Anna Amalia BibliothekRettung der verbrannten Bücher
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 Bestände elektronisch sichern

Mit spitzen Fingern hebt Izdebska eine Doppelseite vom Vlies. Sie ist hauchdünn und feucht und könnte leicht reißen. Die Restauratorin legt das verletzliche Dokument auf ein Blatt Japanpapier, das es stabilisiert. Der Frankfurter Hersteller Japico Feinpapiere hat es eigens für die Weimarer entwickelt. Es ist so transparent, dass der Text ungetrübt durchscheinen kann. Mit einem Leim aus Cellulosepolymeren und weißem Calciumcarbonat pinselt Izdebska über beide Papierlagen, die sich dadurch verbinden. Zugleich versiegelt die Paste die Oberfläche der neuen Doppelseite und schützt sie so vor dem Verfall.

Stapelweise trocknen die frisch gefertigten Blätter über Nacht, bevor sie zugeschnitten und für den Buchbinder arrangiert werden. »Die einzelnen Techniken sind nicht bahnbrechend neu«, sagt Robert Fuchs, einer von Deutschlands angesehensten Konservierungsspezialisten, der die Restaurierung an der Anna Amalia Bibliothek wissenschaftlich begleitet. »Aber das Verfahren in dieser Dimension zum Laufen zu bringen ist ein großes Verdienst.« Nur durch diese Zentralisierung sei gewährleistet, dass alle Werke nach denselben Standards behandelt werden.

Blättert man durch ein restauriertes Buch, sieht man auf jeder Seite den dunklen Rand, der von den Flammen zeugt. Das Team der Anna Amalia Bibliothek nimmt diesen bewusst in Kauf. Die Instandsetzung darf nichts kaschieren, das ist die gängige Philosophie der Wissenschaft. »Jedes Exemplar soll seine Geschichte erzählen«, sagt Matthias Hageböck, der Chefrestaurator.

In seinem Büro, das man hinter dem Rokokosaal durch eine Flügeltür aus Eichenholz betritt, nimmt er ein Buch von seinem Schreibtisch. Das schwarze Kleisterpapier des Einbands fehlt stellenweise. »Wahrscheinlich hat die Hand eines Feuerwehrmannes das nasse Papier bei der Bergung an diesen Stellen weggezogen«, sagt Hageböck. Viele Kollegen hätten sich gewundert, warum er den Einband nicht nach historischem Vorbild nachmachen lasse, erzählt er. Die Idee sieht er kritisch: »Das wäre Fälschung. Spätere Generationen würden es schwer haben, Original von Imitat zu unterscheiden.«

Dass die Lücken nur mit neutralem Papier ergänzt werden, hat allerdings auch finanzielle Gründe. »Bei 4.000 betroffenen Bänden würden sich die Kosten für die Retusche ruck, zuck auf einen sechsstelligen Betrag summieren«, sagt Hageböck. Dieses Geld könne man sinnvoller einsetzen als zum »Lippenstiftauftragen«, auch wenn das viele Fachkollegen nicht verstünden. Es ist eine ästhetische Debatte. Der Konservierungsspezialist Robert Fuchs, der den Weimarern sonst sehr gute Arbeit bescheinigt, stößt sich beispielsweise daran, dass die Pergamenteinbände so gereinigt wurden, dass sie heller sind als vorher, ihrer Patina beraubt: »Da hätte man anders herangehen müssen.«

Wenn die Buchdeckel ganz verbrannt sind, erhalten die restaurierten Blätter neue. Ein solches Aschebuch zeigt Hageböcks Mitarbeiterin Kirsten Krumeich. Sie präsentiert einen grauen schmucklosen Einband, der seine Besonderheit erst preisgibt, als sie ihn öffnet: Er lässt sich am Rücken komplett abklappen, wodurch sich das Buch leichter einscannen lässt. »Die alten Bestände können wir sonst nur mit größter Vorsicht und Öffnungswinkeln von 60 bis 90 Grad digitalisieren, damit sie nicht Schaden nehmen«, erklärt die Historikerin, die an der Anna Amalia Bibliothek für die Digitalisierung zuständig ist.

Aus dem Unglück zogen die Weimarer auch die Lehre, ihre Bestände elektronisch zu sichern. Sie beginnen mit den Aschebüchern. Die virtuelle Sammlung wird auf Servern fernab der realen Bibliothek gespeichert – wird der eine Bestand beschädigt, bleibt zumindest der andere erhalten. Zudem werden angesengte Werke im Internet präsentiert und dadurch erstmals der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht. Bald sollen 4.000 Aschebücher im Netz stehen.

Diese Öffnung ist nicht ganz uneigennützig. Unter den angesengten Büchern sind nämlich einige, die die Bibliotheksmitarbeiter selbst nicht mehr zuordnen können, weil die ersten Seiten fehlen. Die stellen sie seit Mai 2012 in einem eigenen Blog vor. Anfangs war die Skepsis groß: Würden sich die Liebhaber von Papier und Pergament über einen virtuellen Kanal erreichen lassen? Würden sich die Kenner der Kulturgeschichte in einem neuzeitlichen Blog zu Wort melden?

Doch bereits innerhalb der ersten Tage trafen Dutzende Hinweise ein, von denen etliche weiterhalfen. »Ich werde immer gefragt, ob wir Geld für Tipps bieten, die zur Identifizierung führen«, erzählt Krumeich. »Aber das müssen wir gar nicht!« Begeistert hätten die Experten die literarische Fahndungskartei angenommen; binnen weniger Monate seien 30 der 35 Buchfragmente identifiziert worden. Anfang 2013 soll nun eine zweite größere Tranche von 135 unbekannten Werken folgen, die ebenfalls auf ihre Identifizierung warten.

Künftig könnten fehlende Seiten und Textstellen auf diesem Weg auch digital ergänzt werden, frei nach dem Motto: Wer hat die ersten Seiten einer Bach-Kantate oder das letzte Kapitel einer Goethe-Biografie? Während das Original fragmentarisch bleibt, wird die virtuelle Ausgabe vervollständigt.

Noch immer lagern Holzpaletten mit Tausenden beschädigten Büchern in einem eigens eingerichteten Schadensmagazin. Die Mitarbeiter der Anna Amalia Bibliothek rechnen damit, 2015 mit der Restaurierung fertig zu werden. Verglichen mit anderen Verwahrern zerstörter Kulturschätze, befinden sie sich dabei in einer privilegierten Situation. Der Erfinder des Weimarer Verfahrens, Günter Müller, besucht gerade Kollegen, um ihnen seine Methode der Massenrestaurierung nahezubringen. Die Kollegen stehen vor der großen Aufgabe, rund 30 Kilometer von Akten zu retten, die teilweise zu Papierflocken zerrissen sind. Sie stammen aus dem eingestürzten Kölner Stadtarchiv.

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Leserkommentare
    • Lobel
    • 06. Januar 2013 14:43 Uhr

    Wir würdigen bestimmte Dinge oft erst richtig, wenn sie verschwunden sind.

    Immerhin.

    Es geht aber auch anders:

    Stephen Greenblatt: Die Wende - Wie die Renaissance begann.(Pulitzer-Preis)

    Also immer schön aufpassen!

    3 Leserempfehlungen
  1. ... dass das Urheberrecht noch nicht so weit ausgeweitet wurde, dass die Digitalisierung an unlösbaren/unbezahlbaren juristischen Schwierigkeiten scheitert.

    Wenn der Brand in eine paar Jahren stattgefunden hätte, wäre dieser löbliche Weg womöglich versperrt.

    2 Leserempfehlungen
  2. 4. Bravo.

    Eine Kritik an den Öffentlich Rechtlichen verdient immer eine Redaktionsempfehlung. Wieso reagieren die nicht, wenn Susanne Donner einen Bericht über verbrannte Bücher schreibt und auf Youtube erklärt wird, wie Papier geschöpft wird? Skandal!

    Antwort auf "Videos"
  3. damals tatsächlich neuen Restaurationsmethode.
    http://www.mdr.de/thuerin...

    Die Filmdokumente dazu mussten, soweit vorhanden, leider wegen der von den privaten Verlegern angestrengten Änderungen im 12. Rundfunkstaatsvertrag vom Netz genommen werden.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Kommentator ovozims Enttäuschung ist also wissentlich und absichtsvoll herbeigeführt. Ich nehme inzwischen an, dass die Redaktion das bei ihrer Empfehlung bedachte, da sie selbst eine kritische Position zu der Löschpflicht der Öffentlich Rechtlichen hat.

    Dafür nun noch ein Bravo. Diesmal von Herzen. Es ist eine ziemliche Sauerei, zu was sich die Politik da wieder mal verführen ließ. Die Meinung, dass Lobbyismus nicht gefährlich für Demokratie und Entwicklung wäre, ist Produkt des Lobbyismus.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Videos"
  4. ... denn es gibt noch eine ganze Reihe anderer unersetzlicher Sammlungen in diversen Museen, Archiven und Universitäten, die durch unsägliche Baumängel oder mangelnde Pflege bedroht sind; ich erinnere mich zum Beispiel an den Fall der zoologischen Sammlung in Hamburg, von dem hier kürzlich berichtet wurde. Nach einer Katastrophe zu restaurieren ist um ein Vielfaches teurer als regelmäßig angemessen zu renovieren - wie man sich an den Schilderungen des Aufwands im Artikel leicht ausmalen kann. Die schmerzlichen Verluste und, nicht zuletzt, die Gefährdung von Menschen kommt dann auch noch dazu! Ich sehe den Fall der Anna-Amalia-Bibliothek und des Kölner Stadtarchivs nicht ausschließlich als tragische Einzelfälle, sondern als Symptom weit verbreiteter Schlamperei, bedingt durch Mittelkürzungen. Mancherorts wird das Tafelsilber nicht nur verkauft, man lässt es einfach verrotten... Ja, und die alten Bücher, die Originale, interessieren tatsächlich auch noch jüngere Menschen der Internetgeneration.

    5 Leserempfehlungen
  5. Meinte nicht einer der komischen NSU-Verfassungsschützer, dass der absichtlich Brand gelegt wurde, um Diebstahl zu vertuschen?

    Wäre nett, wenn darüber mal ein Artikel erscheinen würde.

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