EntdeckungsreisenHabsburg ahoi!

Politisch erfolglos, keine Kolonialmacht: Stattdessen entwarfen die Habsburger den Mythos einer Nation von Forschern und Entdeckern. von 

Es ist ein dunkler, kalter Dezembernachmittag des Jahres 1873. Der Jäger und Hundetreiber Alexander Klotz kommt gerade von einer Exkursion auf Seiner Majestät Forschungsschiff Tegethoff, das im Packeis gefangen liegt, zurück. Er wirft seinen Pelz ab, die Handschuhe, die Fellkapuze und legt Sommerkleider an. Der Südtiroler will nach Hause, ins Passeiertal, wo die Winter mild sind. Seit über einem Jahr steckt das Schiff der »Österreichisch-Ungarischen Nordpolarexpedition« im Würgegriff der Arktis. Diese Episode aus Christoph Ransmayrs Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis versinnbildlicht jene Reise in den Wahnsinn, an der die ganze Monarchie Anteil nahm. Es war die spektakulärste Expedition der sonst eher stiefmütterlichen Welterforschungsgeschichte Österreichs. Nun machte sich die Habsburger-Monarchie doch noch in eine Phase der Entdeckungen auf, selbst wenn nur noch die Polarregion erforscht werden musste.

Klotz räumt seine Koje leer und verabschiedet sich. »Der wird schon wiederkommen«, denken die Kameraden. Zwei Stunden verstreichen. Panik bricht aus. In alle Himmelsrichtungen hasten Suchmannschaften davon. Als der Herumirrende gefunden wird, aufrecht gehend, ist sei Antlitz nahezu vollständig vereist. Sie schreien ihn an, doch er spricht kein Wort mehr. Ab nun ist ein Verrückter an Bord des Unglücksschiffs. Den Polarwinter verbringt er im Delirium. Erst als im Februar die Sonne zurückkehrt, erhebt er sich von seinem Lager, als wäre nichts gewesen.

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Nur mit Glück fand die Mannschaft, die ein karges Stück Land im Namen Kaiser Franz Josephs in Besitz genommen hatte, wieder nach Hause. Weder hatte sie die Nordostpassage gefunden noch sich dem Pol genähert. In Wien wurden die Entdecker »Neu-Österreichs« trotzdem frenetisch bejubelt. Dabei war die aus dem Scheitern des Höllentrips geborene Idee des Marineoffiziers Carl Weyprecht, statt solch sinnloser Fahrten doch lieber einen Ring von Forschungsstationen um die Arktis zu errichten, die eigentliche Leistung.

Stefan Müller

Der Autor arbeitet im Wiener Büro der ZEIT. Sein Buch »In die weite Welt hinaus, die tollkühnen Expeditionen der Österreicher« ist im Metro-Verlag erschienen.

In der Erinnerung wurden Weyprecht und Julius Payer, der zweite Kommandant, zu Helden der Wissenschaft stilisiert. Die Habsburger haben ihren Beitrag zur Erforschung der Welt geleistet, das schon. Doch eine glorreiche Entdeckernation waren die Österreicher nicht. Richtige Kolonien besaß die Monarchie, die bis weit in das 19. Jahrhundert hinein bloß über eine mickrige Marine verfügte, nie. Dazu fehlte innere Stabilität. Vielleicht gerade deshalb wurden jene Männer und Frauen, die aus den unterschiedlichsten Motiven in die Welt hinausfuhren, gerne als Helden der Wissenschaft gefeiert. Ihre Geschichten wurden stets losgelöst von den wahren Hintergründen erzählt.

Mitunter führte sogar der Zufall Regie. Das zeigt die Geschichte des ersten österreichischen Weltumseglers. Christoph Carl Fernberger war Söldner in spanischen Diensten und wollte eigentlich nur heim ins Oberösterreichische, als er 1621 in Amsterdam ein Schiff bestieg. Doch ähnlich wie heute, wenn einer den falschen Bus nimmt, sah er plötzlich die Straße von Gibraltar an sich vorbeiziehen. Aus Versehen hatte er ein Schiff mit Zielhafen Landana in Westafrika bestiegen. Die Seefahrer erlitten Schiffbruch; und ein holländisches Geschwader, das die Verunglückten aufnahm, stand gerade am Beginn einer langen Reise. So fuhr ein Traunviertler um die Welt. Erst sechs Jahre später trat er mit reichen Notizen, einem sprechenden Papageien und einem Leoparden im Gepäck die Heimreise an.

Bis zur Entsendung des ersten staatlichen Forschungsreisenden sollten weitere 127 Jahre vergehen. Inzwischen hatten die großen Seemächte weite Teile der Welt längst unter sich aufgeteilt. 1754 schickte Kaiser Franz seinen Hofbotaniker Nikolaus Joseph von Jacquin in die Karibik, um üppiges Grünzeug, saftige Ananas-Raritäten und exotisches Getier zu erbeuten. Nur von Fleischfressern sollte er die Finger lassen, weil Seine Majestät fürchtete, der Gestank von Raubtierexkrementen könnte ihn beim Frühstück in der Menagerie stören.

Das imperiale Motiv für den Forschungsauftrag lag in der eigenen Geltungssucht: Wer die schrägsten Gewächse heranschaffen lassen konnte, die seltensten Tiere und Kreaturen, der schaffte es nicht nur, die Natur selbst zu zähmen, sondern auch seinen Gästen einen Blick in die Wunderkammer Gottes zu verschaffen. Durch das Einordnen der Naturalien bildeten sich erste Ansätze von Wissenschaften, der Zoologie, Botanik und Geologie. Während in Preußen an den Universitäten bereits die Freiheit von Lehre und Forschung herrschte, war freies Denken im katholischen Wien unerwünscht. Erst die bürgerliche Revolution von 1848 brachte die libertas philosophandi – und mit ihr einen raschen Aufholprozess.

Politisch waren bis dahin alle Versuche, eine ernst zu nehmende See- und Kolonialmacht zu werden, gescheitert. Erzherzogin Leopoldine, die 1817 in die portugiesische Kolonie Brasilien verheiratet worden war, wurde als Schwangere von ihrem Mann zu Tode geprügelt. Immerhin leisteten die mitgereisten Jäger und Sammler ganze Arbeit. Johann Natterer, der Sammlerprinz, streifte 18 Jahre lang durch das wilde Land und bescherte den Habsburgern die reichhaltigste Südamerika-Sammlung der Welt. Besondere Anerkennung bekam er nach seiner Heimkehr aber nicht dafür.

Leserkommentare
    • tonder
    • 28. Dezember 2012 9:23 Uhr
    1. Gut...

    ...dass mit einem weiteren Mythos aufgeräumt wird. Das wollen viele Österreicher und Deutsche nicht wahrhaben, was alles in ihrem Namen angerichtet wude, gerade in Afrika. Vieles wirkt bis heute nach, gerade im Kongogebiet, das kann man nachlesen z. B. hier http://www.zeit.de/2012/1... oder hier http://www.geo.de/GEO/nat...

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