Etwas Ähnliches wiederholt sich in Italien, wo im Februar neu gewählt wird. Zur Vorgeschichte dieser Wahl gehört ein Sonntagmorgen im Herbst 2011. Es ist nicht einmal neun Uhr, später am Tag werden sich in Brüssel die Regierungschefs der EU treffen. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben sich zuvor mit Silvio Berlusconi verabredet. Man könnte auch sagen, sie haben ihn einbestellt.

»Was genau haben Sie Berlusconi gesagt?«, möchte eine Journalistin auf der nachfolgenden gemeinsamen Pressekonferenz von Merkel und Sarkozy wissen. Noch während die Frage gestellt wird, verzieht Sarkozy das Gesicht. Der französische Präsident grinst; statt zu antworten, verdreht er die Augen und wendet sich zu Merkel, die auch lachen muss, überrascht von der Grimasse des Franzosen. Es ist ein unverschämter Moment, eine gezielte Bloßstellung Berlusconis vor laufenden Kameras. Merkel spürt das, sie hat ihre Gesichtszüge schnell wieder unter Kontrolle. Doch ihre und Sarkozys Botschaft ist unmissverständlich. Sie wollen, dass der Italiener endlich etwas tut, dass er die Schulden in seinem Land reduziert und Reformen anpackt. Hunderte Journalisten werden diese Nachricht anschließend in ganz Europa verbreiten. Drei Wochen später tritt Berlusconi zurück.

Ein unerhörter Vorgang: Eine Deutsche und ein Franzose stellen den demokratisch gewählten Regierungschef eines anderen EU-Landes infrage. Rechtfertigen ließ sich das nur, weil dieser Regierungschef Entscheidungen traf, die Folgen für die ganze EU hatten. So wie auch eine Rückkehr Berlusconis Folgen hätte, die weit über Italien hinausreichen.

Ob in Frankreich oder Griechenland, in den Niederlanden oder demnächst in Italien: In der EU wiederholt sich ein Muster, das wir in Deutschland von Landtagswahlen kennen. Die nationalen Wahlen verhandeln europäische Themen, und umgekehrt wirkt der Ausgang dieser Wahlen wieder zurück auf die Politik der EU. Was bedeutet die Entscheidung in Baden-Württemberg für Berlin?, lautet die klassische Frage am Abend einer Landtagswahl. Nun richten sich die Blicke auf Rom: Was bedeutet die Entscheidung in Italien für die EU?

Allerdings zeigen der Sturz Berlusconis, die Unterstützung für Monti und erst recht das Regiment der Troika in Griechenland auch deutlich die Schattenseiten der gegenwärtigen Entwicklung. Die Souveränität lässt sich kaum noch national einhegen – aber einen europäischen Souverän gibt es bislang nur auf dem Papier. Wer in Rom oder Athen regiert, entscheidet möglicherweise auch über die Zukunft von Portugiesen oder Iren. Aber Iren und Portugiesen können nicht mitstimmen, wenn in Griechenland oder Italien gewählt wird. Andersherum gilt: Angela Merkel bestimmt weite Teile der europäischen Politik; rechtfertigen muss sie sich dafür aber nur gegenüber ihren deutschen Wählern. Die anderen können sie nur beschimpfen, nicht abwählen.

Das sind keine Kleinigkeiten, sondern Fragen, die an Grundsätzliches rühren. Letztlich geht es um die Demokratie und die Legitimation politischer Entscheidungen jenseits der nationalen Grenzen. Wer eine Antwort auf diese Fragen finden will, muss wissen, wo er danach sucht. Das heißt, er muss erst einmal verstehen, was gerade geschieht.

Zu Recht wird vor der Gefahr einer wachsenden Renationalisierung in Europa gewarnt. Gleichzeitig erleben wir das Gegenteil: eine weitreichende Europäisierung des Nationalen. Die Geburtsstunde der europäischen Innenpolitik. Eine paradoxe, widersprüchliche, aufregende Entwicklung.

Ob wir künftig »mehr Europa« brauchen? Darüber kann man trefflich streiten. Fest steht hingegen: Weniger wird es nicht mehr werden.