Laut einer Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr aus dem Jahr 2009 haben zwölf Prozent aller Soldaten einen Migrationshintergrund, etwa so viel wie in der gesamten Gesellschaft. Ihre Integration in der Armee sei reibungsloser verlaufen als die der Frauen. »Weil man nicht so viel drüber gesprochen hat.« Burihabwa lehnt es ab, gezielt Soldaten mit Migrationshintergrund anzuwerben oder eine Quote einzuführen. »Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte.« Weil es die Andersartigkeit erst hervorheben würde. Stattdessen will er Leute außerhalb der Bundeswehr zum Nachdenken bringen, darüber, was Deutschsein bedeutet. Ein Schwarzer in Uniform irritiert eben, das weiß er selbst am besten.

Es gibt eine Stelle im Grundgesetz, Artikel 116, die zitiert Burihabwa immer wieder: »Deutscher ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.«

»Wenn man ständig mit seiner Hautfarbe konfrontiert wird, bestimmt das irgendwann die Identität«, sagt Burihabwa. »Ob man will oder nicht.« Er erzählt von einer Studie, der zufolge Kinder in »gemischten« Partnerschaften, wie er es nennt, eine Ablehnung gegenüber ihrem schwarzen Elternteil entwickelten. Weil sie den für ihre Probleme verantwortlich machten. Burihabwas Tochter ist zwei Jahre alt. »Ich hoffe, dass sie in einer anderen Gesellschaft aufwachsen kann als ich«, sagt Burihabwa. Die eigene Tochter, die ihn wegen seiner Hautfarbe ablehnt – das wäre das Schlimmste.

Als Burihabwa 1981 zur Welt kommt, gilt in Deutschland noch das alte Recht: Deutscher ist nicht, wer hierzulande geboren wird, sondern wer deutsche Eltern hat. Erst als sein Vater 1985 einen Job als Entwicklungshelfer in Kenia annimmt, bekommt Burihabwa einen deutschen Pass – damit er ausreisen kann.

In Nairobi besucht Burihabwa die deutsche Schule. Obwohl nur eine Handvoll Schüler schwarz sind, spielt seine Hautfarbe damals keine Rolle. »Ich wusste immer, dass ich dazugehöre. Ich war ein ganz normales deutsches Kind.« 1990 bemerkt er das erste Mal, dass seine Hautfarbe einen Unterschied macht. In Rom gewinnt Deutschland das Finale der Fußballweltmeisterschaft. Burihabwa bekommt von Freunden aus Deutschland ein Trikot geschickt. Als er es zum Fußballtraining in der Schule anzieht, lacht sein Schulleiter. »Ein stolzer Deutscher«, sagt er und zeigt auf den neunjährigen Burihabwa. Der versteht den Witz nicht. Er ist ja deutsch. Und stolz ist er auch.

Burihabwa beginnt nachzudenken. »Ich habe mich gefragt: Wie kommt’s, dass die meisten schwarzen Kenianer arm sind und die meisten weißen reich? Ich habe von der Kolonialisierung erfahren, von Sklaverei, von der Menschenrechtsbewegung der sechziger Jahre.« Irgendwann ordnete er Dinge, die ihm selbst widerfuhren, in diesen Kontext ein.

Jedes Jahr in den Sommerferien fliegt Burihabwas Familie für sieben Wochen nach Deutschland. Anfang der Neunziger lesen seine Eltern vor der Reise von Vorfällen mit Skinheads. Als sie in dem Jahr nach Deutschland kommen, werden sie angehupt, Leute zeigen ihnen den Mittelfinger. »Die haben uns hinterhergerufen: Ihr Schweine! Was wollt ihr hier?« Die ersten Male hatte Burihabwa geweint, als er zurück nach Kenia musste. Dieses Mal weint er nicht.

In seinen letzten Sommerferien, 1999, geht Burihabwa ins Kreiswehrersatzamt in Siegen und lässt sich für die Bundeswehr mustern. Ein paar Tage später sitzt er am Küchentisch seines Patenonkels in Emden und füllt Bewerbungsformulare aus. Er will Offizier werden, sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichten. Viele Freunde raten ihm ab.

Im nächsten Jahr, nach Abi-Fahrt, Zeugnisverleihung und ein paar freien Tagen in Nairobi, beginnt sein Wehrdienst in Montabaur, Montag, 4. September. Er weiß noch, wie misstrauisch er anfangs war. Er wählte sich das Bett aus, von dem er glaubte, die Sechsmannstube am besten überblicken zu können, unten, in der hintersten Ecke. Von dort aus, dachte er, würde er rechtzeitig sehen, wenn ihn nachts jemand angreifen wollte. Die Angst legte sich, als er merkte, »dass das alles ganz normale Jungs waren«.