Abschiebung : Ich möchte euch danken
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 "Du bist deutscher als manch ein Deutscher."

Ich dachte mir, wir ändern nichts an unserer Lebensweise. Sie ist gut. Wir machen genauso weiter und das Beste aus der Situation. Das hier ist auch unser Land, wir haben es lieb gewonnen. Ich dachte immer, wir müssen allen zeigen, was wir draufhaben, sonst landen wir auch bei meinem Vater in der jordanischen Wüste. In einem Land, aus dem wir nicht kommen, zu dem wir keine Bindungen haben, dessen Sprache wir nicht sprechen. Vier meiner sechs Geschwister sind hier geboren und haben Deutschland noch nie verlassen. Wir sind hier heimisch geworden. Das war nicht einfach – und dann sollten wir wieder gehen?

Das durfte nicht passieren. Jeden Tag habe ich daran gedacht, dass ich aus meinem Leben gerissen werden könnte. Dass ich in einem Flüchtlingslager landen könnte, dass ich nie Anwalt werden könnte.

Ein deutscher Freund meinte zu mir: »Du bist deutscher als manch ein Deutscher.«

Diesen Satz habe ich im Laufe der Jahre von sehr vielen Menschen gehört, die uns unterstützten – Mitschülern, Kommilitonen, Lehrern, Schulleitern. Ein Professor schrieb zwei Rechtsgutachten zu unserem Fall, der Uni-Präsident setzte sich bei der Landesregierung ein, damit wir »in Deutschland eine dauerhafte Perspektive« erhielten. Alle sagten: »Ihr gehört hierher!« Sie gaben ständig Interviews in Zeitungen und im Fernsehen.

Zusammen haben wir Demos und Mahnwachen organisiert. Hunderte Menschen standen ein Jahr lang jeden Donnerstag vor unserer Ausländerbehörde, egal ob es hagelte, regnete, donnerte, schneite oder die Sonne schien. Meine Kommilitonen verteilten Tausende Flyer bei minus zehn Grad. Das werde ich ihnen nie vergessen. Ich bin ihnen von ganzem Herzen dankbar. Deshalb lebe ich gern in Deutschland – wegen der Menschen, ihres Engagements für andere und ihrer Willenskraft.

Dann gibt es wieder Tage, an denen ich hadere. Warum wir? Warum ich? Warum muss mein Vater seit mehr als fünf Jahren allein in der Wüste leben? Warum darf er nicht bei seiner Familie sein, obwohl uns die Behörden das zugesagt haben? Warum haben wir nach 20 Jahren Leben in Deutschland immer noch einen auf ein Jahr befristeten Aufenthaltsstatus? Aber ich will nicht jammern.

Jetzt beginnt ein neues Jahr, und wie andere Menschen habe ich Vorsätze. Dass meine Geschwister weiterhin gut in der Schule sind, zum Beispiel. Und ich habe einen Wunsch: dass mein Vater nach Deutschland zurückkommen kann.

Wenn ich in Schulen und Universitäten über das Schicksal meiner Familie erzähle, kommen danach wildfremde Menschen zu mir, um ihre Solidarität zu bekunden. Dann weiß ich, dass ich hier willkommen bin. Und das fühlt sich gut an. Ich habe ein Zuhause auf dieser Welt. Einfach eine Heimat.

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Kommentare

78 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

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"intelligenteren Rassismus auf der Pfanne"

habe ich nie gesagt! Würde ich auch nie, denn "intelligenten Rassismus" gibt es nicht. Bitte nächstes Mal korrekt zitieren. (Hier bietet sich Copy und Paste an) Wir müssen schon auf der Grundlage dessen diskutieren, was ich tatsächlich gesagt habe.

Es entspricht aber eben meiner Lebenserfahrung, dass ich bereits mit Rassisten zu tun hatte, die für ihre Pauschalverurteilungen wesentlich intelligentere Argumente ins Feld führen konnten als der Autor.

Und dazu stehe ich nach wie vor!

Zusätzlich halte ich den Menschen allgemein für mehr intellektueller Leistung befähigt als eine Katze.