Comic-Zeichner Jens HarderAm Anfang war die Sonne

Der deutsche Comic-Zeichner Jens Harder stellt sich die Entstehung des Glaubens vor und sagt, warum ihm ein Maya-Gott besonders gefällt. von 

Es ist der ehrgeizigste Comic der Welt, und er entsteht in Berlin: Jens Harder zeichnet die Geschichte der Menschheit vom Urknall bis zur Gegenwart. Für den ersten Band »Alpha«, der 14 Milliarden Jahre abbildet und mit dem Erscheinen des Menschen im Holozän endet, brauchte der Künstler fünf Jahre. Jetzt arbeitet er an »Beta« und ist gerade am Beginn der Religion angekommen.

DIE ZEIT: Herr Harder, wer war zuerst da: die Menschen oder die Götter?

Jens Harder: Ganz klar die Menschen. Unsere Spezies ist mehrere Millionen Jahre alt. Götter dagegen gibt es erst seit mageren 10.000 Jahren. So alt sind jedenfalls die Kultstätten, die vermuten lassen, dass da einem Gott gehuldigt wurde. Als Atheist wundere ich mich immer wieder, dass wir etwas so Jenseitiges erfunden haben.

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ZEIT: Dass die religiösen Zeugnisse historisch relativ jung sind, heißt doch aber nicht, dass Götter nicht schon vorher existierten.

Harder: Wenn es einen Schöpfergott gäbe, dann würde mir nicht einleuchten, dass er so lange gewartet haben sollte, bis er sich den Menschen zeigt. Unsere Vorfahren hätten in der Höhle von Lascaux ja schon mal eine Anbetungsszene in den Fels ritzen können. Haben sie aber nicht. Man sieht nur Tiere. Die waren als Beute das Zentrum allen menschlichen Strebens.

ZEIT: Wie sieht der Anfang des Glaubens aus?

Der Comiczeichner
Der Comiczeichner

Jens Harder, 42, wurde für seine Comics vielfach ausgezeichnet. Ein erster evolutionärer Bilderbogen erschien unter dem Titel »Alpha« im Carlsen-Verlag. Harder lebt in Berlin.

Harder: Ich beginne mit dem Staunen des Homo erectus über gewaltige Naturphänomene. Ein frühes erlösendes Moment war sicher der Sonnenaufgang. Erste Glaubenszeugnisse zu benennen ist auch deshalb schwierig, weil die Übergänge zwischen der Verehrung bloßer Tierwesen und der Anbetung von Göttern mit Tierattributen fließend sind. Deshalb bewege ich mich als Erzähler nicht in einer klaren chronologischen Abfolge.

ZEIT: Wir sehen auf derselben Comic-Seite den ägyptischen Sonnengott und Maya-Priester.

Harder: Dazu habe ich noch moderne Besucher eines Sonnenwendfestes in Stonehenge kombiniert, das Freimaurersymbol von der Dollarnote und ein frühchristliches Mosaik mit Heiligenschein. Ich bündele Phänomene.

ZEIT: Man könnte auch sagen, Sie nehmen es mit der Religion nicht sehr genau. Dabei sind Sie doch sonst als akribischer Rechercheur bekannt.

Harder: Ich habe natürlich auch viel zu Gottheiten recherchiert, mich zum Beispiel mit dem frühneuzeitlichen Kultort Çatalhöyük in Anatolien befasst, wo das Bild einer voluminösen Urgöttin gefunden wurde. Ich habe mir Tontafeln aus Mesopotamien angesehen und Wandmosaiken aus Pompeji, benutze aber auch profane Darstellungen, etwa auf Tarotkarten. Religion ist für mich nur eine Spielart jenes Denkens, das eine Gruppe Menschen zum gemeinsamen Handeln bewegen soll.

ZEIT: Haben Sie einen Lieblingsgott?

Harder: Formal gefällt mir besonders der liegende Maya-Gott Chac Mool, eben weil er liegt und nicht thront oder mit großer Geste etwas verkündet oder sonst irgendwie herrscht. Aber egal wie die Lage ist, ich möchte mich nicht vom Wohlwollen einer übergeordneten Macht abhängig machen.

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Leserkommentare
    • R_IP
    • 08. Januar 2013 18:31 Uhr

    sehr ominösen (um nicht zu sagen: Falschen!) historischen Darstellung muss ich Suryo beistimmen: Sie pflegen da ein sehr simples Modell von Religion im Allgemeinen.

    Das Traurige ist, dass Sie damit nicht alleine sind. Immer wenn Laien der Historie, Psychologie oder Soziologie sich mit dem Thema Religion auseinandersetzen, kommt dabei eine von einer Einzelperson oder aber einer kleinen Elite organisierte Massentäuschung heraus, als ob bei der Gründung einer Religion ein instrumenteller Plan von seiten nichtreligiöser Akteure zu Grunde gelegen hätte.

    Und so jemand spielt mit seinem Nickname auf den großen Philosophen Nietzsche an, tse tse tse....

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    Antwort auf "die monotheistischen "
    • Uxmal
    • 08. Januar 2013 18:32 Uhr

    Gut, dann mag es urheberrechtlich nicht relevant sein, aber moralisch finde ich es fragwürdig, sich mit fremden Federn zu schmücken. Ich könnte mich nicht hinstellen und Preise entgegennehmen, für ein abgepaustes Werk, wo der Originalkünstler mit einem kleinen "danke an" hinten im Buch "gewürdigt" wird. Das finde ich einfach nicht fair. Das empfinde ich als mangelnder Respekt unter Kollegen.

    Dass sowas besser geht, sehe ich bei Tarantino, der den Filmen eine hohe Wertschätzung entgegenbringt, aus denen er sich bedient und diese genauso (mit)promotet wie seine eigenen Filme. Oft zum Leidwesen der Journalisten, die von den alten Filmen nichts wissen wollen ;)

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    Antwort auf "Kunst darf das"
  1. Da das Werk des Autors ein Comic ist, darf man ja getrost darüber lachen, ohne den Autor zu verletzen. Ich liebe Comics.
    Wer jedoch die evolutionäre Vervollkommnung postuliert, oder überhaupt Evolution als These vertritt, muss sich dem Gedanken stellen, dass die "Entstehung" des Glaubens dann ja eine Stufe der Vervollkommnung des Menschen sein könnte und müsste, die durch den Glauben eine Realität abbilden soll, die mit den Augen nicht zu sehen ist. Daher ist der Gedankengang des Autors sogar innerhalb seines Gedankenmodells unlogisch, wenn er die Frage stellt, warum ein Schöpfergott "solange damit gewartet hat". Vielleicht beweißt das ja eher die Existenz eines Schöpfergottes, als dass es sie verneint.
    Vermutlich hat sich der Autor darüber nie tiefer Gedanken gemacht, und daher ist die Meinung des Zeitreporters, dem Autor mangele es ggf. an Akribie, aus meiner Sicht richtig. Bedauerlich ist nur, dass vermutlich viele Menschen diesem Werk "glauben" werden. Das ist für mich dann eher zum Weinen, so wie Darth Vader in Star Wars sagte: "ich finde Ihren Mangel an Glauben beklagenswert"...

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  2. These:
    Der Schöpfergott des alten Testamentes und der spirituelle Gott des neuen Testamentes sind sich fremd und stehen in keiner Beziehung zueinander.

    Recherche-Tipp:
    "Marcion von Sinope"

    Kompetentester Autor:
    Adolf von Harnack

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    ...die seit der Judenverfolgung unter Hadrian nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes einander mit antijüdischen Schmähschriften übertrafen und die römische Christenheit zu dominieren begannen. Wer von ihnen in der Schublade der "Häretiker" landete und wer als "Kirchenvater" gilt, macht keinen entscheidenden Unterschied.

    Kompetenter Autor: Samuele Bacchiocchi

    Die These -- Der Schöpfergott des alten Testamentes und der spirituelle Gott des neuen Testamentes sind sich fremd und stehen in keiner Beziehung zueinander -- empfehle ich anhand des Textes beider Testamente zu überprüfen.

    • mcfly71
    • 08. Januar 2013 21:14 Uhr

    Ich glaube, es war Max Weber, der diesen vortrefflichen Ausdruck ins Feld geführt hat, als er vom spirituellen Talent sprach, welches er selber nicht besaß. Und tatsächlich ist in der Religion Virtuosität, Innerlichkeit und das Erfassen dessen, was man nicht sehen, riechen, anfassen kann, so selten anzutreffen, wie man in der Musik Riesen wie einen Beethoven, Mozart und dergleichen an einer Hand abzählen kann. Auch die Juden und Gründer des Monotheismus wussten von der Begabung, Auserwählung und erkannten ihre geistigen Fuehrer, die so sehr über alle Masse ragten.
    Harder gehoert mit Sicherheit nicht dazu und dabei sollten wir es bewenden lassen!

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    • Uxmal
    • 09. Januar 2013 0:33 Uhr
    15. Collage

    @soylentsoja: Auf dem Comic-Salon in Erlangen war das Werk ja sehr präsent. Ich hatte es zwar als Collage an Ereignissen und Abläufen verstanden, aber nicht dass komplette Seiten anderer Künstler im Detail übernommen wurden. Das geht eben meiner Meinung nach zu weit, gerade in einem Medium, wo man so ungezwungen Originäres erschaffen kann. Das Thema und das Konzept finde ich eigentlich sehr gut und lädt dazu ein, eine sehr persönliche Sicht/Bildweise zu kreieren. Daher ist es schade, dass er so nah an seinen Quellen bleibt (Recherche ist ja nicht verboten). Am Ende bleibt es wohl Geschmackssache und für mich gibt es ja noch genug andere Comics.

    http://www.comicradioshow.com/Article3526.html

    ...hier äußert sich der Zeichner übrigens zu den Vorwürfen und seine Argumente decken sich mit den Ihren. Erfreulichwerweise ist er im zweiten Band dazu übergegangen, bei den betreffenden Künstlern um Erlaubnis zu fragen.

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    @Uxmal: Klar ist es Geschmackssache, ob man einen Comic mag oder nicht. - Ich bin selbst nicht mal der allerglühendste Verehrer von Alpha D., falls das so rübergekommen sein sollte. Aber es ist doch mindestens sehr interessant. Ich kenne jedenfalls nichts Vergleichbares. Wenn Sie das Buch bisher als "Collage an Ereignissen und Abläufen" verstanden hatten und noch nicht gelesen haben, dann sollten Sie eventuell doch mal reinschauen. Vlt. gefällt es Ihnen besser als Sie dachten.
    Denn es ist genau umgekehrt: Bei Alpha Dir. war die "Story" ja schon vorgegeben und wird auch genau chronologisch erzählt. Darum geht es um so mehr um das "Wie". Harder hat dazu Bilder mit hohem Bekanntheitsgrad verknüpft, die aber meist aus einem viel spezielleren Kontext stammen oder den jeweiligen Teil der (Erd-)Geschichte um Interpretationen, bzw. analoge Vorstellungen von allerlei Kulturen ergänzen.
    Der Comic liest sich um so besser, je mehr man vorher schon von der Story kennt, denn er lebt von diesen Wiedererkennungsmomenten.
    Das macht den Comic wie ich finde schon zu etwas Originärem, wie Sie sagen - und es erweitert m.M. das Spektrum des Mediums.
    Ansonsten wäre es ein Infocomic - und als Lehrbuch taugt es nicht.

    Im Interview wird ja angedeutet, dass Harder bei Beta nicht so streng chronologisch vorgegangen ist. Bin gespannt, ob dadurch nicht "das Epische" etwas verloren geht...

  3. @Uxmal: Klar ist es Geschmackssache, ob man einen Comic mag oder nicht. - Ich bin selbst nicht mal der allerglühendste Verehrer von Alpha D., falls das so rübergekommen sein sollte. Aber es ist doch mindestens sehr interessant. Ich kenne jedenfalls nichts Vergleichbares. Wenn Sie das Buch bisher als "Collage an Ereignissen und Abläufen" verstanden hatten und noch nicht gelesen haben, dann sollten Sie eventuell doch mal reinschauen. Vlt. gefällt es Ihnen besser als Sie dachten.
    Denn es ist genau umgekehrt: Bei Alpha Dir. war die "Story" ja schon vorgegeben und wird auch genau chronologisch erzählt. Darum geht es um so mehr um das "Wie". Harder hat dazu Bilder mit hohem Bekanntheitsgrad verknüpft, die aber meist aus einem viel spezielleren Kontext stammen oder den jeweiligen Teil der (Erd-)Geschichte um Interpretationen, bzw. analoge Vorstellungen von allerlei Kulturen ergänzen.
    Der Comic liest sich um so besser, je mehr man vorher schon von der Story kennt, denn er lebt von diesen Wiedererkennungsmomenten.
    Das macht den Comic wie ich finde schon zu etwas Originärem, wie Sie sagen - und es erweitert m.M. das Spektrum des Mediums.
    Ansonsten wäre es ein Infocomic - und als Lehrbuch taugt es nicht.

    Im Interview wird ja angedeutet, dass Harder bei Beta nicht so streng chronologisch vorgegangen ist. Bin gespannt, ob dadurch nicht "das Epische" etwas verloren geht...

    Antwort auf "Collage"

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