Markus Kerber : Der Rock ’n’ Roller

Der BDI-Geschäftsführer Markus Kerber will das gute Leben – mit Macht, Musik und Freiheit.

Das Leben ist kurz. Zu kurz jedenfalls für einen wie Markus Kerber. Nur über eine begrenzte Anzahl an Herzschlägen, so habe ihm ein Arzt einmal gesagt, verfüge jeder Mensch. Das sei nicht viel, deswegen müsse man mit seiner Zeit gut haushalten. Kerber fand das sofort einleuchtend. Er sagt, er habe nun ein Argument dafür, keine Kompromisse einzugehen. Sich die Freiheit zu bewahren. Das Leben richtig zu leben.

Das klänge unmittelbar überzeugend, säße da einer, der dieses Mantra wirklich lebt – etwa jemand von Led Zeppelin. Diese Band hat sich und ihre Musik schließlich immer wieder neu erfunden. Aber da sitzt Kerber. Und der ist Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Den Verband kennt in der Berliner Politik jeder, er gehört zum Inventar der Republik, wie eine große, alte Eichenschrankwand im Wohnzimmer. Der BDI war schon immer da. Er gilt als mächtig, vertritt immerhin 100.000 produzierende Unternehmen. Nur sorgt genau diese Masse auch dafür, dass sich viele Interessen neutralisieren und ein guter BDI-Geschäftsführer vor allem eines können muss: Kompromisse finden. Zwischen den Multis und den Mittelständlern, den energieintensiven Unternehmen und denen, die wenig Strom brauchen, zwischen der Wirtschaft und der Politik. Kerber verbringt seine Tage zwangsläufig auf Sitzungen, auf Reisen oder bei Essen, bei denen er sich seine Tischnachbarn selten selbst aussucht.

Herr Kerber, jetzt mal ehrlich: Wie viel Freiheit haben Sie?

An einem Mittwochmorgen im Dezember sitzt Kerber in einem britischen Taxi und lässt sich am Hyde Park vorbeifahren. Er liest noch schnell ein paar Seiten, die er aus dem Economist gerissen hat, dem Lieblingsmagazin der globalisierten Wirtschaftselite. In einer halben Stunde soll er in der Institution of Mechanical Engineers am Birdcage Walk eine Rede halten. Europa steht auf dem Programm. Kerber hat sich bewusst entschieden, hier aufzutreten. Denn die Interessen der deutschen Industrie gelte es nicht nur in Berlin zu vertreten. Immer wichtiger würden auch Brüssel, Shanghai und London.

Das Taxi hält direkt vor dem Eingang. »Schnell, bevor uns jemand sieht«, zischt Kerber, bezahlt, steigt hastig aus dem Wagen, eilt aber zunächst in eine enge Seitenstraße. »Hier war er doch«, sagt er mit suchendem Blick und drückt schließlich die abgegriffene Türklinke einer unscheinbaren Imbissbude herunter. Drinnen riecht es nach Filterkaffee und Eiern. Kerber guckt verzückt in die Auslage. Dort stapeln sich pappig aussehende weiße Sandwiches. »Das ist es«, sagt er mit glücklichem Lächeln. Er bestellt ein großes Brötchen mit Mayonnaise, Huhn und Mais, greift es mit beiden Händen und beißt voll Vergnügen hinein. »London«, sagt er. Mehr nicht. Muss er auch nicht. Kauend genießt Kerber das Sandwich. Seine kleine Freiheit.

Ein gutes Jahrzehnt hat er in dieser Stadt gelebt, es war offensichtlich eine gute Zeit mit viel Freiheit. Gleich nach dem Studium wurde er dort Banker, noch heute erstaunt ihn das. Denn nur aus Chuzpe hat er sich nach dem Politikstudium bei der altehrwürdigen S. G. Warburg Bank beworben. Die Bank hatte einen legendären Ruf, sie galt als brillant, wenn es um Übernahmen oder die Börseneinführung von Unternehmen ging. Kerber bekam den Job. »Der alte Warburg war überzeugt, dass er den jungen Leuten das bisschen Betriebswirtschaft schon würde beibringen können, aber nicht die tiefe Allgemeinbildung, die ein Germanistik- oder ein Politikstudium vermittelt.« Schließlich sollten sie die Unternehmen an die Börse bringen. Da mussten sie auf wochenlangen Roadshows den Analysten gute Geschichten erzählen können.

Und Kerber kann reden. Der Mann ist nicht groß, hat einen kompakten Körper, auf dem ein Kopf mit großen runden Wangen den Hals fast verdeckt. Sieht man ein Foto von ihm, wirkt er gutmütig, fast behäbig. Doch im echten Leben verändert sich der Eindruck sofort. Dann wollen die Hände nicht still halten, das Gesicht ist ständig in Bewegung. Da deuten die Mundwinkel ein ironisches Grinsen an, dann zwinkern die Augen. Ungeduldig wirkt er manchmal, versteckt das aber schnell wieder hinter einer schnellen Bemerkung, einer Anekdote.

Geschichten haben ihn immer begeistert, vor allem die abenteuerlichen. »Ich wollte Kapitän werden, um mit einem Dreimastschoner um die Welt zu segeln«, sagt er. Die Helden seiner Kindheit hießen Cook, Pizarro, Vasco da Gama. »Aber ich habe gelernt, dass kaum noch Schiffe unter deutscher Flagge fahren«, sagt er und dass er die Lust am Neuen auch als Banker brauchen konnte.

Kerber kann aus dem Stegreif reden, parodieren, ironisieren und irritieren. Er ist kein Mann, der große Theorien entwickelt, aber er hat interessante Gedanken, sagt Dinge, die neugierig machen oder nachdenklich.

So ist es auch an diesem Morgen in London, als es auf der Konferenz darum geht, ob die EU den Briten noch nütze. Kerber grinst diabolisch und fragt: Ob es angenehmer wäre, wenn Großbritannien austräte und die Deutschen dann in einer kleineren EU allein den Ton angeben würden? Getroffen. Keiner kommentiert das, es rührt zu sehr an die britische Angst vor einem zu mächtigen deutschen Nachbarn. Kerber legt nach, hält er doch die Briten für Brüder im Geiste: Die deutsche Industrie brauche die Freihändler in Brüssel. Unbedingt.

Kerber ist überzeugter Europäer, er will mehr Integration, aber auch mehr Markt. Gleich als er beim BDI vor eineinhalb Jahren gestartet war, hatte er das in einem Konzeptpapier aufschreiben lassen: mehr Integration, strengere Regeln, aber auch einen europäischen Währungsfonds. Das sorgte für Ärger im Unternehmerlager, denn das war auf dem Höhepunkt der Krise gespalten wie die Republik. Kerber sagt dazu: »Man muss Risiken eingehen, wenn man von etwas überzeugt ist.«

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