AbschiebungIch möchte euch danken

Wie meine palästinensische Großfamilie es schaffte, in Deutschland heimisch zu werden – und nur noch einen Wunsch hat. von Hassan Khateeb

Ich befinde mich am tiefsten Punkt der Welt, nicht weit vom Toten Meer, in Jordanien. Die Sonne ist untergegangen. Trotzdem ist es unbeschreiblich schwül und erdrückend heiß. Tagsüber waren es 45 Grad. Mein Vater und ich sitzen in seiner neuen Bleibe. Er lebt in einer Baracke in einem Flüchtlingslager. Mein Vater, den ich nur ein Mal habe weinen sehen, spricht unter Tränen. »Mein Sohn«, sagt er, »ich habe Angst davor, dass ich hier sterbe und meine Frau und meine Kinder nie wiedersehe.«

Vor drei Jahren stand die Geschichte meiner Familie in dieser Zeitung(ZEIT Nr. 53/09). Es war die Geschichte einer palästinensischen Großfamilie, die nach Deutschland geflohen war und 17 Jahre später abgeschoben werden sollte. Seit dem Erscheinen des Artikels ist viel passiert. Meine Familie darf nun vorerst in Deutschland bleiben. Ich studiere Jura im achten Semester und habe mein Pflichtpraktikum in einer Kanzlei in Jordanien gemacht, um endlich meinen Vater wiederzusehen. Er wurde als Einziger abgeschoben – entgegen einer richterlichen Verfügung.

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Fünf Jahre ist das jetzt her. Nachts stürmten etwa 15 Polizisten unsere Wohnung. Sie stellten alles auf den Kopf, sogar im Hähnchenfleisch im Kühlschrank haben sie Papiere gesucht, die uns als jordanische Staatsbürger ausweisen würden. Gefunden haben sie nichts, weil es solche Papiere gar nicht gibt. Wir sind palästinensische Flüchtlinge, bei den UN registriert. Als jordanische Staatsbürger hätten wir ausreisen müssen.

Eigentlich sollten wir in dieser Nacht alle weg. Die ganze Familie saß schon im Flugzeug. Die Behörden wollten Fakten schaffen, bevor ein richterliches Urteil ergangen war. Aber der Pilot weigerte sich zu starten. Was für ein mutiger Mann. Mein Vater wurde in Abschiebehaft genommen, wir anderen durften gehen. Nach acht Tagen wurde er ausgeflogen, ohne dass wir benachrichtigt wurden. Die Kosten mussten wir tragen.

Seit dieser Nacht spüre ich als ältestes Kind eine riesige Verantwortung für meine Geschwister und meine Mutter. Ich habe mir geschworen, dass ich für sie kämpfen werde. Ich will ein Vorbild für meine Geschwister sein. Ein Bruder und ein Sohn, der immer für sie da ist und auf den sie sich verlassen können.

Viele Jahre war unser Leben in Deutschland eine Hängepartie, die von Ungewissheit, Warten und Hoffen geprägt war. Ein Leben auf Abruf. Würden wir jemals bleiben dürfen?

Aufgeben wollten wir trotzdem nie. Anfangs konnten wir kein Wort Deutsch, lebten in einem Flüchtlingsheim mitten im Wald. Ich war damals fünf Jahre alt. In der Schule war alles fremd. Ich weiß noch genau, wie gespannt ich war, als die anderen Kinder vom Nikolaus erzählten. Ich wartete den ganzen Abend und schaute andauernd in die Stiefel hinein, die ich extra für ihn vor die Tür gestellt hatte. Aber da war nichts. Anfangs dachte ich: Es gibt sehr viele Kinder auf der Welt – er kann nicht alle beschenken, er kommt sicher nächstes Jahr zu mir. Doch Jahr für Jahr blieben die Stiefel leer. Am nächsten Tag kamen dann die anderen Kinder und erzählten, was sie bekommen hatten. Auf die Frage, was ich erhalten hätte, blieb ich stumm. Ich will nicht wissen, wie viele Stunden ich am Fenster mit Warten verbracht habe. Warten und mit der Enttäuschung klarkommen, ich glaube, das habe ich als Kind gelernt, nicht nur an Nikolaus.

Diese Eigenschaft half mir später jedes Mal, wenn ich meine Duldung monatlich in der Ausländerbehörde verlängern lassen musste.

Meine Eltern haben meine Geschwister und mich nach ihren Möglichkeiten immer ermuntert und unterstützt. Nach der vierten Klasse ging ich auf das Gymnasium. In Deutsch hatte ich eine Zwei. Irgendwann war ich es, der mit unserem Anwalt telefonierte, der auf Elternabende ging oder zu den Fußballspielen meines kleinen Bruders Hamid. Er wurde regelmäßig Torschützenkönig, der Trainer ernannte ihn einmal zum »Fußballer des Jahres« in seinem Team. Mein anderer kleiner Bruder ist nicht so stark. Er sagte oft: »Warum soll ich lernen? Wir werden doch eh abgeschoben.« In zwei Jahren macht er auch Abitur.

Meine Mutter kümmert sich um den Haushalt, meine Schwester Amal studiert in Frankfurt, um Lehrerin zu werden. Seit der Nacht, in der mein Vater abgeschoben wurde, hatte sie immer eine Notfalltasche gepackt neben ihrem Bett stehen, falls die Polizei wiederkommen sollte. Ich hatte nie eine solche Tasche. Es ging über meine Vorstellungskraft hinaus, dass ich gehen soll.

Leserkommentare
    • F Holm
    • 04. Januar 2013 13:47 Uhr

    Interessant von Dir und eurer Geschichte zu hoeren.
    Ich wuensch Dir, deiner Familie und deinem Vater alles Gute!

    3 Leserempfehlungen
  1. "Er wurde als Einziger abgeschoben – entgegen einer richterlichen Verfügung." ??
    "Warum darf er nicht bei seiner Familie sein, obwohl uns die Behörden das zugesagt haben?" ??
    Allerdings muss ich zugeben, dass es auch den Begriff "Behördenwillkür" gibt und einzelne Mitarbeiter Vorschriften und Gesetze nach Gefühl und Wellenschlag auslegen.
    Wenn jedoch geklagt wird, dass Asylverfahren jahrelang dauern, dann liegt es oft auch daran, dass anders als in den USA, wo vormittags aufgegriffene Mexikaner bereits nachmittags wieder einheimische Tortillas essen können, in Deutschland mittels steuerfinanzierter Beihilfe auf Asylverfahren spezialisierter Anwälte (oft Muttersprachler) ein lukrativer Geschäftsbereich entstanden ist. Unter diesen Bedingungen lohnt es sich eben, Verfahren über Jahre am Laufen zu halten. Im Prinzip ist daraus noch nicht einmal ein Vorwurf an die zu richten, die die Gegebenheiten ausnutzen sondern der Vorwurf muss an jene gerichtet sein, die diese Gegebenheiten so eingerichtet haben.

    12 Leserempfehlungen
  2. Die Antwort ist einfach: Weil die Betroffenen - aus verständlichem Grund - diese per Anwälten und Unterstützervereinen in die Länge ziehen.

    Wenn die Betroffenen die Ablehnung wie auch die Aufforderung zur Ausreise akzeptieren würde, wären viele Verfahren, wie auch das dieser Familie schneller vorbei.

    Sie wollen aber nicht ausreisen, sehen hier Chancen für sich und ihre Kinder, die sie in den Herkunftsstaaten nicht mal ansatzweise finden.

    Und wenn es klar ist, dass das Verfahren durch ist, selbst abwegigste, rechtliche Versuche sinnlos waren, weil diese Menschen kein Recht auf Asyl oder unbefristeten Aufenthalt haben, tauchen sie unter oder finden in Kirchen Unterkunft.

    Das dahinter stehende Rechtsverständnis, halte ich für mehr als fragwürdig.

    Die Geschichte dieser Familie und vieler anderer, die mit den Behörden Zug um Zug über Jahre Verfahren in die Länge zogen, sind im Netz vielfach nachzulesen bei Unterstützern oder auch in der Presse.

    Wenn wir in diesem Land tatsächlich Einwanderung über Asylverfahren ohne Asylgründe wollen, sollten wir das formulieren und in Gesetze packen.

    Es über die Hintertür per Anwaltsgeschacher und Aussitzen zu ertrotzden, halte ich für den falschen Weg.

    22 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sie haben leicht reden"
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    Ich fürchte, Sie haben die Situation nicht verstanden. Jordanien ist nicht verpflichtet, *staatenlose* Palästinenser wieder aufzunehmen. Warum das beim Vater der Familie so war, der *gegen* einen deutschen Gerichtsbeschluß abgeschoben wurde, weiß keiner hier. In Libanon z.B. werden Staatenlose nicht wieder aufgenommen.

    Staatenlose brauchen Anwälte in besonderer Weise. Das Kämpfen um Menschenrecht unter 'Anwaltsgeschacher' abzuhaken, läßt mich an Ihrem Rechtsverständnis zweifeln. Eine 'Gruppenzugehörigkeit' haben die in Israels Anrainerstaaten geflohenen Palästinenser: sie sind Flüchtlinge, meist Land-, Paß- und weitgehend Recht-los. Seit gut 60 Jahren.

    Jedem Menschen steht eine Staatsangehörigkeit zu, Artikel 15 AEMR, jeder hat das Recht, Rechte zu haben, eine Rechtsperson zu sein Artikel 6 AEMR http://de.wikisource.org/...

  3. es gibt aber, z.B. für den Vater keine Aufenthaltsgenehmigung, es gab für die Kinder eine Duldung zum Absolvieren der Ausbildung mit dem dann anvisierten Ende ihrer Zeit in Deutschland...

    Sie verwechseln hier einiges und das ist es, was ich schade finde bei dem Thema.

    Viel Gefühl und wenig Wissen.

    Soweit ich mich erinnere, geht es bei dieser Familie weder um eine staatlich forcierte Bedrohung von Leib und Leben noch um eine als Gruppenangehörige im Herkunftsland. Begründet wird der weitere Aufenthalt mit der Integration, die sich darauf gründete, dass die Familie mit kleinen Kindern aus humanitären Gründen nicht abgeschoben wurde.

    Wenn man es allerdings so handhabt, dass man ohne Bedrohung aus einer humanitären Geste plus Versorgung im Asylland ein Verbleiben mit Weiternutzung der sozialen Leistungen macht, beißt sich der Hund in den Schwanz und man schafft Begründungen für weitere Begründungen, was mehr als unsinnig ist.

    Wie gesagt: wenn wir (Deutschland als Gesamtheit) Einwanderung per Asylrecht instalieren wollen, sollten wir das gesetzlich festlegen.

    Mir liegt weder am Verbleib noch an der Abschiebung dieser Familie. Mich ärgert es nur - wie auch damals beim Artikel geschrieben - dass Menschen per Ausnutzung aller juristischen Nischen und Aussitzen etwas verschaffen, das ihnen nicht zusteht.

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    Antwort auf "Naiv (@ 4, christygoe)"
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    • zorc
    • 04. Januar 2013 15:57 Uhr

    "Mir liegt weder am Verbleib noch an der Abschiebung dieser Familie."

    Ihnen ist es also egal, was mit der Familie passiert.

    "Mich ärgert es nur - wie auch damals beim Artikel geschrieben - dass Menschen per Ausnutzung aller juristischen Nischen und Aussitzen etwas verschaffen, das ihnen nicht zusteht."

    Ihnen ist es also nicht egal. Na, was soll's denn nun sein?

    Und nach welcher Maßgabe steht den Katheebs der Verbleib in deutschland nicht zu? Ihrer eigenen Meinung? Das mag ja sein, aber mehr als eine Meinung ist es dann auch nicht. Wenn einer eine juristische Nische findet, dann findet er sie halt - wenn's nach recht und Gesetz zugeht, muss man damit leben. Denn sonst lebt man nicht mehr in einem Rechtsstaat.

    Wenn einem die Rechte und Gesetze nicht passen, kann man sich auch für Änderung stark machen. Darauf können wir uns dann sogar einigen: Was nötig ist, sind klare gesetzliche Regelungen.
    Gerade angesichts der historischen Erfahrungen Deutschlands mit staatlicher Gewalt und Vertreibung sollte man da, denke ich, aber eher auf der Seite der Großzügigkeit irren als auf der der Kleinlichkeit. Aber vielleicht ist das ja auch alles schon wieder zu lange her für manche.

  4. Und im nächsten Schritt laufen Sie dann durch Ihre Nachbarschaft und möchten entscheiden, wem der Staat Leistungen zahlen darf und wem nicht? Dass es unmenschlich ist, eine Familie auseinanderzureissen, den Vater im Flüchtlingslager rumsitzen zu lassen, kommt Ihnen nicht in den Sinn? Nur ein "aber dafür zahl' ich nicht!" Wie schön, dass Sie nie in eine Notlage kommen werden.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "respekt"
  5. Ich fürchte, Sie haben die Situation nicht verstanden. Jordanien ist nicht verpflichtet, *staatenlose* Palästinenser wieder aufzunehmen. Warum das beim Vater der Familie so war, der *gegen* einen deutschen Gerichtsbeschluß abgeschoben wurde, weiß keiner hier. In Libanon z.B. werden Staatenlose nicht wieder aufgenommen.

    Staatenlose brauchen Anwälte in besonderer Weise. Das Kämpfen um Menschenrecht unter 'Anwaltsgeschacher' abzuhaken, läßt mich an Ihrem Rechtsverständnis zweifeln. Eine 'Gruppenzugehörigkeit' haben die in Israels Anrainerstaaten geflohenen Palästinenser: sie sind Flüchtlinge, meist Land-, Paß- und weitgehend Recht-los. Seit gut 60 Jahren.

    Jedem Menschen steht eine Staatsangehörigkeit zu, Artikel 15 AEMR, jeder hat das Recht, Rechte zu haben, eine Rechtsperson zu sein Artikel 6 AEMR http://de.wikisource.org/...

    3 Leserempfehlungen
    • Statist
    • 04. Januar 2013 15:02 Uhr

    Sie haben da recht, wo Sie eine Trennung fordern. Andererseits sollte Asyl rechtlich nach mehr als 2 Jahren spätestens auch unter dem Gesichtspunkt der Einwanderung gesehen werden. Wenn jemand auf Grund der Zustände in seiner Heimat Asyl sucht, und die Zeit dann nicht einfach so verstreichen lässt, sondern versucht, ein normales Leben zu führen, ohne sich einfach nur auf den Geldern auszuruhen, die gezahlt werden, dann sollte diese Person doch BITTE auch die Möglichkeit haben, sich auch rechtlich eingliedern zu lassen.

    Nach zwei Jahren kann man, wenn man sich bemüht hat, sich in Deutsch ausdrücken, und wenn dann noch ein Wertebewußtsein dazukommt, dass teilweise oder ganz dem deutschen ähnelt, dann sehe ich keinen Grund, auf Abschiebung zu drängen. Es gibt Mittel, die zur Beurteilung eingesetzt werden können, auch objektiv, und ich wäre der Letzte, an dem die Umsetzung scheitern würde.

    Was mich stört, sind Parallelgesellschaften, die nicht einmal versuchen, mit Kursangeboten sich selbst zu integrieren. Dies liegt hier aber nicht vor.

    5 Leserempfehlungen
  6. 32. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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