LebenskunstJetzt oder nie!

Die Liebe auf den ersten Blick, die einmalige berufliche Chance, der Moment der Erleuchtung – die alten Griechen hatten einen Begriff dafür: Kairos. Die göttliche Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Nur, wie erkennt man sie? Eine Reise zu Menschen, die dem Kairos auf der Spur sind. von Christoph Kucklick

Wie muss die Liebe sein, wenn sie so beginnt?

Er, berühmter Moderator, lädt sie, Schriftstellerin mit Erstling, in seine Show ein, sie sagt erst ab, aus Übermüdung, dann zu, weil sie weiß, dass sie diesem Mann irgendwann begegnen muss und »dass dann etwas zwischen uns passiert«.

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Das passiert dann auch, schon das erste Gespräch ist: gewaltig. Live und vor Publikum, aber der sonst so zynische Moderator ist fromm wie ein Novize, es geht um Religion und Philosophie und ums Schreiben – später wird die verdutzte Redaktionsassistentin sagen: »Ihr wart füreinander geboren, das war uns vom ersten Moment an klar.«

Am Ende des Interviews bittet der Moderator, »das mach ich sonst nie«, um eine Widmung, sie schreibt: »Für Ischa, den ich kennenlernen musste«.

Die beiden treffen sich fortan täglich, und wenn sie getrennt sind, ruft er sie stündlich an, sie lachen, bis das Zwerchfell schmerzt. Eine Erschütterung. Am siebten Tag, dem biblischen, besucht sie ihn, er tritt gerade auf die Straße, als sie um die Ecke biegt. Sie schauen einander an, sie sagen nichts. Und dann machen sich beide gleichzeitig in die Hose. Weil alle Dämme brechen, buchstäblich. Ein Moment, größer als jede Scham.

Sie sind einige Jahre lang ein öffentliches Paar, das in den Niederlanden der neunziger Jahre viele verwirrt durch die Heftigkeit ihrer Liebe, und dann stirbt der Mann, Ischa Meijer, an einem Herzinfarkt. Mit dem Körper beginnt diese Geschichte, und mit ihm endet sie.

So beschreibt es Connie Palmen in ihrer bewegenden Erinnerung, und es ist wohl der ungewöhnlichste Auftakt einer Liebe, der je niedergeschrieben wurde, jedenfalls ist er unvergesslich. Weil sich darin der Moment der Verwandlung mit körperlicher Gewalt äußert. Und so, dass man ihn nicht bezweifeln will.

Der eine Moment, die Gelegenheit, die alles verändert.

Kairos. So nannten Philosophen des antiken Griechenlands diesen besonderen Moment, den geglückten, den richtigen, den angemessenen, den lebensverändernden – er hat viele Übersetzungen erhalten und viele Deutungen, und nicht immer war ganz klar: Ist er ein Geschenk, oder erfordert er eine Anstrengung? Kann man ihn anstreben, oder fällt er einem zu?

Kairos

Der Begriff bezeichnet den rechten Zeitpunkt, den man nicht verstreichen lassen darf. Kairos ist das Pendant zu Chronos, der messbaren Zeit, die in gleichbleibendem Tempo verrinnt.

Die Griechen hatten zumindest noch Humor, sie machten aus dem Kairos einen Gott mit Glatze und einem Schopf an der Stirn, den es zu packen galt – oder eben nicht, dann rutschte die Hand über den blanken Schädel ins Nichts einer vertanen Gelegenheit.

Heute tritt Gott Kairos in vielen Verkleidungen auf: als Liebe auf den ersten Blick, als berufliche Chance, die alles verändert, als einschneidendes Erlebnis, das dem Leben eine andere Bahn verleiht. The Song That Changed My Life heißt eine wunderbare Serie im Internet, in der Musiker von dem einen Song berichten, der sie zu dem machte, was sie geworden sind. Bestseller beschreiben den Glanz der Gelegenheit unter knackigen Titeln wie Blink! Die Macht des Moments, Tipping Point oder Click. Der magische Moment in persönlichen Beziehungen.

Stets steckt dahinter die gleiche Sehnsucht: dass man einmal zugreifen und das volle Leben erwischen kann, in diesem günstigen Augenblick, in dem sich das Universum oder Gott oder die Gesellschaft mit dem Ich verbünden. Es ist der eine Moment, von dem an alles anders und alles gut wird.

Zum Jahreswechsel wird die Sehnsucht in Form von Vorsätzen kultiviert: Neujahr ist der erste Tag eines neuen Lebens. Aus unerfindlichem Grund halten zeitgleich Millionen von Menschen genau diesen Tag für eine gute Gelegenheit. Skeptiker halten ihn für den Beginn eines Massensterbens guter Absichten.

Doch lässt sich bestimmen, wann Gelegenheiten gute sind? Woran erkennt man sie? Und kann man sich auf sie vorbereiten, muss man es gar? Oder sind sie viel zu flüchtig, zufällig und selten, um irgendetwas über sie sagen zu können?

Wenn sie denn selten sind. Daran haben Kognitionsforscher inzwischen Zweifel. Sie haben in unser Hirn geschaut und dort eine Kairos-Maschine entdeckt.

Denn wir machen aus allem einen Kairos, besonders im Nachhinein. Und wir machen alles für einen Kairos. Besonders im eigenen Leben.

Große Momente sind die wichtigste Droge unseres Hirns. Und unser Gedächtnis ist der Dealer. Es dient nicht dazu, die Vergangenheit wie ein Video abzuspulen, sondern uns mit Sinn zu füttern. Und den verankern wir am liebsten in besonderen Augenblicken. Dafür allerdings müssen wir unser Leben tagtäglich neu schreiben und das Geschriebene überarbeiten.

Zunächst kürzen wir unsere Autobiografie auf handliches Format und löschen alles, was durch Dauer und Gleichmäßigkeit langweilt. Lange Jahre der Zufriedenheit – in unserer Erinnerung schnurren sie zu einem Moment zusammen; duration neglect nennt das der Kognitionsforscher und Nobelpreisträger Daniel Kahneman, die Missachtung des Dauerhaften. Statt Verlauf zählen Höhe- und Endpunkte. Unsere Ferien, beispielsweise, beurteilen wir sehr schlicht nach dem tollsten und dem letzten Moment: geiler Höhepunkt und super Ende – das Gedächtnis ist der Sensationsjournalist, der unser Leben zum Scoop hochjubelt.

Haben wir unser Leben so weit eingedampft, beginnt der kreative Part: Nun pumpen wir die Momente mit Bedeutung auf, um uns im Hier und Jetzt wohler zu fühlen. Meistens machen wir uns schlauer und besser, als wir je waren. Wir »erinnern« uns, dass wir einschneidende Ereignisse (Finanzkrise, berufliche Wendepunkte) vorhergesagt haben, unsere Schulnoten steigen im Laufe der Zeit, und üblicherweise halten wir Erfolge für unser Werk, Fehlschläge aber rechnen wir den Umständen zu.

Denn was der menschliche Geist benötige, sagt Kahneman, »ist eine einfache Botschaft von Triumph oder Fehlschlag«. Besonders gern mögen wir den Triumph. So sehr lieben wir den Erfolg, dass wir auch anderen ihre Heldengeschichten nur zu gern abkaufen. Den Aufstieg von Apple, Google und Amazon lassen wir uns als genialisches Gespür für das Ergreifen richtiger Gelegenheiten erzählen, wobei wir Zufall und Glück ausblenden, denn das verbuchen wir nicht als sinnstiftend. Der Ökonom Phil Rosenzweig hat diese Selbsthypnose als »Heiligenschein-Effekt« bezeichnet: Im Nachhinein erhält jeder Erfolg die Aura des Unumgänglichen. Wie eine große Liebe.

Wir übertreiben allerdings auch ins Schlechte und machen zuweilen sogar aus flüchtigen Krisen in Kinderzeiten einschneidende Traumata. Sogar das kann uns, paradoxerweise, in Einklang mit uns selbst bringen, weil wir aus der Überwindung einstigen Schreckens heutiges Selbstbewusstsein ziehen. Am Ende kennt das Gedächtnis, dieser Opportunist und Ober-Kairologe im Kopf, nur ein Ziel: uns unverdrossen einzuflüstern, dass wir eigentlich ganz okay sind. »Unsere Erinnerungen verändern sich ständig, damit wir heute glücklicher leben können«, sagt die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus.

Es kann einem den Glauben an den einen, besonderen Moment austreiben. Wenn wir so vieles zu einem Kairos erklären, was ist dann noch ein »echter«? Zumal wir bestürzend schlecht in der Beurteilung der Tragweite von Momenten sind. Wenn sie ihm am Meeresstrand zuflüstert, diesen Augenblick werde sie nie vergessen, stehen die Chancen gut, dass sie sich an den Moment in sechs Monaten nicht mehr erinnert. Wenn er glaubt, das eine Gespräch mit der Chefin habe seine Karriere auf einen anderen Weg gebracht, sitzt er ein halbes Jahr später vermutlich noch im selben Büro. Noch einmal Kahneman, der große Entzauberer unserer Selbst-Erzählungen: »Nichts im Leben ist so wichtig, wie man denkt, es sei, während man es denkt.«

Das ist in zweierlei Hinsicht fies. Zum einen sät es Zweifel in jede Geschichte. In die eigene. Oder die von Google. Oder die von Connie Palmen. Denn eine frisierte Erinnerung ist von einer echten nicht zu unterscheiden.

Zum anderen hilft uns die mentale Kairos-Überproduktion überhaupt nicht bei zukünftigen Gelegenheiten. Wie wir uns vorzubereiten haben, um sie zu ergreifen, darüber schweigt unser Hirn.

Daher muss man jene fragen, die täglich um Gelegenheiten kämpfen.

Einen wie den »Eisbären«. Er hat mehr Erfahrung mit günstigen Gelegenheiten als die meisten anderen, jeden Tag greift er nach ihren Locken, oft dutzendfach. Der Eisbär sucht sein Glück an der Börse, man könnte ihn einen Spekulanten nennen, denn er versucht, mit Geld Geld zu machen.

Das Bemühen teilt er mit rund acht Millionen Deutschen, die in Aktien investieren. Dabei, so heißt es, komme es vor allem auf den richtigen Zeitpunkt an: billig kaufen, teuer verkaufen. Richtiges Timing sei alles an der Börse, und auch wer seine Aktien über Jahre oder Jahrzehnte hält, legt sie sich in der Nähe des Tiefs zu und stößt sie möglichst erst wieder ab, wenn sie gestiegen sind.

Jeder, der Aktien besitzt, strebt diesen Kairos des Profits an. Aber nur ein winziger Bruchteil erreicht ihn: Rund 90 Prozent aller Kleinanleger und Laien, so wird vermutet, verlieren am Aktienmarkt mehr, als sie gewinnen.

Eine Erklärung lautet: weil sie an der falschen Stelle suchen. Weil sie auf die Geschichte vom richtigen Moment hereinfallen.

Der Eisbär weiß sofort, was mit Kairos gemeint ist. Er ist ein gebildeter Mann, der seine Worte sanft setzt wie in eine Wolke, in der alle Gewissheiten über Spekulanten verschwinden. »Eisbär« ist der Name, den er im Internet benutzt, bürgerlich heißt er Erich Schmidt, ist 67 Jahre alt, pensionierter Lehrer für Sport und Französisch, und sein Spekulantentum übt er in einem Einfamilienhaus am Rand von Birkenfeld aus, einem Städtchen tief im Hunsrück. Wald- und Wiesenseligkeit im toten Winkel der Republik. »Pampa«, sagt der Eisbär.

Hier arbeitet er als sogenannter Day-Trader, also als einer, der jeden Tag kauft und verkauft. Dafür sitzt er von halb vier Uhr morgens bis zehn, elf Uhr abends vor den Computern, sonntags bereitet er sich auf die Woche vor, samstags hat er frei. Ein Zimmer steckt voll mit Zeichnungen von Kursverläufen, Büchern und einem Fernseher für die Finanznachrichten, in einem zweiten Zimmer fünf bis sieben Rechner, ein riesiger Bildschirm, umgürtet von einer Corona aus Laptops, davor Gewirr von Computermäusen. Seine Frau, sagt er, finde das sowie das eingezwängte Familienleben »unschön«.

Hier aber hat der Eisbär das Kapital seines Depots vervierfacht, aus 20.000 Euro hat er 84.000 gemacht, mehr als 400 Prozent Gewinn in nicht einmal einem halben Jahr. Seine Erfolge sind bekannt, weil er sie öffentlich macht: Andere Trader können sich in seinem Forum anmelden und per Internet seine Entscheidungen verfolgen.

Ist er also ein Meister der richtigen Augenblicke? Hat er das Geheimnis entdeckt, wie man den Kairos nach Belieben ergreift?

»Ach«, sagt der Eisbär, und in dem Ach steckt vieles, was ein Mensch, der nicht jeden Tag auf die Gelegenheiten starrt, nur schwer verstehen kann. Dann sagt der Eisbär: »Ich würde auch gewinnen, wenn ich nur nach Zufall kaufen würde.«

Wie bitte? Die Gelegenheit ist also ganz unwichtig?

Nein, das auch nicht. Aber sie ist nur ein kleines Teil in einem großen System, in einer langen Geschichte. Im Grunde währt sie schon 30 Jahre. Damals hat der Eisbär angefangen, sich mit der Börse zu beschäftigen. »Ich habe regelrecht für sie trainiert«, und als ehemaliger Basketballtrainer mit Bundesligalizenz weiß er, was das bedeutet: immer und immer wieder die gleichen Situationen durchspielen, die gleichen Routinen ausführen, dieselben Muster ausfindig machen. »Wie sollte man ohne Training einen günstigen Moment erkennen?«

Dabei hat er vor allem gelernt, dass »jede Gelegenheit unsicher ist«. Das klingt wie eine Floskel, aber für den Eisbär ist es die Grundlage des Erfolgs. Er geht nämlich nie davon aus, dass eine Gelegenheit gut ist. Sondern nur davon, dass sie gut werden könnte. Das ist das genaue Gegenteil von der Kairos-Maschine im Kopf, die aus allem einen tollen Moment macht.

Der Eisbär konzentriert sich hingegen ganz darauf, was passiert, wenn die Gelegenheit sich als Rohrkrepierer erweist, wenn der Kurs abstürzt, statt zu steigen. Was macht er dann? Wie reduziert er sein Risiko, wie kommt er heil raus? Er hat dafür ein raffiniertes System entwickelt, eine Strategie, komplizierte Wertpapiere einzusetzen und damit nahezu jeden Trade mit Gewinn abzuschließen. Auch wenn es lange dauern kann und an den Nerven zehrt.

Es sind nicht die Gelegenheiten, die Geld verdienen, sondern es ist dieses System. Und die Disziplin, sich dran zu halten. Nur in diesem Rahmen kann der Eisbär jede Gelegenheit ergreifen, weil er weiß, wie er weitermacht, wenn sie sich gegen ihn wendet. Es ist wie ein Korsett, sagt er, gute Vorbereitung, minutiöse Planung, energische Risikominderung.

Das klingt defensiv und gar nicht heroisch, ist aber vielleicht der klügste Umgang mit Chancen: »Man muss demütig bleiben.« Helden sterben einen frühen Tod.

Es ist ein Samstag, die Börsen ruhen, und der Eisbär kommt sich selbst auf die Schliche. »Was ich betreibe«, sagt er irgendwann fast verwundert, »ist eigentlich das Management des Kairos.«

Ist die Vorbereitung also das Geheimnis der guten Gelegenheit? Ganz schlicht und altmodisch: Nur wer sich durch Übung oder mentales Training auf die Chancen einstellt, kann sie auch ergreifen?

Dafür spricht in der Tat einiges. Auch in außergewöhnlichen Situationen.

Auf dem Flughafen von Teneriffa schlitzte am 27. März 1977 im dichten Nebel ein startender Jumbojet der KLM eine Boeing 747 von Pan Am der Länge nach auf, schmierte ab und explodierte in einem Feuerball. Alle 248 Insassen starben.

Im Pan-Am-Flieger saß Floy Heck, 70 Jahre, neben ihrem Ehemann. Als das Dach des Flugzeugs abgerissen wurde, schleuderte sie nach vorne, aber sie wurde – wie die meisten anderen Passagiere – nicht verletzt. Doch sie erstarrte, konnte keinen Schritt tun, kein Wort sagen: »Mein Hirn war leer. Ich konnte nicht einmal mehr hören, was passierte.«

Ihr Mann aber, Paul Heck, fünf Jahre jünger, löste sofort seinen Gurt und befahl ihr: »Komm mit!« Sie folgte ihm »wie ein Zombie« durch den Rauch zum Ausgang – und überlebte wie er.

Von den 396 Menschen an Bord konnten sich nur 70 retten, was den Unfall von Teneriffa zur bis heute größten Katastrophe der zivilen Luftfahrt machte. Es war eine fürchterliche Situation, aber für die allermeisten Pan-Am-Passagiere, das haben spätere Untersuchungen ergeben, bot sich ein weites Fenster der Gelegenheit, dem Tod zu entkommen: Es dauerte mindestens 60 Sekunden, bis die Flammen das Flugzeug einschlossen, aber viel zu wenige nutzten die Chance. Wem 60 Sekunden kurz erscheinen, der sollte wissen, dass die Regeln der Airlines vorsehen, ein Flugzeug in 90 Sekunden komplett zu evakuieren.

Ein Katastrophenforscher hat Paul Heck später befragt, um herauszufinden, warum er sich retten konnte, während die meisten Opfer einfach nur regungslos auf ihren Sitzen verharrten. Es stellte sich heraus, dass die Erklärung in der Tat sehr einfach ist: Vorbereitung. Planung. Das hatte Heck mit den anderen Überlebenden gemein.

Vor dem Start war er aufmerksam den Sicherheitsanweisungen und den Ausführungen der Stewardessen gefolgt, er war sogar gemeinsam mit seiner Frau durch das Flugzeug gelaufen und hatte ihr die Lage der Notausgänge gezeigt. Er konnte nicht anders. Im Alter von acht Jahren hatte Paul Heck in einem Theater ein Feuer erlebt und sich seither stets an unbekannten Orten mit den Fluchtmöglichkeiten vertraut gemacht.

So wurde auch er: ein Manager des Kairos.

Unfallforscher würden jemanden wie Paul Heck gerne zu Vorbildern für alle machen. Würden mehr Menschen sich verhalten wie er, würden zweifellos mehr Menschen Katastrophen überleben. Bei allen schweren Flugzeugunfällen in den USA zwischen 1983 und 2000 konnte sich rund die Hälfte der Passagiere retten. Laien erscheint der Prozentsatz überraschend hoch, Experten beklagen, er sei viel zu niedrig.

Vermutlich sind Training und Übung zwar eine Voraussetzung, aber noch nicht die ganze Antwort auf die Frage, wer eine gute Gelegenheit ergreift und wer nicht. Darauf deuten weitere, merkwürdige Befunde hin.

Im Winter 1994 stürzte ein Kleinflugzeug in der Sierra Nevada ab. Einer der drei Passagiere an Bord wurde im Wrack eingeschlossen, ein anderer hatte bloß ein paar Abschürfungen. Der Pilot erlitt erhebliche Verletzungen an Armen, Beinen und Rippen – schleppte sich aber dennoch elf Tage über die schneebedeckten Berge, um Hilfe zu suchen. Der leicht Verletzte und der Eingeschlossene blieben zurück.

Als die Retter zum Wrack gelangten, waren beide Passagiere gestorben, auch der kaum Verletzte. Das wunderte die Retter. Denn der Passagier hatte ausreichend Nahrung und Wasser, er hätte Feuer machen und sich im Flugzeug vor dem Wetter schützen können. Ein elf Tage dauernder, mustergültiger Kairos.

Warum hat er ihn nicht genutzt? Es gibt viele Versuche, diese Frage zu beantworten. Manche Forscher sprechen vom psychogenischen Tod, der weder durch Krankheit noch Gewalt verursacht wird. Andere analysieren die Funktionsfähigkeit des Arbeitsspeichers im Hirn unter Stress (dramatisch eingeschränkt); wieder andere die Handlungsfähigkeit (ebenfalls eingeschränkt); oder sie schauen auf Persönlichkeitsstrukturen (erlauben keinen Rückschluss auf Verhalten in Notsituationen) oder errechnen die Dauer des psychischen Chaos bei Katastrophen (drei Tage).

Und doch: Im Herzen jedes Kairos steckt ein Rätsel. Warum, auch bei gleichem Training und bester Vorbereitung, der eine zugreift und der andere nicht. Warum der eine das Wenige tut, um zu überleben, der andere das Wenige aber unterlässt.

Welches Element muss zu Vorbereitung und Übung noch hinzukommen?

Der Ort der Freude liegt in Hamburgs City Nord, misst etwa drei mal drei Meter, ist mit schmutzresistenter Auslegware versehen, auf einem blaugrauen Tisch stehen Sprudel-Flaschen, 0,33 Liter, medium und classic. Der Blick geht auf ein kiesgedecktes Flachdach und die Bürofächer eines Hochhauses, als wolle sich die Wirklichkeit mit Macht ins Bild drängen, damit man bloß nicht vergisst, wie es ist: das normale, gleichförmige Leben, aus dem manche Menschen heraustreten dürfen.

Hier erfahren Hamburgs Lotto-Hochgewinner das Ausmaß ihres Glücks. Ein Hochgewinn ist alles über 100.000 Euro, die größte Summe im Jahr 2012 lag bei 19,1 Millionen. Aber das ist nur eine Zahl, wissen Birte Engelken und Stefan Seeger, die Gewinnerbetreuer von Lotto Hamburg. Daher wollen sie helfen, aus dem Glück einen Kairos zu machen, aus dem Zufall des Geldsegens eine gute Gelegenheit.

Als Erstes schreibt Frau Engelken oder Herr Seeger die Summe in sehr großer Schrift auf die Kopie des Lottoscheins – das ist wichtig, sagt Birte Engelken, denn je größer die Buchstaben, desto wirklicher der Gewinn. Die meisten freuen sich erst hier, wenn der Schein abgestempelt wird, nicht zu Hause, denn dort ist die Quote noch unbekannt, und überhaupt, man weiß ja nie. Zumal der Mensch ein merkwürdiges Tier ist: Kürzlich gewann einer 100.000 Euro, erzählt Frau Engelken, aber in der Annahmestelle hatte es zunächst geheißen: 160.000 – »da war der aber so was von enttäuscht«.

Die Empfehlungen der Berater für die Gewinner sind nicht überraschend: nicht überstürzt den Job kündigen; erst einmal schweigen, auch vor engsten Verwandten und Freunden; später die Summe kleinreden, auf 50.000 bis 60.000 Euro, damit kann man sich ein bisschen sichtbaren Luxus leisten, ein neues Auto, eine Weltreise, ohne von Forderungen überhäuft zu werden.

Die stellen sich nämlich schnell ein, Tausende Bettelbriefe sind es bei Gewinnern, deren Namen bekannt werden: Bitten um Zuschüsse für Operationen, für die Ausbildung, aber manchmal auch ganz dreist für den nächsten Urlaub. Immer steht in den Briefen: Ihr habt’s ja jetzt, und wenn ihr es behaltet, seid ihr schlecht. Ein ungeheurer Stress für die Gewinner, die ja gut sein wollen. Jetzt erst recht, bei so viel Geld. Deswegen reden alle vom Spenden. Tierschutz sei besonders beliebt, sagt Frau Engelken.

Aber das könnte den Eindruck erwecken, ein Lottogewinn würde die Glücklichen irgendwie ähnlich machen. Das Gegenteil stimmt: Er verstärkt die Unterschiede.

Einmal saß ein Paar am blaugrauen Furniertisch und konnte sich nicht freuen. Millionengewinn. Aber leider nicht ihr erster. Sie hatten schon einmal gewonnen, und das neue Glück war nichts als eine Belastung, eine große Frage: Warum wir – schon wieder? Die beiden quälte das Übermaß an Unverdientem. Und sie sahen nur einen Ausweg: eine Stiftung zu gründen, um sich den Gewinn durch Verschenken anzueignen.

Ein anderes Paar hingegen schwamm in Freude. Sie waren jung, er ungelernter Arbeiter, sie arbeitslos, und nun konnten sie sich ihren Traum erfüllen: heiraten. Dieser Traum hatte klare Konturen, die bis dahin das Budget überschritten hatten, ein Kleid für 200 Euro, eine Party zu Hause und eine neue Schrankwand.

Und doch, sagen die Glücksberater, sind solche Fragen Geplänkel. In ihrem kleinen Raum landen alle Gespräche früher oder später in einer höheren Dimension. Bei den ganz großen Fragen, beim Sinn des Lebens. Dem Fundament für jeden Kairos. Denn die beiden Berater sind davon überzeugt, dass nur diejenigen dem Glück eine glückliche Wendung geben können, die eine passende Antwort finden auf die heikelsten Fragen: Wer bist du? Was macht dich restlos zufrieden? Was sind deine tiefsten Überzeugungen?

Lotto-Geld, sagt Birte Engelken, erlaubt »endlich zu tun, was im Innersten ist«. Was auch bedeutet: Dieses Innerste muss sich plötzlich beweisen, ohne Ausflüchte. Denn Mangel an Geld hilft, sich selbst auszuweichen: Ich würde ja gerne, aber ich kann’s mir nicht erlauben.

Der Gewinn verbaut diesen Weg. Das ist eine ganz hübsch anstrengende Sache, findet Frau Engelken, und irgendwie auch eine freche, »denn wir muten den Menschen ja eine schwierige Aufgabe zu«: zu wissen, wer sie sind, auch wenn sie plötzlich viel mehr sein können als bisher. Aber nur wenn die Gelegenheit zur Seele passt, wird aus ihr eine günstige.

Die Philosophen der Antike konnten noch glauben, dass es objektive Momente des Kairos gibt, die für alle gleich wirken. Diese Hoffnung haben wir im Zeitalter des Individualismus verloren. Neben die Übung und Vorbereitung, die den Trader auszeichnet sowie die Überlebenden von Unfällen, muss also auch Selbsterkenntnis treten, das Gespür für sich selbst, damit der Mensch die wahrhaft richtige Gelegenheit erkennen kann. Eine verteufelt schwierige Angelegenheit.

Natürlich ist es an diesem Punkt unausweichlich, Frau Engelken zu fragen, was sie selbst denn vorhätte, nach zehn Jahren Gewinnerbetreuung, wenn sie das Glück so plötzlich träfe? »Ich würde tun«, sagt sie, »wovor ich alle warne: Ich würde kündigen. Sofort.« Und dann benachteiligten Kindern helfen, mit einer Stiftung vielleicht oder in einem eigenen Kindergarten.

Und auch diese Frage ist obligatorisch: Warum sie dies nicht jetzt schon tue?

Sie überlegt. Dann sagt sie: »Gute Frage.«

Und das ist wahrscheinlich eine gute Antwort, eine sehr gute sogar, weil der Kairos darin eine weitere seiner vielen Facetten offenbart: Er ist nur selten eine Lösung. Immer aber ist er eine Aufforderung, sich selbst zu befragen: Wer bin ich, und welche Gelegenheiten machen mich zu dem, der ich sein will?

Vielleicht passt die Besessenheit vom richtigen Moment, von Blink! und Click, deshalb so gut in unsere Zeit, in der jeder der Antwort auf die Frage nach Identität hinterherhetzt: Wer bin ich, und wer könnte ich sein?

Vor einem Jahrhundert teilten Philosophen wie der christliche Existenzialist Paul Tillich und der Linke Walter Benjamin noch die Hoffnung, mit einem Kairos gleich die ganze Gesellschaft umzukrempeln. Diese Fantasien keimen auch heute noch auf, bei der ersten Wahl von Barack Obama zum Beispiel oder während der »Arabellion« in Nordafrika, aber sogar Revolutionäre fürchten inzwischen die Konsequenzen solcher kollektiven Gelegenheiten, dafür gab es schon zu viele Umstürze mit unschönen Folgen.

Ein kollektiver Kairos setzt zudem voraus, dass sich viele Menschen im gleichen Takt befinden mit ähnlichen Zielen, was nur noch selten der Fall sein dürfte in unserer hoch individualisierten Welt. Gerade der Mangel an kollektiven Gelegenheiten aber mache uns so begierig auf den persönlichen Kairos, sagt der Romanist und Philosoph Hans Ulrich Gumbrecht.

Er knüpft für diese These beim Philosophen Peter Sloterdijk an, der im Dauer-Üben eine Konstante des menschlichen Strebens entdeckt hat. Wir üben, wir trainieren nicht so sehr für die Karriere oder für die Mitwelt, sondern um uns selbst zu transformieren, um uns beständig zu anderen zu machen, auch wenn wir oft nicht wissen, zu welchen.

Der Kairos ist die Bestätigung, dass das Üben genutzt hat. Wie beim Eisbären: Ein erfolgreicher Trade zeigt, dass das Training und die Vorbereitung gefruchtet haben. Es ist ein Spiel, das wir mit uns selbst spielen, aber nur, um das Durcheinander der restlichen Welt zu kompensieren. Das Lauern auf den nächsten Kairos hilft, unser Leben zu strukturieren, und gibt Stabilität, so die optimistische These. Wir erhöhen die Aufmerksamkeit und können uns so besser orientieren.

Man könnte dies als Achtsamkeit bezeichnen.

Und vielleicht erfährt man am besten, wie lebenswichtig diese Achtsamkeit ist, buchstäblich lebenswichtig, wenn man einmal auf die dunkle Seite tritt. Zu jenen, die sich ihren Kairos davon erhoffen, dass sie jede Chance ein für alle Mal vereiteln. Die nicht die gute Gelegenheit suchen, sondern die schlechte.

Gaby Dubbert kennt sie. Die renommierte Gutachterin in Strafprozessen hat für ihre Doktorarbeit »erweiterte Selbstmörder« untersucht, wobei der Begriff in die Irre führt: Der Täter erweitert seinen Selbstmord nicht um einen weiteren Suizid, sondern um Mord. Er – meistens ist es ein Er – tötet Angehörige – meistens sind es Angehörige –, bevor er sich selbst tötet. Aber das geschieht niemals spontan, im Affekt, sondern ist immer von langer Hand geplant.

Ein bisschen sind also sogar Selbstmörder wie Übende – nur dass es nicht ihr Ziel ist, erfüllte Augenblicke zu erleben, sondern gar keine mehr. Aber vielleicht erlaubt dieser Unterschied einige Aufschlüsse darüber, was zum gelingenden Moment noch dazugehört außer Übung und Achtsamkeit. Und darüber, was passiert, wenn man immer mehr Gelegenheiten entschwinden lässt auf der Suche nach der einen einzigen endgültigen.

Gaby Dubbert nennt ihre Studien »psychologische Autopsien«, die nachträglich zu entschlüsseln suchen, wie es zur Tat gekommen ist. Und es ist nicht schön, was man mithilfe der Autopsien sieht – als träte man in das Innere der verpassten Gelegenheiten. Wie bei jenem Mann, sehr erfolgreich, sehr reich, den die Überzeugung, dass seine deutlich jüngere Frau nichts als ein Unglück sei für ihn und die beiden Kinder, zu immer härteren Schlägen gegen sie verleitet. Sie wehrt sich vor Gericht, er erhält Annäherungsverbot, es vergehen Monate, dann erschießt er sie vor den Augen eines Kindes. Anschließend zwingt er das Kind nachzusprechen, dass diese Tat notwendig sei, bevor er sich selbst erschießt.

Eine solche Fürchterlichkeit wirft im Einzelnen viele Fragen auf, aber doch finden sich hinter solchen Taten oft ähnliche Muster. Das »präsuizidale Syndrom« beginnt meist Monate, oft Jahre vor der Tat, und man muss es sich als eine schleichende Subtraktion vorstellen. Als würde Stück für Stück das Leben abgezogen werden, als würde immer mehr wegfallen: Der Kontakt zu Nachbarn wird erst vernachlässigt, dann aggressiv, schließlich eingestellt, eine Freundschaft nach der anderen bricht weg, das Leben wird einsam, oft geht die Arbeit verloren, und die Beziehung zu Frau und Kindern wird von Angst und Misstrauen zerfurcht. Manchmal wird die Verengung von Alkohol und Drogen flankiert, aber man darf sich diese Einschränkung, dieses langsame Erlöschen des Lebens, nicht als Verwahrlosung vorstellen, als Absturz. Oft bleibt die Fassade intakt.

Und stets gibt es Warnzeichen, meist artikulieren die späteren Täter ihre Absichten sogar deutlich. Aber diese Signale nimmt im zermürbten Umfeld oft niemand mehr wahr oder ernst. So schrumpft der Horizont der Täter immer weiter, bis er nur noch aus einem einzigen Gedanken besteht, dem einzigen, der noch Klarheit, manchmal auch Erlösung verheißt: das Ende.

Eine Weile lang wird der zukünftige Selbstmörder noch hin- und hergerissen zwischen Lebenswillen und Todeswunsch, aber die »Amplituden«, wie Gaby Dubbert sagt, die Ausschläge, die man Leben nennt, werden immer kleiner.

Es ist, »als würden die Menschen irgendwann aufhören mitzuschwingen«. Und mit diesen Schwingungen verschwinden die Gelegenheiten, die besonderen Momente. Man muss sich dem Leben aussetzen, um mehr als einen Kairos zu erhalten, das ist vielleicht die wichtigste Lehre der Selbstmörder, und wer ihre Geschichten kennt, ahnt, dass diese Voraussetzung alles andere als garantiert ist.

Anruf in Sachen Kairos bei einem Zen-Mönch. Ein bisschen ist es, als würde man in zu dünne Luft steigen: Erleuchtung als ultimative, unerreichbare Gelegenheit. Aber dann sagt der Mönch am Telefon: »Kairos ist immer und überall.«

Er meint es nicht psychologisch, wie die Gedächtnisforscher. Aber wie sonst?

Im Reihenhaus in Kiel lässt es sich vielleicht herausfinden, modern interpretierter Klinkerbau, verkehrsberuhigte Straße, Kinder spielen im Nieselregen, vor der Tür steht eine japanische Steinlampe. Hier wohnt Hinnerk Syobu Polenski gemeinsam mit seiner Freundin, einer Architektin. In seinem Meditationsraum unter dem Dach, dem Zendo, hängt die Urkunde eines japanischen Meisters, der Polenski die Lehrerlaubnis überträgt. Die besitzen nur wenige Europäer – und unser Mönch ist der Einzige von ihnen, der einen eigenen, europäischen Weg des Zen beschreiten darf.

Neben dem Zendo ein gemütliches Zimmer mit Ledercouch und Billy-Regalen, eine riesenhafte Maine-Coon-Katze schleicht umher, »eine Zen-Katze«, sagt Hinnerk Polenski, selbst ein Hüne, »sehr ruhig ist sie«.

Also: Kairos ist immer?

Nicht so schnell. Erst einmal gießt Polenski einen Tee auf, genauer: Er vollzieht die Teezeremonie, 30 Sekunden die Tassen anwärmen, 30 Sekunden den Tee ziehen lassen mit 80 Grad warmem Wasser, exakt gemessen von einem Thermometer, das so lang ist wie sein Unterarm. Dann trinken bei 30 bis 50 Grad. »Der beste Tee, den ich kenne«, sagt der Mönch. Und: »Tee ist Ausdruck, im absoluten Moment zu sein.« Der Tee macht eine pelzige Zunge.

Dann erklärt Polenski. Der Zen stellt die westliche Vorstellung auf den Kopf. Für uns sind die meisten Momente falsch und die guten Gelegenheiten selten. Im Zen ist jeder Moment günstig, aber wenn wir das nicht erkennen, ist unsere Aufmerksamkeit falsch, nämlich auf das Unwesentliche ausgerichtet. Es gibt keinen Schatten, nur Verblendung: »Die Sonne scheint immer, aber meist sehen wir bloß die Wolken davor.«

Das klingt vermutlich esoterischer, als es gemeint ist, es soll nur das Problem verlagern: von der einen Knappheit (der Momente) zur anderen (der Klarheit des Geistes). Das könnte entspannen. Wenn die Gelegenheit immer günstig ist, dann muss man sich nicht hetzen, dann kann man gelassen auf die nächste zusteuern.

Die Frage für Polenski ist dann auch nicht, wie ich einen Moment erhaschen kann, sondern »wie ich Millionen dieser Momente lebe«. Vielleicht könnte das heißen: wie alles zu einem Moment wird und der Moment zu allem. Oder so ähnlich. Jedenfalls sagt Polenski: »Jeder Moment ist Ewigkeit, und Ewigkeit ist jeder Moment.«

Und allmählich wird klar, dass Polenski das Gegenprogramm entwirft zum Kairologen in unserem Kopf. Wir sollten nicht eine Sensation nach der anderen erfinden, sondern ganz auf die Dauer und die Beharrlichkeit setzen. Denn im Zen gibt es, streng genommen, nur eine einzige Gelegenheit. Aber die immer wieder. Daher lohne sich das Üben, das Meditieren.

Ist das nicht furchtbar langweilig? Nicht, wenn dabei der Moment immer größer wird, sagt Polenski. Denn das Üben ist das allmähliche Erweitern kleinster Erfolge. Am Anfang ist es nur ein Moment der Achtsamkeit während der Meditation. Dann reißen die Wolken kurz auf. Dann wird der Moment gedehnt auf eine Handlung, auf die Teezeremonie zum Beispiel. Viel später dann, wenn die Meisterschaft näher rückt, wird der Moment ins Leben verlängert, in einen Beruf vielleicht, der anderen Menschen dient. Und irgendwann ist der Himmel immer blau. »Kontinuierliche Ausdehnung des Momentes in die Ewigkeit«, sagt Polenski, und es klingt so, als wäre das ganz einfach und logisch.

Der Mönch kocht ein zweites Mal Tee. Erneut: pelzige Zunge.

Polenskis Erkenntnis, die wir mit dem Tee in uns hineinfließen lassen, ist im Grunde dieselbe wie die des Eisbären und der Überlebenden und der Gewinnerbetreuer und vielleicht auch der Liebenden: Wir müssen uns übend vorbereiten auf den Moment, der sich nur zeigt, wenn man sich vorbereitet hat. Und der dann gar kein Moment mehr ist, sondern: das Leben.

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Leserkommentare
  1. "Nichts, was gerade geschieht,
    ist von der geringsten Wichtigkeit",
    sagt Oscar Wilde und wendet sich
    damit gegen die Inflation historischer
    Momente. Das könnte er auch gegen
    den Glauben an die großen Kairos-Momente
    eingewandt haben. Die kleinen bringen's.

    Jeder Comedian kennt sie, wenn in
    seinem gut vorstrukturierten stand-up
    die Pointen sitzen. Jeder Slalomfahrer,
    der seinen Lauf vorher automatisiert hat.
    Die kleinen Kairos-Momente sind nichts
    anderes als gestaltete Zeit der Zukunft.
    Darauf trainiere ich seit Jahren Unternehmer.
    Vermutlich wird keiner von ihnen den großen
    Kairos-Moment eines Steve Jobs erleben.
    Aber sie werden die Leben ihrer Unternehmen
    besser leben.

    Danke, für den ausgezeichneten Artikel.

    Gabriela Linne

  2. Among the maxims on Lord Naoshige's wall, there was this one: "Matters of great concern should be treated lightly." Master Ittei commented, "Matters of small concern should be treated seriously."

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und dieses Zitat, danke!

  3. Und dieses Zitat, danke!

    Eine Leserempfehlung
  4. der voller inhaltlicher Sprünge zum Nachdenken anregt und vor allem dem Leser mal was zutraut (allein schon aufgrund der Länge).

    Besten Dank und weiter so!

    2 Leserempfehlungen
    • Lobo73
    • 07. Januar 2013 0:18 Uhr

    Lebendig bleiben

    Das Leben ist eine Reihe verpasster Möglichkeiten – es wird mit der Zeit immer absurder. [...]
    Manch einer tut so als sei das Leben ein großes Frühstücksbuffet, als könnte er in aller Gemütlichkeit erst mal einen Kaffee trinken. Er überlegt mit verschlafenen Augen ob er zunächst ein Müsli oder ein Rührei nehmen sollte. Letztlich entscheidet er sich für eine Scheibe Toastbrot, im Glauben er könnten ja bei der nächsten Runde noch das Rührei nehmen.
    Aber er täuscht sich. Das Büffet wird beim nächsten Wimpernschlag längst abgeräumt sein. Und er muss ein Leben lang auf dem Toastbrot herumkauen, bis ihn das große Kotzen kommt. Das Büffet aber bleibt leer. Für immer.

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    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

  5. 6. schön

    schöner und anregender Artikel, vielen Dank. Interessant, daß man auch mit diesem Ausgangspunkt wieder bei so etwas ähnlichem landet wie "ständiges, hingebungsvolles Üben".

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  6. wird im Zen in jedem Moment erfahren. Es wird keine Wahl getroffen.
    Ein wirklich glücklich machender Entwurf, anders als das griechische Denken mit Kairos. ;-)

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  7. 8. Eieiei

    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

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