört, daß da Leute Geld verdienen mit dem, was andere wegwerfen. Das fand ich sogar total praktisch! Ich habe den Nächstsitzenden - die saßen ja mindestens alle fünfzig Meter bereit - immer angesprochen und gefragt, ob er mir helfen kann beim Raustragen - was er davon haben wollte, war dann natürlich seins -, und nie hat sich einer geweigert. Seit es Sperrmüll auf Abruf gibt, hat sich bei mir so viel auf dem Speicher angesammelt, daß meine Erben, die sich eines Tages wohl um die Entsorgung kümmern müssen, ganz schön fluchen werden.

    • Karst
    • 12. September 2013 18:05 Uhr

    In puncto Vandalismus möchte ich widersprechen.

    Ich kenne in Essen und Umgebung mehrere solcher Orte, meist in Schrankform, und die sind meines Wissens nach noch nie zerstört worden. Die befinden sich teilweise auf sehr "offener" Fläche, z.B. an der Promenade in Düsseldorf und teilweise stehen sie vor Geschäften oder Kultureinrichtungen, wie z.B. vorm Grillo-Theater in Essen. Es geht größtenteils um Bücher, aber bei einigen auch um Haushaltutensilien und mehr.

    Da bin ich wirklich nicht so pessimistisch.

    • dacapo
    • 12. September 2013 23:04 Uhr

    Durch Handel kommen Menschen in Arbeit. Der Rubel muss rollen, alternative Ideen zum Geldverdienen braucht die Menschheit in Zukunft ohnehin. Fabriken und die dazugehörigen Arbeitsplätze wird es nicht mehr wie in der Vergangenheit geben.

    • grifs
    • 12. September 2013 12:05 Uhr

    Auf der anderen Rheinseite - in Wörth am Rhein - gibt man ab und sucht sich aus im Mehrgenerationenhaus; die gleiche Idee; wird seit langem schon genutzt und das Problem mit Vandalismus, Abfall usw. entsteht hier nicht

  3. der auf breiter Basis Schule machen sollte!

    Viele nützliche Dinge, die einst für teures Geld angeschafft wurden, verlieren im Laufe der Zeit das Interesse ihrer Besitzer; manchmal nur deshalb, weil sie einfach nicht mehr "modern" oder hipp genug sind.

    Doch gibt es auch viele Menschen, die sich eben nicht dem Diktat der Mode oder dem jeweiligen Konsum-Zeitgeist unterwerfen lassen und vorwiegend solche Sachen erwerben, die ihrem tatsächlichen Bedarf entsprechen. Diese dürfen dann auch ggf. gerne "second hand" sein, wenn in gutem Zustand erhalten und zu einem günstigen Preis zu erstehen.

    So halte ich selbst seit einigen Jahren bereits Ausschau nach gebrauchten Büchern, die man in wirklich gute bis sehr gut erhaltenen (oft sogar neu) Zustand für kleines Geld erwerben kann.

    Nicht nur, dass es schlicht schade drum ist, Bücher einfach lieblos in den (Papier)Müll zu schmeißen, es ist auch eine Verschwendung von wertvollen Ressourcen der Natur, in diesem Falle von Bäumen, Wasser und Energie!

    Gerne gebe ich daher solchen Büchern, sofern ich sie auch selbst verwenden kann, ein neues Zuhause und freue mich nicht nur darüber, etwas positives für die Umwelt getan zu haben, sondern obendrein auch oft noch viel Geld eingespart zu haben.

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    es inzwischen Regale, wo man private Bücher abstellen und natürlich auch andere wieder mitnehmen kann - ein Büchertauschregal sozusagen. Funktioniert bei uns hier sehr gut, inzwischen haben das auch manche Stadtteilhäuser übernommen.

    bei mir in der Nähe z.B. gibt es einen Laden. Ich tue das dort regelmäßig. Bücher, CDs, DVDs,altes Geschirr, Klamotten.
    Die finanzieren mit dem Erlös dann Projekte.

    In Mainz gibt es Bücherschränke, die ganz genau wie diese GIveboxen funktionieren, nur eben für Bücher - und sehr rege genutzt werden. Gerade bei Büchern bin ich für diese Einrichtung dankbar - ich habe zwar gerne meine Wohnung voller Bände und nehme ein Buch auch mehrmals zur Hand, aber bei manchen weiß man dann doch, dass man sie nie wieder lesen wird. Da es mir aber zutiefst widerstrebt, Bücher wegzuwerfen und es auch kaum lohnt, sie zu verkaufen, halte ich solche Kästen für eine sehr gute Idee.

    Und wenn es für anderen Krimskrams funktioniert - warum nicht.

  4. Wirklich gut, die Idee. Mal überlegen, ob wir das bei uns in Ostwestfalen auch auf den Weg bringen können. Vielleicht könnte man noch den Namen entdenglischen, etwa mit „Tauschkasten” oder „Wertsachen” oder so ähnlich.

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  5. Auch ganz nett: Umsonstläden:
    http://umsonstladendd.wor...

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  6. Wir haben seit einem guten Jahr eine Givebox direkt vor der Haustür. Sie ist überdacht von einer großen Bushalte und neben einem Kiosk. Da wohl die Kaufkraft in unserem Viertel recht hoch zu seien scheint, findet der Besucher Dinge von erstaunlichem Wert. Die Gespräche an der Givebox führen zu einem Einblick in unsere Gesellschaft. Allein der Büchertausch ist die Sache schon wert. Aber auch junge Frauen tauschen so Klamotten auf hohem Level.
    Für Geburtstage und Weihnachten gerade bei jungen Familien ist die Box ein Segen. Wir sehen zunehmend alte Menschen, deren Bedürftigkeit zwar für unsere Gesellschaft beschämend ist, denen hier aber direkt und würdevoll geholfen wird. Wie ich in einem Kommentar laß, besteht die Sorge eines zwischenhandels ubd des Vandalismus. Ja, wir Nachbarn achten darauf, daß die Box schön anzuschauen ist. Von Zeit zu Zeit entsorgen wir deshalb Ladenhüter und räumen auf. Mit den "Zwischenhändlern", die es gibt, sprechen wir, und so hat sich deren Verhalten gewandelt. Und alles in allem: Wenn es die Givebox nicht schon gäbe...man müßte sie erfinden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte DVD | Essen | Müll | Nachbarschaft | Spielzeug | Stadt
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