Anna Amalia BibliothekRettung der verbrannten Bücher

Ein Feuer hat 2004 in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar Zehntausende historischer Werke beschädigt. In einem weltweit einzigartigen Verfahren werden diese jetzt restauriert. von Susanne Donner

Kühle Luft schlägt dem Besucher entgegen, wenn er in Museumspantoffeln den Rokokosaal der Anna Amalia Bibliothek betritt. Regale mit in Leder gebundenen Ausgaben ragen auf drei Etagen in dem kathedralengleichen Raum empor. Von den goldgesäumten Geländern der ersten Galerie blicken die gipsweißen Büsten von Schiller, Goethe, Herder und Wieland herab. Keine Spur scheint von dem großen Brand geblieben zu sein, der 2004 Teile des Saals verwüstet hat. Erst beim gründlichen Hinsehen fallen die grauen Papierschachteln ins Auge, die zwischen den historischen Büchern stehen. Eingeweihte wissen: Darin stecken restaurierte Werke.

Am Abend des 2. September 2004 überhitzt sich ein Kabel des maroden Leitungsnetzes und steckt den Dachstuhl der Bibliothek in Brand. Bände gehen in Flammen auf. In der zweiten Galerie verkohlen Tausende Ausgaben, manche davon über eine Million Euro wert wie die Erstausgabe des Werks von Nikolaus Kopernikus.

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In der unteren Etage lassen Hitze und Löschmittel die Ledereinbände Blasen schlagen und so hart werden, dass die Bücher kaum noch zu öffnen sind. 400.000 Liter Wasser durchweichen jahrhundertealte Papiere, die aufquellen und zusammenkleben. Bücher gehen aus dem Leim. Der größte Bibliotheksbrand nach dem Zweiten Weltkrieg vernichtet 50.000 Bücher und beschädigt 62.000 Werke, fast die Hälfte des alten Bestandes. Es ist eine gigantische kulturhistorische Katastrophe.

Im Unglück liegt eine Herausforderung für Restauratoren. Um die große Menge beschädigter Schriften wieder instand zu setzen, muss das Kunsthandwerk neue massentaugliche Verfahren entwickeln. In einem weltweit einzigartigen Prozess entstehen derzeit in Weimar aus versengten Papieren Tausende neuer Bücher.

Bereits in der Brandnacht werden die noch erhaltenen Bücher ins Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig gebracht, das nach der Elbflut im Jahr 2001 ausgebaut worden ist. Dort werden sie vom Schmutz befreit und in riesige Gefrierschränke geschoben. Die Exemplare auf der zweiten Galerie der Anna Amalia Bibliothek können nicht geborgen werden. Der Boden droht einzustürzen, ihn zu betreten ist unmöglich. Ein Bagger schaufelt schließlich die rabenschwarzen Buchbriketts samt Schutt in zwanzig Baucontainer. Mit Heugabeln und bloßen Händen fischen Freiwillige die verkohlten Papiere heraus. Die 28.000 »Aschebücher« gelten als unrettbar verloren.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass das Feuer in vielen Fällen nur den Einband vernichtet und sich in die oberen Lagen der Blätter hineingefressen hat. Dann ist ihm zumeist die Luft ausgegangen. Solange das Regal nicht in sich zusammengestürzt ist, sind die übrigen Blätter des Buches einfach als verkohlter Block stehen geblieben. Oft ist der Text vollständig lesbar.

Für die Rettung dieser Papiere hat die Anna Amalia Bibliothek eine riesige Werkstatt eingerichtet. Sie liegt im Gewerbegebiet Weimar-Legefeld zwischen Bau- und Schreinereibetrieben; seit 2008 arbeiten dort sieben Fachkräfte in zwei Schichten. Mindestens 8.000 Aschebücher werden derzeit in den weitläufigen Hallen instand gesetzt, in die das Tageslicht durch breite Fensterfronten scheint. Darunter sind Handschriften, die zu den wertvollsten Beständen der Bibliothek zählen, und Raritäten, die höchstens noch zweimal in deutschen Bibliotheken zu finden sind.

Die Restauratorin Magdalena Izdebska hievt einen Stapel verbrannter Blätter aus einem Karton. Von den Rändern blättern schwarze Fetzen ab. »Nur leicht verbrannt«, diagnostiziert die zierliche Frau. »Der Druckspiegel ist vollständig erhalten.« Sie beginnt damit, Schmutz und Ascheflocken von den einzelnen Papieren zu pinseln, und reiht dann die Blätter wie Spielkarten zwischen dünnen Vliesmatten auf. Matte für Matte schichtet sie in einen Käfig aus Metall, der die Form eines kleinen Koffers hat. Zwölf Stunden muss dieser in einem Tank mit heißem Wasser hängen. Das Bad entfernt Schmutz und Löschschaum aus den Blättern, die das Papier zu zerfressen drohen. Der Text übersteht die Wäsche indes unbeschadet – die historische Druckfarbe besteht aus Ruß und Leinöl, einem wasserunlöslichen Gemisch.

Je zwei nasse Blätter, die zu einer Doppelseite gehören, legt Izdebska anschließend behutsam auf ein Vlies, das sie zwischen zwei Gitter an einem Maschinengestell klemmt. Die Papierrestauratorin drückt einen Knopf. Summend taucht das Gitter in einen Tank ein, in dem ein stark verdünnter Brei aus Baumwoll-, Flachs- und anderen Textilfasern schwimmt. Aus diesen natürlichen Rohstoffen wurden vor dem 18. Jahrhundert viele Papiere gefertigt. Sobald die Flüssigkeit durch das Gitter gesaugt wird, bleiben die Fasern auf dem Vlies rings um das verkohlte Blatt hängen und bilden dort frisches Papier. Sie füllen die ausgebrannten Stellen zu normaler Blattgröße auf.

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