Christine Lagarde"Er ist ein Freund"
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"Keine Sonderbehandlungen für einzelne Staaten"

ZEIT: Der IWF hatte einst den Ruf, sich um solche Dinge nicht groß zu kümmern. Ihre Leute verordneten ohne Rücksicht auf Verluste rund um den Globus Sparpakete. Sind Sie heute klüger?

Lagarde: Ich bin noch nicht so lange hier, aber ich glaube, wir haben inzwischen neue Erkenntnisse dazugewonnen. Damals hat man vielleicht bei der Umsetzung der Wirtschaftsprogramme zu schnell Ergebnisse sehen wollen und nicht genug bedacht, welche möglichen Folgen ein zu rascher Defizitabbau haben könnte – und wie sich dies auf diejenigen auswirkt, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Heute versuchen wir, soziale Sicherheitsnetze so weit wie möglich zu erhalten und bei Kürzungen auf die richtige Balance zu achten. Damit sollen die Armen und Schwachen in der Gesellschaft geschützt werden, während die Wirtschaft wieder angekurbelt wird.

ZEIT: Dann war doch das erste Rettungspaket für Griechenland ein Fehler. Das Land steckt in einer schweren Rezession!

Lagarde: Das sehe ich nicht so. Der Vertrauensverlust bei den Investoren, aber auch den Partnern in Europa war enorm. Die Griechen mussten zeigen, dass sie in der Lage sind, etwas zu tun. Und sie haben etwas getan. Sehen Sie sich die Ausgabenkürzungen an. Da ist viel passiert.

ZEIT: Wie erklären Sie als Europäerin eigentlich Ihren Mitgliedsstaaten in Lateinamerika oder Asien, dass der IWF jetzt Ländern hilft, die zu den reichsten der Welt gehören?

Lagarde: Wir haben 188 Mitglieder, und wir sind für alle da. Es gibt klare Regeln, und wenn ein Land nach diesen Regeln Anspruch auf Hilfe hat, dann gewähren wir sie auch. Die Zeiten ändern sich. Vor vierzig Jahren haben wir Italien und Großbritannien unterstützt, dann verlagerte sich der Schwerpunkt nach Asien und Lateinamerika, und jetzt sind wir eben wieder in Europa aktiv. Die meisten unserer Programme haben wir immer noch in Afrika.

ZEIT: Aber nirgendwo geben Sie so viel Geld aus wie in Europa.

Lagarde: Im vergangenen Jahr haben wir unsere Mittel aufgestockt, weil wir genug Feuerkraft haben wollten, um unsere Mitgliedsländer unterstützen zu können. An der Aktion haben sich viele Schwellenländer beteiligt. Sie tun das nicht, weil sie so großzügig sind, sondern weil es in ihrem Interesse ist, diese Krise zu beenden. Aber für den IWF zählt das Prinzip der Gleichbehandlung: Es darf keine Sonderbehandlungen für einzelne Staaten geben.

ZEIT: Gibt es die nicht längst? Sie haben sich für einen Schuldenschnitt in Griechenland eingesetzt, weil der IWF nur Geld an Länder mit einem tragfähigen Schuldenniveau leihen darf. Die deutsche Regierung war dagegen.

Lagarde: Und wir haben uns am Ende arrangiert. (lacht) Es war harte Arbeit, aber gemeinsam schafft man das.

ZEIT: Ihr Verhältnis zu Wolfgang Schäuble wurde ziemlich auf die Probe gestellt.

Lagarde: Wo haben Sie das denn her?

ZEIT: Er war Ihr Hauptgegner beim Thema Schuldenschnitt.

Lagarde: Wir stimmen inhaltlich nicht in allen Punkten überein, aber ich respektiere ihn sehr.

ZEIT: Würden Sie ihn als Freund bezeichnen?

Lagarde: Oh ja! Er ist ein Freund.

ZEIT: Sind Freundschaften in den Positionen, die Sie beide innehaben, überhaupt möglich?

Lagarde: Ja. Wenn Sie in Brüssel oder anderswo in diesen langen Krisenrunden beisammensitzen, dann lernen Sie Menschen sehr gut kennen. Sie bekommen mit, wie sie ticken, wie sie an Sachverhalte herangehen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten. Sie können sehr schnell sagen, wen Sie mögen – und wen nicht! (lacht)

ZEIT: Wirtschaftspolitisch steht die Bundesregierung international oft allein da. Was ist das Problem mit der deutschen Position?

Lagarde: Ich glaube nicht, dass es nur eine deutsche Position gibt, es gibt ja auch in Deutschland eine lebhafte Debatte über den richtigen Weg aus der Krise. Aber die deutsche Wirtschaftspolitik ist sicher von einer Tradition geprägt, in der die Angebotsseite eine wichtige Rolle spielt. Die Nachfrageseite der Wirtschaft dagegen steht weniger stark im Fokus. John Maynard Keynes...

ZEIT: ...der britische Ökonom und Begründer der Nachfragepolitik...

Lagarde: ...hat in Deutschland nicht sehr viele Spuren hinterlassen.

ZEIT: Können Sie damit etwas anfangen?

Lagarde: Ich bin von der Ausbildung her Juristin. Als solche habe ich großes Verständnis für die Bedeutung, die der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze in Deutschland beigemessen wird. Ich glaube, das ist eine gute Sache.

ZEIT: Es schränkt aber auch die Fähigkeit ein, in Krisensituationen flexibel zu reagieren. So sehen es zumindest viele angelsächsische Ökonomen.

Lagarde: Ich glaube, dass die Bundesregierung im Rahmen ihrer eigenen Prinzipien und Beurteilung Flexibilität aufgebracht hat. Nehmen Sie Griechenland. Bundeskanzlerin Merkel hat gesagt, wenn das Land das Wirtschaftsprogramm umsetzt und den Haushalt ausgleichen kann, dann könnte es zu weiteren Schuldenerleichterungen kommen, sollte dies notwendig sein.

ZEIT: Weil sie das Thema Griechenland aus dem Bundestagswahlkampf halten wollte.

Lagarde: Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube aber, dass es im Kern ein intelligenter Ansatz ist, zu sagen, ich helfe dir, wenn du deinen Teil tust. Leistung gegen Gegenleistung – das macht Sinn.

ZEIT: Auch wenn Sie die Kanzlerin jetzt loben – viele der Maßnahmen, die der IWF empfiehlt, sind in Deutschland umstritten. Dazu gehören zum Beispiel die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB), die Sie unterstützten.

Lagarde: Das tun wir in der Tat, und zwar mit Nachdruck. Unsere Ratschläge sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit Krisen in aller Welt. In dieser Institution ist viel Wissen angesammelt worden.

ZEIT: Viele haben Angst vor der Inflation!

Lagarde: Ich weiß, dass das Thema Inflation in Deutschland ein sensibles ist, nicht zuletzt wegen der historischen Erfahrungen, die das Land gemacht hat. Doch das Mandat der EZB ist es, die Teuerung mittelfristig nahe, aber unter zwei Prozent zu halten. Ich bin davon überzeugt, dass sie nichts tun wird, was dieses Ziel gefährdet.

ZEIT: In den letzten Wochen haben sich die Finanzmärkte stabilisiert. Haben wir das Schlimmste hinter uns?

Lagarde: Unsere Prognosen sagen, dass die Wirtschaft der Euro-Zone sich im kommenden Jahr besser entwickelt, als sie es im vergangenen tat. Das stützt sich allerdings auf die Annahme, dass die richtigen Politikmaßnahmen umgesetzt werden. Wenn das geschieht, erwarten wir, dass das Wachstum anzieht.

Leserkommentare
  1. 1. .....

    [Unsere Prognosen sagen, dass die Wirtschaft der Euro-Zone sich im kommenden Jahr besser entwickelt]

    Nichts wird sich besser entwickeln. Es wird nur noch schlimmer - zumindest für den Durchschnittsbürger und für die Armen.

    [Das stützt sich allerdings auf die Annahme, dass die richtigen Politikmaßnahmen umgesetzt werden.]

    Ja ja, die richtigen Maßnahmen.... Und die wären? Handelsüberschüsse und -defizite zu beseitigen mag richtig sein, nur wird dadurch nichts besser (des einen Gewinn ist des anderen Verlust - meißt ein Nullsummenspiel).

    [Wenn das geschieht, erwarten wir, dass das Wachstum anzieht.]

    Und wieder ein Beispiel, dass man nichts verstanden hat. Das ewige Mantra vom Wachstum. Vielleicht sollte man sich fragen wieso das System, aber nicht der Mensch, immerwährendes Wachstum braucht... (wäre zumindest ein Anfang)

  2. Sobald Freundschaften zwischen von einer demokratischen Gesellschaft definierten Gegenpolen beginnen, ist die den Demokratien nützliche Gewaltentrennung dahin (dieses Phänomen wird umgangssprachlich häufig mit dem Wort "FILZ" umschrieben).

    Seitdem die stabilitätsgebende Golddeckung der Währungen abgeschafft wurde, kann Geld häufiger denn je zur Bestechung von Personen bereitgestellt werden, es kostet ja nur noch das Papier, auf dem sein Wert abgedruckt ist.

    Auch insofern sind mir Freundschaften wie die oben genannte ausgesprochen suspekt.

    • beat126
    • 28. Dezember 2012 13:45 Uhr

    ...warum ein solcher Artikel unter Wirtschaft erscheint.

    Wenn, wäre er wohl besser unter Gesellschaft oder Kultur untergebracht.

  3. Teil I
    27.12.2012
    Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich optimistisch gezeigt, dass sich die Euro-Krise im kommenden Jahr entschärfen wird. “Ich glaube, wir haben das Schlimmste hinter uns”, sagte Schäuble der “Bild"-Zeitung.
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article112248167/Schaeuble-erklae...

    21.04.2012
    Mit Blick auf die Euro-Schuldenkrise geht Schäuble davon aus, “dass wir das Schlimmste hinter uns haben”.
    http://www.rp-online.de/wirtschaft/finanzen/schaeuble-gegen-europaeische...

  4. Teil II
    29.01.2011
    Ihre Botschaft ist klar: Der Euro hat das Schlimmste hinter sich. In Davos verkünden Finanzminister Schäuble und seine französische Kollegin Lagarde die Wende in der europäischen Krise.
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftsforum-lagarde-u...

    17.11.2009
    Die Koalitionäre seien sich zudem einig, dass “die Schuldengrenze des Grundgesetzes gilt”, sagte Schäuble. Die Bundesregierung wolle 2011 mit dem Schuldenabbau beginnen, 2013 solle das Haushaltsdefizit unter die Drei-Prozent-Marke gedrückt werden und Deutschland wieder die strengen Maastricht-Vorgaben des Stabilitätspaktes einhalten. Schäuble sah zudem gute Chancen, “dass der schlimmste Teil der Krise hinter uns liegt”. Risiken bestünden aber nach wie vor.
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article5248874/FDP-und-CDU-zeigen...

  5. <<<... Das ewige Mantra vom Wachstum. Vielleicht sollte man sich fragen wieso das System, aber nicht der Mensch, immerwährendes Wachstum braucht... (wäre zumindest ein Anfang) <<<

    Und dann?
    Kapitalismus funktioniert nur MIT Wachstum.
    Ohne Wachstum sind sie auf permanente Umverteilung der Vermögen angewiesen.
    Entweder wird von unten nach oben verteilt, das finden die Armen doof, weil die dann irgendwann zwangsläufig unter der Brücke hausen müssen; oder es wird von oben nach unten verteilt.
    Das finden die Reichen doof und ziehen ihr Kapital ab, wenn es sich nicht mehr wettbewerbsfähig vermehrt.
    Mit der Konsequenz, dass es zwar überall Fabriken gibt, aber nirgendwo mehr produziert wird.
    "Lohnt sich ja nicht mehr."

    Der Feststellung, dass das mit dem Wachstum nicht mehr geht, folgt unmittelbar die Konsequenz, dass der Kapitalismus dann seines Lebenselixier beraubt wird, ergo durch eine andere Wirtschaft-/Gesellschaftsform ersetzt werden muss.
    Und das würde vor allem bedeuten, dass Frau Lagarde und Herr Schäuble demnächst wohl arbeitslos und nichts mehr zu sagen hätten...

    Ist doch also logisch, dass, wenn der Kapitalismus nicht infrage gestellt werden kann, dies beim Wachstum ebenso gilt.

    Einen politischen Wechsel gibt es nicht durch Einsicht in die Notwendigkeiten der ganzen Kapitalismusverwalter und sonstiger Systemprofiteure; sondern wenn eine kritische Masse der Menschen den politischen Wechsel gestaltet bzw. ihre Wünsche nachdrücklich und unüberhörbar artikuliert.

  6. Gleich welchem sterbenskranken Patienten zu sagen, dass das Schlimmste nunmehr hinter ihm liege, diskreditiert dessen Leben vor Eintritt des körperlichen Todes über alle Maße und spricht ihm noch in der letzten Stunde seines irdischen Daseins sämtlich einschlägig vorliegenden Befunden zuwider ab, je ein Mensch gewesen zu sein. Vor allem als Juristin kommt deshalb Frau Lagarde als ihres Zeichens amtierende Direktorin des IWF nicht umhin, endlich zum Wohle aller davon abzulassen, das erwiesenermaßen einzig sozial existente Wesen des Einzelnen unter das Sachenrecht zu subsumieren.

    • Allora
    • 28. Dezember 2012 18:47 Uhr

    Frau Lagarde plappert erst das vor, was das deutsche Publikum hören will und am Ende plädiert sie doch wieder für eine Beibehaltung der statutenwidrigen fiskalpolitischen Einmischung der EZB. Das ist eine Kernfrage. Sie glaubt an Europa, aber der IWF soll sich zurückziehen, weil die Eurozone zu einem Faß ohne Boden verkommt. Es ist diese scheinheilige und auch gerade französische Salamitaktik, die das Vertrauen zwischen den Ländern in Europa nachhaltig negativ beeinträchtigen wird.

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