Johann Christian ReinhartSein Freund, der Baum

Über das Schicksal des Landschaftszeichners Johann Christian Reinhart, der dem Klassizismus verfiel. von Sven Behrisch

Warum nur ist er nicht einfach daheim geblieben? Er hatte eine gute Anstellung bei Herzog Georg I. im heute thüringischen Meiningen, einen treuen Hund, und auf Wanderungen in der Umgebung fand er reichlich Bäume, Grotten und Felsen, die er so gerne und unermüdlich zeichnete. In jenen achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts schuf Johann Christian Reinhart einige der schönsten Zeichnungen nach der Natur, die die Kunstgeschichte kennt. Vor allem seine Bäume – großartig! Er zeichnete sie so genau, so bewegt und intim wie das Porträt eines sehr guten Freundes. Reinhart hätte noch viel mehr Radierungen, Aquarelle und Federzeichnungen machen, hätte zu den Großen unter den Zeichenkünstlern zählen können und hätte schließlich nicht erst, wie in dieser materialreichen Hamburger Ausstellung, mühsam wiederentdeckt werden müssen. Doch er wollte nach Rom. Es war keine gute Idee.

Rom wimmelte um 1789, im Jahr seiner Ankunft, bereits von Künstlern, die in fester Überzeugung über die Alpen kamen, nirgendwo sonst als hier wahre Kunst schaffen zu können. Angetrieben von Winckelmanns ästhetischem Schlachtruf, es mit der Antike aufzunehmen und mit nichts sonst, strömten sie in Scharen herbei. Der Architekt Leo von Klenze, der Bildhauer Bertel Thorvaldsen und die Maler Joseph Anton Koch, Angelika Kaufmann oder Jakob Philipp Hackert, sie alle lebten in Rom, manche nur auf Zeit, andere bis zu ihrem Tod. Erfüllt von der Aura dieser Stadt, erschufen sie Werke, die dem klassizistischen Ideal entsprachen, mithin monumental waren, voller Verweise auf die Antike und ihre Mythologie, bestimmt von einer eigenartigen Glätte und Härte. Sie waren Ausdruck des Ewigkeitsanspruchs jener Kunst, an der alle Anfechtungen anderer stilistischer Moden zerschellen sollten. Leider zerbrach an ihr auch das Können Reinharts.

Anzeige

Denn seine Zeichenkunst ist alles andere als wuchtig. Seine Hingabe gilt dem Detail, dem Spiel des Lichts in Ästen und Furchen, der Vergrößerung und Vervielfältigung des Kleinen, wodurch ein Stein zum Berg und ein Baum zur Waldlandschaft wird. In einem Blatt aus seinem Skizzenbuch von 1785 ragen zwei entlaubte Baumgerippe in den blanken Himmel, der so hell strahlt, dass er einige Äste und einen Stamm fast aufzulösen scheint. Die obere Hälfte des Blattes füllt ein zitterndes Gewirr hastig gezogener Linien, fast wie ein abstraktes Bild und bar jeder für jene Zeit so unerlässlichen Symbolik. Hier kämpfen nicht Theseus und die Amazonen, sondern, sehr viel dramatischer, Licht und Schatten gegeneinander.

Auf einer lavierten Federzeichnung mit einer Ansicht der Stadt Meißen interessieren Reinhart nur drei Obstbäume am Straßenrand und ihre wechselnde Gestalt im Sonnenlicht. Der linke, schwach beleuchtet, hat plastische Tiefe, man sieht Äste nach hinten ragen und die Äderung der Blätter. Der mittlere verschwimmt im Zwielicht, während der rechte, von ganz feinen Strichen konturiert, wie eine überbelichtete Fotografie vom Weiß verschluckt wird. Technisch ist das überragend, doch die eigentliche Leistung Reinharts war es, Sujets, die Künstler sonst nur als Skizzenmaterial für größere Entwürfe verwendeten, bildfüllend auszuarbeiten, auszustellen und mit Erfolg zu verkaufen.

Ausstellung

"Johann Christian Reinhart. Ein deutscher Landschaftsmaler in Rom" läuft bis zum 27. 1. in der Hamburger Kunsthalle und vom 21. 2. an in der Neuen Pinakothek in München

Auch in Rom hielt er an dieser Praxis noch einige Zeit fest; seine Baumgruppen aus der Villa Borghese gehören zum Besten, was er je zeichnete. Doch langsam verändern sich Stil und Fokus. Staffagefiguren beginnen sich breitzumachen, erst ein Schäfer, ein Hündchen, dann Satyrn und Herkules, bis schließlich kein Bild mehr ohne ein Rudel Halbgötter auskommt. Die Natur tritt in den Hintergrund, und die Nahaufnahme weicht der distanzierten Landschaft, die idealisch wird. Das Montieren von landschaftlichen Versatzstücken zu einem »idealischen« Panorama war eine Spezialität Reinharts, die er schon in Deutschland praktizierte.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Kunstmuseum | Kunst | Zeichnung | Ausstellung
    Service