Euro-Krise : Pflicht zur Solidarität
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 Ohne Frankreich geht es nicht und ohne Polen auch nicht

Weil Führung fehlt, weist manch einer in Europa den Deutschen diese Rolle zu. Wir sollten uns aber vor einer solchen deutschen Führungsrolle hüten! Denn einerseits verlangt zwar mancher diese Führung; wenn die EU aber nicht funktioniert, wird man den Deutschen dafür die Schuld geben.

Führen kann in Europa bis heute allein das deutsch-französische Tandem. Doch nur, wenn die entscheidenden Personen es wollen. Frau Merkel ist sozialisiert worden in der gerechtfertigten grundsätzlichen Ablehnung der kommunistischen Diktatur. Sie hat damals in Richtung der Freiheitsstatue von New York geblickt. Die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Franzosen und den übrigen europäischen Nachbarn, insbesondere mit den Polen, hat sie erst nach der großen Wende 1990 erkannt. Sie ist zu einer Europäerin aus Vernunft geworden – ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble aber ist ein Europäer aus Vernunft und aus ganzem Herzen.

Ein wichtiger Teil unserer Überschüsse kommt aus dem Export von Kriegswaffen; Deutschland ist heute deren drittgrößter Exporteur auf der Welt – ein unangenehmer Rekord! Viele Deutsche fühlen sich für Menschenrechte auf der Erde mitverantwortlich. Wem es damit ernst ist, sollte gegen die hohen deutschen Kriegswaffenexporte protestieren.

Als uralter Mann beschäftige ich mich wenig mit dem Jahr 2013, sondern ich denke in zukünftigen Jahrzehnten. Und ich tue das auf der Basis der Erfahrung aus der Zeit seit Adenauer, seit de Gaulle, seit Churchill. Der hielt 1946 eine große Rede in Zürich, wo er seinen französischen Kriegskameraden gesagt hat, ihr müsst euch mit den Deutschen vertragen, und ihr müsst gemeinsam die Vereinigten Staaten von Europa errichten. Übrigens hat Churchill auch gesagt, wir Engländer machen natürlich nicht mit, denn wir haben ja unser Commonwealth. Heute sind die Engländer beinahe schon wieder so weit.

Ohne Frankreich geht es nicht und ohne Polen auch nicht

De Gaulle wäre das wahrscheinlich ganz recht, er wollte die Engländer nicht drinhaben in Europa. Ich war damals anderer Meinung, weil hamburgisch anglophil erzogen. Allerdings habe ich Anfang der sechziger Jahre längst gewusst, dass ohne Frankreich alles gar nichts ist. Und inzwischen weiß ich, dass es auch ohne Polen nicht geht. Ich war der erste deutsche Kanzler, der Auschwitz besucht hat. Auf dem Rückweg hat Herbert Wehner zu mir gesagt, man muss die Polen schon deshalb lieben, weil sie am stärksten von allen europäischen Völkern gelitten haben. Das war historisch nicht ganz richtig, denn die Juden hatten am meisten gelitten. Aber es waren zumeist polnische Juden; es waren auch französische Juden, auch dänische Juden, es waren die Juden aus ganz Europa. Trotzdem – der Hinweis auf die Leiden des polnischen Volkes, eingeklemmt zwischen Russland, Österreich und Preußen, der war richtig.

Es gibt eine moralische Pflicht zur Solidarität unter uns Europäern; seit zwanzig Jahren steht sie im Grundgesetz. Das solidarische Hauptmotiv für die Aufnahme Griechenlands in die EU war, die griechische Demokratie zu stützen; denn die Griechen hatten es aus eigener Kraft fertiggebracht, ihre Militärdiktatur zu beseitigen. Heute ist Solidarität mit dem griechischen Volk genauso nötig wie damals.

Solidarität verträgt sich schlecht mit politischem Machtgebaren. Der von mir hoch verehrte Julius Leber, der 1945 von den Nazis umgebracht worden ist, hat gesagt: »Der Wille zur Macht muss aus der Pflicht gegenüber der Gemeinschaft erwachsen.« Der Wille zur Macht ist vielfältig vorhanden. Jedoch die Pflichten gegenüber der europäischen Gemeinschaft bedürfen künftig eines weit größeren Engagements aller Beteiligten.

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Kommentare

110 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Man kann es gar nicht zu oft wiederholen!

Dass die europäische Integration ein Erfolgsmodell ist sei
offensichtlich und die Völker Europas mussten daher nicht erst durch langatmigen Kommentare davon überzeugt werden ???
Einmal abgesehen davon, dass ich immer misstrauisch werde, wenn jemand genau weiß, was die Völker wollen, so scheint es mir durchaus nicht offensichtlich, dass eine Mehrheit in allen europäischen Völkern davon überzeugt ist, dass die europäische Integration ein Erfolgsmodell ist. Daher kann man es gar nicht oft genug wiederholen:
Die europäische Integration ist die grösste und erfolgreichste politische Leistung des 20. Jahrhunderts in Europa. Sie hat noch immer Konstruktionsfehler, daher muss man weiter daran bauen (wirklich bauen, nicht basteln!).
Und man erlaube mir bitte noch eine Anmerkung: Wem 2 Seiten Kommentar zu lesen zu langatmig ist, der ist in der ZEIT eigentlich fehl am Platz!