Arabische UnruhenSchlaflos in Charlottenburg

Der Hacker Stephan Urbach unterstützte im Netz syrische Rebellen. Der Bürgerkrieg hat ihn krank gemacht. von 

Als Stephan Urbach an diesem Tag anfing zu arbeiten, sagt er, wusste er nicht, wie spät es war oder wie lange er geschlafen hatte. Ob er gestern gegessen oder wann er zum letzten Mal seine Wohnung verlassen hatte. Seit er die syrischen Rebellen aus seinem Berliner WG-Zimmer heraus unterstützte, hatte er die Kontrolle über sein Leben verloren. Er steckte sich eine Gauloise an, während er Chatprogramm, Twitter und seine E-Mails öffnete. Er sollte ein Handyvideo aus Homs bearbeiten. Es zeigte, wie auf offener Straße ein junger Mann erschossen wurde. Urbach erkannte ihn sofort.

Er hatte ihn in dem Chatroom getroffen, in dem er mit anderen Hackern seit Beginn der arabischen Revolution technische Hilfe für Oppositionelle organisierte. Urbach nannte ihn Muhammad. Für Muhammad war es gefährlich, via Facebook Demonstrationen zu organisieren oder Videos auf YouTube hochzuladen. Urbach und seine Freunde stellten für ihn und andere Syrer sichere Internetverbindungen bereit. Das gab ihnen das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun. Mitzumachen beim Kampf gegen Assad.

Anzeige

Muhammad, so Urbach, studierte Maschinenbau in Aleppo und war 21. Er erzählte dem deutschen Helfer von Geheimdienstmännern, die ihn beschatteten, und von den Eheproblemen seiner Schwester. Er versprach, Urbach in Berlin zu besuchen, sobald der Bürgerkrieg vorbei sei. »Wir werden Assad bald besiegen!«, schrieb er mehrmals. Dass er in die umkämpfte Rebellenstadt Homs fahren würde, verschwieg er.

Nachdem er das Video von Muhammads Tod gesehen hatte, erledigte Stephan Urbach seine übliche Arbeit. Er löschte alle sogenannten Metadaten, die verraten könnten, wo, wann und von wem die Bilder aufgenommen wurden. Er verpixelte die Gesichter der anderen Menschen. Dann verschickte er den Clip, damit er auf YouTube hochgeladen werden konnte. Zwei Tage später weinte er.

Stephan Urbach

Als Ägyptens ehemaliger Präsident Hosni Mubarak im Januar 2011 das Land vom Internet abklemmte, beschlossen der heute 32 Jahre alte Stephan Urbach und andere Hacker, sich für die Revolutionäre der arabischen Revolution zu engagieren. Von Deutschland aus organisierten sie sichere Internetverbindungen für die ägyptische Opposition, programmierten sogenannte anonyme Briefkästen für Rebellen in Libyen und hackten sich in das Computersystem des syrischen Geheimdienstes ein. Nach einigen Monaten wurde Stephan Urbach depressiv. Ihn verfolgten die Bilder der getöteten Menschen. Er fragte sich: Was kann ich schon ausrichten? 2012 will er mit den Piraten für den Bundestag kandidieren. In der Partei ist er jedoch umstritten – auch wegen der Haltung, die er von Hackern fordert. Seiner Ansicht nach entwickeln viele von ihnen Programme, ohne über ihre Wirkung nachzudenken.

»Held« – wenn Urbach von sich selbst spricht, benutzt er oft dieses Wort. Er sagt, dass viele Computernerds ihn so bezeichnen. Die Anerkennung schmeichelt ihm, lange hat sie ihn angespornt. Gleichzeitig erdrückt sie ihn. Er erzählt von seiner Lieblingsfigur aus Der Herr der Ringe, dem Hobbit und Gärtner Samwise Gamgee. »Der ist auch kein Held, wächst in der Krise aber über sich hinaus, rettet Frodo, und am Ende bricht er zusammen. So wie ich.«

Stephan Urbach wurde vor 32 Jahren in einem hessischen Städtchen nahe Hanau geboren, sein Vater arbeitete als Bankkaufmann, sein Großvater auch. Als Junge war er klein und dick. Beim Sport sei er immer als Letzter gewählt worden. Menschen an ihren körperlichen Fähigkeiten zu messen, findet er »fünfziger-Jahre-mäßig«. Urbach flüchtete sich erst in die Unendliche Geschichte, dann in Rollenspiele und Ende der Neunziger in die Chatforen des Internets. Dort lernte er von anderen, wie man Webseiten baut und Sicherheitslücken findet.

»Meinetwegen sind drei Leute gestorben«, sagt Urbach

Nach einer Lehre als Bankkaufmann in Bad Homburg landete Urbach in der IT-Branche. Er trat dem Chaos Computer Club, einem Hackerverein, und der Piratenpartei bei. Heute arbeitet Urbach als Referent für Kultur und Internet im Berliner Abgeordnetenhaus; er ist schlank und hat einen Irokesenschnitt, in seiner Unterlippe steckt ein Ring. Weil er stets einen schwarzen Kapuzenpulli und schwarze Stiefel trägt, sieht er aus wie ein ewiger Demonstrant.

Stephan Urbach ist in den syrischen Konflikt hineingestolpert – er ist kein mutiger Mensch. Weil er sich mit dem Urheberrechtsabkommen Acta beschäftigte, stieß er auf eine Internetgruppe namens Telecomix. Sie hatte sich 2009 aus Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung gegründet und machte Lobbyarbeit in Brüssel: 20 Leute in Schweden, den Niederlanden, Norwegen, Großbritannien und Australien. Als die Revolutionen in Tunesien und Ägypten begannen, sprach Urbach oft mit den anderen darüber. Und als der damalige Präsident Hosni Mubarak im Januar 2011 das Land vom Internet abklemmte, beschlossen Urbach und seine Freunde, sich für die Revolutionäre zu engagieren.

Leserkommentare
  1. aber er sollte sich lieber erst einmal "regenieren" und seine Depressionen & teilweise verwirrende Gedankensprünge (der Artikel springt nur von einem Punkt zum nächsten...) los werden bevor er gedenkt in der Politik aktiv zu werden.

    8 Leserempfehlungen
  2. Dann vermute ich mal, dass ich die Piraten auch nicht wählen werde. Kriegs-Aktivisten unterstütze ich nicht.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat: "Seine Chancen auf einen guten Listenplatz sind gering."

    Ich teile die Meinung der Artikelschreiberin.
    Die Chancen sind sicherlich sehr, sehr gering.

    Auch wenn ich spontan ihrem Beitrag zugestimmt habe, so muss man doch bedenken, dass Herr Urbach seine Aktivität als Hacker und nicht als Pirat vollzog. Oder? Man müsste ja davon ausgehen, dass er von der Piratenpartei quasi ein Mandat für sein Handeln erhalten hatte. Ist das so?

    Wir bitten von der Austragung von Privatfehden abzusehen, und zu einer themenbezogenen Diskussion zurück zu kehren. Danke, die Redaktion/jk

  3. Zitat: "Seine Chancen auf einen guten Listenplatz sind gering."

    Ich teile die Meinung der Artikelschreiberin.
    Die Chancen sind sicherlich sehr, sehr gering.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Überschrift."
  4. Was für ein Mensch wird mir hier vorgestellt?

    Ganz offensichtlich hat er seinen Alltag nicht im Griff. Ob er ihn je hatte, wird nicht ganz klar.

    Er hält sich für einen Held, vergleicht sich mit Sam.
    Hat er mal über den Unterschied von Tolkien's Welt und der Realität nachgedacht?

    Bei Tolkien ist alles schön einfach schwarz und weis, die bösen sind hässlich und haben krächzende Stimmen, die guten spitze Ohren und ihre Stimmen sind Musik...
    Daß in Syrien die Situation nicht ganz so übersichtlich ist scheint ihm entgangen zu sein...

    Er weis selbst, daß er eine Therapie braucht, möchte aber für den Bundestag kandidieren.

    ---

    Welche Botschaft vermittelt dieser Artikel?

    "Die Piraten sind Freaks, die ihr Leben nicht im Griff haben und eigentlich in Therapie gehören!"

    Wenn ich die Intentionen des Verfassers missverstanden habe, bitte ich um Aiufklärung.
    Danke!

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben schon richtig erkannt: In unserer Welt gibt es nicht immer ein "Schwarz/Weiss Denken", auch wenn dieses viel zu viele Menschen immer wieder an den Tag legen, was zum größten Teil der Probleme auf der Welt führt.

    Allerdings muss man die Situation realistisch betrachten. In Syrien gibt es nicht DIE Opposition. Es gibt viele unterschiedliche Interessengruppen und da unten wird meiner Meinung nach in erster Linie ein Stellvertreterkrieg geführt, zwischen westlichen und östlichen Interessen. Krieg wird schon seit einiger Zeit, auf einer völlig anderen Ebene, nämlich aus der Distanz geführt, noch unehrlicher und dreckiger, als er jemals geführt wurde.

    Was bleibt sind viele kleinere Splittergruppen, welche zwischen den Interessen der einflussreicheren Gruppierungen aufgerieben wird und diverse Landstriche/Stadtgebiete in denen das Chaos regiert.

    Es ist schwer zu sagen, welche Gruppe der Hacker nun tatsächlich unterstützt hat und ob er sich dessen überhaupt bewusst ist. Wir können darüber nur spekulieren.

    Fest aber stehen die Bilder. Was wir zu sehen kriegen sind geschönte Kriegsbilder. Ich kenne die wahren Bilder aus Syrien ebenfalls, wenngleich Welten zwischen ihnen. Auf der einen Seite abgrundtiefe Brutalität [öffentliche Hinrichtungen von Kindern und zuvor Familie/Herunterwerfen von Menschen von hohen Gebäuden] und auf der anderen Seite ein alltägliches Leben, als wäre nirgendswo Krieg.

    Die Situation ist längst festgefahren, östliche Länder werden derweil als

    einzige Schuldigen im Konflikt bezeichnet. Keine Worte über die Aktionen auf Seiten des Westens. Es gibt keine objektive Berichterstattung mehr über Syrien in den mainstream Medien. Dieser Tatsache muss man sich gewahr werden.

    So bringen die Hacker wenigstens die echte Realität an den Tag, ebenso wie die Blogger und die Menschen, welche sich auch tatsächlich vor Ort befinden.

    um Vieles aussagekräftiger, als beispielsweise all die vielen teils weniger eindeutig als parteiisch zu erkennenden Agentursartikel über Syrien die letzten zwei Jahre.

    Ein junger Mensch, der vermutlich auf Grund persönlicher Gegebenheiten besonders intensiv auf Sinnsuche und Arbeitssuche für eine bessere Welt ist, wird in Ägypten, wo die Regierung tatsächlich das Internet abschaltete, als Internetaktivist angefixt. Findet dort starke Befriedigung und Gleichgesinnte. Kann dann nicht mehr lassen und hechtet allen Möglichkeiten hinterher, wo sich Befreiungskämpfer ungeprüfter Qualität zeigen und stellt sich in deren Dienst. Bis ihn die dunkle Seite seiner Handlungen einholt.

    Ein Schicksal eines idealistischen und selbstlosen Sinnsuchers. Positiv betrachtet. Nun die Piraten - seine Sinnsuche ist noch nicht zu Ende. Vermutlich wird sein dortiges Engagement weniger blutig und wenn er durchhält um vieles bürokratischer ausfallen. Die Berliner Piraten haben ja bereist dokumentarische Einblicke gewährt. Dort heißt es dann nicht Nervenzusammenbruch sondern Burn-Out.

  5. Herr Urbach, so, wie Sie in diesem Artikel sagen "Meinetwegen sind drei Menschen gestorben" klingt Ihr enthusiatisches "Mit Politik tut man Gutes für andere" seltsam, sehr unwirklich, als ob Sie die Realität ausklammern und Ihre eigene Welt erschaffen.
    Sind Ihre Emotionen anders als zB meine? Fühlen Sie mehr und weniger als zB ich?
    Diese Aussagen machen mir jedenfalls Angst. Ich hoffe für mich und für Sie, dass ihr Weg in der Politik bald zu Ende geht und Sie stattdessen ein friedlicheres Betätigungsfeld beackern.
    Der Impuls, Sie in den Arm zu nehmen, ist stark.

    Eine Leserempfehlung
  6. Im Artikel werden sehr viele verschiedene Ebenen und Dimensionen angesprochen.
    Auffällig für mich ist die Depression, die ja offenbar ausgebrochen, aber latent schon vorhanden war? Mich macht es zunehmend stutzig, dass es so viele Menschen betrifft, die unter Depressionen leiden, in einer Gesellschaft, die als frei gilt. Was ist hier los?
    Die Arbeit im Netz für den 'arabischen Frühling' ist im Ansatz gut nachvollziehbar. Und von außen solche Hilfestellung bieten zu können, ist durchaus richtig und wichtig.
    Zwei Punkte aber fallen mir hier auf: Wie wurde die Entscheidung getroffen, wem in Syrien zu helfen? und, zwar ist es logisch, dass man in bestimmten Umständen den Weg einer Information unterbricht, um Informanten zu schützen.
    Aber Herrn Urbach muss doch aufgefallen sein, dass es ein Glaubwürdigkeitsproblem hier gibt.
    Für was oder wen ist es sinnvoll, anonymisierte Videos ins Netz zu stellen, wenn kaum noch jemand dessen Authentizität glaubt?
    Und der weitere Aspekt, aber Herr Urbach sind diese Grenzen sicherlich schon selbst mal in den Sinn gekommen: Was ist das für eine Hilfe, die darauf beruht, seine eigene Leere zu übertünchen?

  7. Ich vermisse, dass der Westen die arabische Revolution stärker unterstützt und finde es Klasse, dass es Menschen gibt, die das tun. Ich wünsche Dir gute Besserung und viel Erfolg.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    unterstützt"

    Gott bewahre. Was hätten sie in Libyen denn noch tun sollen!? Die Nato bombardierte "für Menschenrechte", die Kämpfer vor Ort schlugen die Köpfe ab.

    In Ägypten hat die USA das Militär durch die jährlichen Milliardenzahlungen seit Jahren im Sack.

    Amerika unterstützte die Assad-Gegner bereits unter der Bush-Regierung (ab 2006) mit Millionen von Dollars.
    http://www.hintergrund.de...

    Unter Obama ist die Unterstützung noch viel größer geworden.

    Syrien steht seit Jahren auf der Liste des Westen der zu mobbenden Regierungen ganz weit oben, gleich nach Iran.

    In Deutschland wurde Assad und seine Frau(!) bereits wenige Monate nach den ersten Demos auf die offizielle Terroristenliste(!) gesetzt.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Die USA fliegen Al-Kaida-Kämpfer nach Syrien.
    http://www.ag-friedensfor...

    Die Syrien-Agenda des Westens war lange geschrieben, das Blut, das jetzt fließt einkalkuliert, als die ersten "freidlichen" Demonstrationen in Syrien stattfanden.

  8. Die Kommentare interpretieren hier zu viel rein. Spart euch die Psychoanalyse... ist doch eh wieder nur n Märchen, mit der uns vorgegaukelt wird die Anti-Assad Stimmung sei weit verbreitet.

    FAKE

    Warum sollten die vom Ausland bezahlten Syrischen-Terror-Rebellen-Söldner auf die Hilfe von Hackern angewiesen sein? Die Geheimdienste der Auftraggeber können das bestimmt auch.

    Also FAKE

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es soll Menschen, auch in Syrien, geben, die weder der einen, noch der anderen Seite zugehörig sind oder sich zugehörig fühlen.
    Ein einfaches 'die bösen Rebellen-Terroristen' hilft hier keineswegs weiter. Es gab und gibt eine Opposition in Syrien, die sich für andere Mittel einsetzt. Und man kann nunmal von hier aus nicht ausschließen, dass sie in diesem Hauen und Stechen nicht zwischen die Fronten gerät.
    Warum sollte man Menschen, die sonst keine 'geheimdienstlichen' Anbindungen haben, dessen Ideen man vielleicht sogar im Großen teilt, nicht helfen sollen können müssen dürfen.
    Die Frage ist nur für mich, woher Herr Urbach die genauen Informationen hat, wem er im konkret hilft. Einfach wird es nicht sein, hier das Gegenüber nachvollziehbar zu machen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Syrien | Bürgerkrieg | Hacker | Internet
Service