LebenskunstJetzt oder nie!
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Wir machen aus allem einen Kairos, besonders im Nachhinein

Zum Jahreswechsel wird die Sehnsucht in Form von Vorsätzen kultiviert: Neujahr ist der erste Tag eines neuen Lebens. Aus unerfindlichem Grund halten zeitgleich Millionen von Menschen genau diesen Tag für eine gute Gelegenheit. Skeptiker halten ihn für den Beginn eines Massensterbens guter Absichten.

Doch lässt sich bestimmen, wann Gelegenheiten gute sind? Woran erkennt man sie? Und kann man sich auf sie vorbereiten, muss man es gar? Oder sind sie viel zu flüchtig, zufällig und selten, um irgendetwas über sie sagen zu können?

Wenn sie denn selten sind. Daran haben Kognitionsforscher inzwischen Zweifel. Sie haben in unser Hirn geschaut und dort eine Kairos-Maschine entdeckt.

Denn wir machen aus allem einen Kairos, besonders im Nachhinein. Und wir machen alles für einen Kairos. Besonders im eigenen Leben.

Große Momente sind die wichtigste Droge unseres Hirns. Und unser Gedächtnis ist der Dealer. Es dient nicht dazu, die Vergangenheit wie ein Video abzuspulen, sondern uns mit Sinn zu füttern. Und den verankern wir am liebsten in besonderen Augenblicken. Dafür allerdings müssen wir unser Leben tagtäglich neu schreiben und das Geschriebene überarbeiten.

Zunächst kürzen wir unsere Autobiografie auf handliches Format und löschen alles, was durch Dauer und Gleichmäßigkeit langweilt. Lange Jahre der Zufriedenheit – in unserer Erinnerung schnurren sie zu einem Moment zusammen; duration neglect nennt das der Kognitionsforscher und Nobelpreisträger Daniel Kahneman, die Missachtung des Dauerhaften. Statt Verlauf zählen Höhe- und Endpunkte. Unsere Ferien, beispielsweise, beurteilen wir sehr schlicht nach dem tollsten und dem letzten Moment: geiler Höhepunkt und super Ende – das Gedächtnis ist der Sensationsjournalist, der unser Leben zum Scoop hochjubelt.

Haben wir unser Leben so weit eingedampft, beginnt der kreative Part: Nun pumpen wir die Momente mit Bedeutung auf, um uns im Hier und Jetzt wohler zu fühlen. Meistens machen wir uns schlauer und besser, als wir je waren. Wir »erinnern« uns, dass wir einschneidende Ereignisse (Finanzkrise, berufliche Wendepunkte) vorhergesagt haben, unsere Schulnoten steigen im Laufe der Zeit, und üblicherweise halten wir Erfolge für unser Werk, Fehlschläge aber rechnen wir den Umständen zu.

Denn was der menschliche Geist benötige, sagt Kahneman, »ist eine einfache Botschaft von Triumph oder Fehlschlag«. Besonders gern mögen wir den Triumph. So sehr lieben wir den Erfolg, dass wir auch anderen ihre Heldengeschichten nur zu gern abkaufen. Den Aufstieg von Apple, Google und Amazon lassen wir uns als genialisches Gespür für das Ergreifen richtiger Gelegenheiten erzählen, wobei wir Zufall und Glück ausblenden, denn das verbuchen wir nicht als sinnstiftend. Der Ökonom Phil Rosenzweig hat diese Selbsthypnose als »Heiligenschein-Effekt« bezeichnet: Im Nachhinein erhält jeder Erfolg die Aura des Unumgänglichen. Wie eine große Liebe.

Wir übertreiben allerdings auch ins Schlechte und machen zuweilen sogar aus flüchtigen Krisen in Kinderzeiten einschneidende Traumata. Sogar das kann uns, paradoxerweise, in Einklang mit uns selbst bringen, weil wir aus der Überwindung einstigen Schreckens heutiges Selbstbewusstsein ziehen. Am Ende kennt das Gedächtnis, dieser Opportunist und Ober-Kairologe im Kopf, nur ein Ziel: uns unverdrossen einzuflüstern, dass wir eigentlich ganz okay sind. »Unsere Erinnerungen verändern sich ständig, damit wir heute glücklicher leben können«, sagt die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus.

Es kann einem den Glauben an den einen, besonderen Moment austreiben. Wenn wir so vieles zu einem Kairos erklären, was ist dann noch ein »echter«? Zumal wir bestürzend schlecht in der Beurteilung der Tragweite von Momenten sind. Wenn sie ihm am Meeresstrand zuflüstert, diesen Augenblick werde sie nie vergessen, stehen die Chancen gut, dass sie sich an den Moment in sechs Monaten nicht mehr erinnert. Wenn er glaubt, das eine Gespräch mit der Chefin habe seine Karriere auf einen anderen Weg gebracht, sitzt er ein halbes Jahr später vermutlich noch im selben Büro. Noch einmal Kahneman, der große Entzauberer unserer Selbst-Erzählungen: »Nichts im Leben ist so wichtig, wie man denkt, es sei, während man es denkt.«

Das ist in zweierlei Hinsicht fies. Zum einen sät es Zweifel in jede Geschichte. In die eigene. Oder die von Google. Oder die von Connie Palmen. Denn eine frisierte Erinnerung ist von einer echten nicht zu unterscheiden.

Zum anderen hilft uns die mentale Kairos-Überproduktion überhaupt nicht bei zukünftigen Gelegenheiten. Wie wir uns vorzubereiten haben, um sie zu ergreifen, darüber schweigt unser Hirn.

Daher muss man jene fragen, die täglich um Gelegenheiten kämpfen.

Leserkommentare
  1. "Nichts, was gerade geschieht,
    ist von der geringsten Wichtigkeit",
    sagt Oscar Wilde und wendet sich
    damit gegen die Inflation historischer
    Momente. Das könnte er auch gegen
    den Glauben an die großen Kairos-Momente
    eingewandt haben. Die kleinen bringen's.

    Jeder Comedian kennt sie, wenn in
    seinem gut vorstrukturierten stand-up
    die Pointen sitzen. Jeder Slalomfahrer,
    der seinen Lauf vorher automatisiert hat.
    Die kleinen Kairos-Momente sind nichts
    anderes als gestaltete Zeit der Zukunft.
    Darauf trainiere ich seit Jahren Unternehmer.
    Vermutlich wird keiner von ihnen den großen
    Kairos-Moment eines Steve Jobs erleben.
    Aber sie werden die Leben ihrer Unternehmen
    besser leben.

    Danke, für den ausgezeichneten Artikel.

    Gabriela Linne

  2. Among the maxims on Lord Naoshige's wall, there was this one: "Matters of great concern should be treated lightly." Master Ittei commented, "Matters of small concern should be treated seriously."

    6 Leserempfehlungen
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    Und dieses Zitat, danke!

  3. Und dieses Zitat, danke!

    Eine Leserempfehlung
  4. der voller inhaltlicher Sprünge zum Nachdenken anregt und vor allem dem Leser mal was zutraut (allein schon aufgrund der Länge).

    Besten Dank und weiter so!

    2 Leserempfehlungen
    • Lobo73
    • 07. Januar 2013 0:18 Uhr

    Lebendig bleiben

    Das Leben ist eine Reihe verpasster Möglichkeiten – es wird mit der Zeit immer absurder. [...]
    Manch einer tut so als sei das Leben ein großes Frühstücksbuffet, als könnte er in aller Gemütlichkeit erst mal einen Kaffee trinken. Er überlegt mit verschlafenen Augen ob er zunächst ein Müsli oder ein Rührei nehmen sollte. Letztlich entscheidet er sich für eine Scheibe Toastbrot, im Glauben er könnten ja bei der nächsten Runde noch das Rührei nehmen.
    Aber er täuscht sich. Das Büffet wird beim nächsten Wimpernschlag längst abgeräumt sein. Und er muss ein Leben lang auf dem Toastbrot herumkauen, bis ihn das große Kotzen kommt. Das Büffet aber bleibt leer. Für immer.

    2 Leserempfehlungen
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    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

  5. 6. schön

    schöner und anregender Artikel, vielen Dank. Interessant, daß man auch mit diesem Ausgangspunkt wieder bei so etwas ähnlichem landet wie "ständiges, hingebungsvolles Üben".

    2 Leserempfehlungen
  6. wird im Zen in jedem Moment erfahren. Es wird keine Wahl getroffen.
    Ein wirklich glücklich machender Entwurf, anders als das griechische Denken mit Kairos. ;-)

    3 Leserempfehlungen
  7. 8. Eieiei

    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

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