Christine Lagarde : "Er ist ein Freund"

Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds, über ihre Beziehung zu Wolfgang Schäuble, ihre Lehren aus der Krise und die Wirtschaftsaussichten für das kommende Jahr.
Da war sie noch französische Finanzministerin: Christine Lagarde (rechts) mit Wolfgang Schäuble im Jahr 2010 während einer Pressekonferenz in Berlin. © David Gannon/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Frau Lagarde, Sie waren Ministerin in Paris, jetzt leiten Sie den Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Sehen Sie die Welt mit anderen Augen?

Christine Lagarde: Ich sehe die Krise heute mit anderen Augen. Als französische Finanzministerin war mein Blickwinkel wahrscheinlich eingeschränkter, hierherzukommen hat natürlich meinen Horizont erweitert.

ZEIT: Inwiefern?

Lagarde: Ich denke, mir ist stärker bewusst geworden, welche Konsequenzen diese Krise in anderen Weltregionen hat. Ich habe mehr Verständnis für die Erwartungen und Bedenken – und auch die Ungeduld – in vielen Ländern außerhalb Europas entwickelt. Als Finanzminister eines Euro-Landes haben Sie einen nationalen oder einen europäischen Blick. Sie kümmern sich mehr darum, was in Ihrem direkten Umfeld geschieht, und weniger um die Außenwelt.

ZEIT: Was ist die Ursache dieser Ungeduld?

Lagarde: Wenn Sie die Folgen eines Ereignisses zu spüren bekommen und selbst nichts dagegen unternehmen können, dann werden Sie irgendwann ungeduldig – und Sie wollen sehen, dass etwas geschieht.

ZEIT: Bezahlen müssten dafür dann aber die Europäer. Da ist es leicht, Forderungen zu stellen.

Lagarde: Das würde ich nicht so sehen. Als sie den IWF einschaltete, hat sich die Staatengemeinschaft an der Finanzierung der Krisenpolitik beteiligt.

ZEIT: Wo ist dann das Problem?

Lagarde: Wir Europäer sind nicht besonders gut darin, zu erklären, wie die Entscheidungsprozesse funktionieren. Wir benutzen zu viele Abkürzungen und technokratische Begriffe, die außerhalb Europas nur sehr schwer zu verstehen sind. So entsteht der falsche Eindruck, dass nichts vorangeht. Ich nehme mich da selbst nicht aus, ich war auch nicht besser. Aber jetzt rege ich meine Kollegen in Europa an, den Prozess und die Umstände besser zu erklären.

ZEIT: Es geht aber doch auch um die Inhalte. Den Europäern wird häufig vorgeworfen, die falschen Prioritäten zu setzen. Haben Sie heute mehr Verständnis für diese Kritik?

Lagarde: Ich war immer davon überzeugt, dass der europäische Ansatz, eine gesunde Balance der wirtschaftspolitischen Maßnahmen anzustreben, im Prinzip richtig ist. Eine nachhaltige Fiskalpolitik, eine stabilitätsorientierte Geldpolitik und eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit – dafür habe ich mich als Finanzministerin eingesetzt, und dafür setze ich mich heute noch ein.

ZEIT: Wie bitte? Der IWF hat doch immer wieder vor einem zu ambitionierten Sparkurs gewarnt – sehr zum Ärger der Bundesregierung.

Lagarde: Unsere Position ist nach wie vor, dass an einer Konsolidierung der Staatshaushalte kein Weg vorbeiführt. Wir sagen aber auch, dass es nicht überall im gleichen Tempo geschehen muss. Es kommt auf die spezifischen Umstände eines Landes an.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Lagarde: Das bedeutet zum Beispiel, dass Länder sich eher strukturelle...

ZEIT: ...also um die Konjunktur bereinigte...

Lagarde: ...als nominale Ziele setzen sollten, um zu verhindern, dass auf eine rein konjunkturell bedingte Verschlechterung der Haushaltslage mit Kürzungen reagiert wird, die das Wachstum zusätzlich belasten. Zudem sollte die Geldpolitik der Erholung der Wirtschaft nicht im Weg stehen. Und es müssen die Ungleichgewichte im Außenhandel abgebaut werden – der Süden muss also seine Handelsbilanzdefizite reduzieren und der Norden seine Binnennachfrage stärken.

ZEIT: Die Sparauflagen für die Staaten Südeuropas sind dennoch hart. Wie passt das zusammen?

Lagarde: Diese Länder standen unter einem enormen Druck der Finanzmärkte. Sie mussten demonstrieren, dass sie ihre Probleme in Angriff nehmen. Es gibt aber andere Länder, die weniger Schwierigkeiten haben, sich an den Finanzmärkten mit frischem Geld zu versorgen.

ZEIT: Sie meinen Deutschland?

Lagarde: Deutschland zum Beispiel, aber mir fallen auch noch andere Kandidaten ein. Sie können es sich leisten, bei der Konsolidierung etwas langsamer vorzugehen als andere. Das wirkt den wachstumsdämpfenden Effekten entgegen, die von den Kürzungen in den Krisenländern ausgehen.

ZEIT: Sparen bremst die Konjunktur, ist das eine Lehre aus der Krise?

Lagarde: Wir verstehen heute zumindest besser als früher, wie eine restriktive Finanzpolitik das Wachstum belastet. Unsere Experten haben dazu wichtige Forschungsergebnisse vorgelegt.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

.....

[Unsere Prognosen sagen, dass die Wirtschaft der Euro-Zone sich im kommenden Jahr besser entwickelt]

Nichts wird sich besser entwickeln. Es wird nur noch schlimmer - zumindest für den Durchschnittsbürger und für die Armen.

[Das stützt sich allerdings auf die Annahme, dass die richtigen Politikmaßnahmen umgesetzt werden.]

Ja ja, die richtigen Maßnahmen.... Und die wären? Handelsüberschüsse und -defizite zu beseitigen mag richtig sein, nur wird dadurch nichts besser (des einen Gewinn ist des anderen Verlust - meißt ein Nullsummenspiel).

[Wenn das geschieht, erwarten wir, dass das Wachstum anzieht.]

Und wieder ein Beispiel, dass man nichts verstanden hat. Das ewige Mantra vom Wachstum. Vielleicht sollte man sich fragen wieso das System, aber nicht der Mensch, immerwährendes Wachstum braucht... (wäre zumindest ein Anfang)

Dann habe ich jetzt ZWEI Feinde

Sobald Freundschaften zwischen von einer demokratischen Gesellschaft definierten Gegenpolen beginnen, ist die den Demokratien nützliche Gewaltentrennung dahin (dieses Phänomen wird umgangssprachlich häufig mit dem Wort "FILZ" umschrieben).

Seitdem die stabilitätsgebende Golddeckung der Währungen abgeschafft wurde, kann Geld häufiger denn je zur Bestechung von Personen bereitgestellt werden, es kostet ja nur noch das Papier, auf dem sein Wert abgedruckt ist.

Auch insofern sind mir Freundschaften wie die oben genannte ausgesprochen suspekt.

Schäuble sagt...

Teil I
27.12.2012
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich optimistisch gezeigt, dass sich die Euro-Krise im kommenden Jahr entschärfen wird. “Ich glaube, wir haben das Schlimmste hinter uns”, sagte Schäuble der “Bild"-Zeitung.
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21.04.2012
Mit Blick auf die Euro-Schuldenkrise geht Schäuble davon aus, “dass wir das Schlimmste hinter uns haben”.
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