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Ein Tweet von Boris Becker zur Verleihung des Friedensnobelpreises löst einen Sturm der Entrüstung aus. von 

Boris Becker bei den US-Open im September 2012

Boris Becker bei den US-Open im September 2012  |  © Eduardo Munoz/Reuters

Glaube niemand, die Internet-Barbaren seien Kulturbarbaren. Ihre Barbarei ist vielmehr entgegengesetzter Art und weit fürchterlicher. Es sind Kulturpedanten. Kein Verstoß gegen Tradition und Regel entgeht ihnen. Neulich fand sich auf Twitter folgender possierlicher Eintrag, dem viele ähnlich possierliche Tweets folgen sollten:

Daraufhin erhob sich im Netz jener Sturm der Entrüstung, der dort anders, aber nicht netter heißt. Die Vorwürfe: schwere Sach- und Grammatikfehler. Falsche Zuordnung des Preises und/oder anmaßende Identifizierung Europas mit Deutschland in Tateinheit mit falscher Tempuswahl und/oder falsch eingesetzter Konjunktion.

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Was die überschlaue Netzgemeinde indes verschwieg, war der nicht unerhebliche Umstand, dass sie sehr wohl verstanden hatte, was Boris Becker hatte sagen wollen. Mit anderen Worten: Der Kommunikationsakt war durchaus geglückt, verlief aber nicht in den Formen, die der Kultur- und Sprachpedant für angemessen hält. Die Ausdrucksweise von Bum-Bum-Becker (so der seinerzeit von Bild vergebene Kosename) zeigte die charmante Unschärfe des frühkindlichen Spracherwerbs, und es ist eigentlich schwer einzusehen, warum das, was wir bei den kleinen Rackern so herzig finden, bei einem Mann wie Boris Becker weniger entzückend sein soll.

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Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen.  |  © Frazer Harrison/Getty Images

Es ist doch so: Manche werden Lehrer und sind extrem fit in Grammatik und in politischem Zeitgeschehen, andere werden Tennisprofis und sind extrem fit auf dem Platz. Dürfen sich beide im Internet nur jeweils mit dem zeigen, was sie am besten können? Und wie sollte das bei Bum-Bum-Becker aussehen, der nun einmal schon lange nicht mehr balla balla macht? Dürfte er nur noch Videos alter Spiele zeigen? Und müsste seine Gegenwartsleistung auf diesem und allen anderen Gebieten verbergen? Wer ist überhaupt im Internet der oberste Platzwart, der solche und andere Regeln aufstellen könnte?

Nun, wir kennen natürlich den Platzwart im Netz, er beherrscht nur eben leidlich das Deutsche und höchstens ausnahmsweise das Tennisspiel. Es ist der sogenannte User, früher nannte man ihn den Mann von der Straße. Er hat an Macht nicht verloren – und auch nicht an hämischer Schadenfreude.

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Leserkommentare
  1. Vielen Dank für dieses Kleinod präziser Bezeichnung :)

  2. ... ein Bild vom Halbbruder von Kim Jong Un zeigen? ;-)

    Eine Leserempfehlung
  3. über die Gesellschaft und ihre Schwächen sowie die der Prominenten und ihrer Funktion als Idealbild.

    (Gesellschafts-)Kritik, Kommentar oder doch Glosse????

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  • Serie Gesellschaftskritik
  • Schlagworte Boris Becker | Angela Merkel | Friedensnobelpreis | Glaube | Internet | Lehrer
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