Einen wie den »Eisbären«. Er hat mehr Erfahrung mit günstigen Gelegenheiten als die meisten anderen, jeden Tag greift er nach ihren Locken, oft dutzendfach. Der Eisbär sucht sein Glück an der Börse, man könnte ihn einen Spekulanten nennen, denn er versucht, mit Geld Geld zu machen.

Das Bemühen teilt er mit rund acht Millionen Deutschen, die in Aktien investieren. Dabei, so heißt es, komme es vor allem auf den richtigen Zeitpunkt an: billig kaufen, teuer verkaufen. Richtiges Timing sei alles an der Börse, und auch wer seine Aktien über Jahre oder Jahrzehnte hält, legt sie sich in der Nähe des Tiefs zu und stößt sie möglichst erst wieder ab, wenn sie gestiegen sind.

Jeder, der Aktien besitzt, strebt diesen Kairos des Profits an. Aber nur ein winziger Bruchteil erreicht ihn: Rund 90 Prozent aller Kleinanleger und Laien, so wird vermutet, verlieren am Aktienmarkt mehr, als sie gewinnen.

Eine Erklärung lautet: weil sie an der falschen Stelle suchen. Weil sie auf die Geschichte vom richtigen Moment hereinfallen.

Der Eisbär weiß sofort, was mit Kairos gemeint ist. Er ist ein gebildeter Mann, der seine Worte sanft setzt wie in eine Wolke, in der alle Gewissheiten über Spekulanten verschwinden. »Eisbär« ist der Name, den er im Internet benutzt, bürgerlich heißt er Erich Schmidt, ist 67 Jahre alt, pensionierter Lehrer für Sport und Französisch, und sein Spekulantentum übt er in einem Einfamilienhaus am Rand von Birkenfeld aus, einem Städtchen tief im Hunsrück. Wald- und Wiesenseligkeit im toten Winkel der Republik. »Pampa«, sagt der Eisbär.

Hier arbeitet er als sogenannter Day-Trader, also als einer, der jeden Tag kauft und verkauft. Dafür sitzt er von halb vier Uhr morgens bis zehn, elf Uhr abends vor den Computern, sonntags bereitet er sich auf die Woche vor, samstags hat er frei. Ein Zimmer steckt voll mit Zeichnungen von Kursverläufen, Büchern und einem Fernseher für die Finanznachrichten, in einem zweiten Zimmer fünf bis sieben Rechner, ein riesiger Bildschirm, umgürtet von einer Corona aus Laptops, davor Gewirr von Computermäusen. Seine Frau, sagt er, finde das sowie das eingezwängte Familienleben »unschön«.

Hier aber hat der Eisbär das Kapital seines Depots vervierfacht, aus 20.000 Euro hat er 84.000 gemacht, mehr als 400 Prozent Gewinn in nicht einmal einem halben Jahr. Seine Erfolge sind bekannt, weil er sie öffentlich macht: Andere Trader können sich in seinem Forum anmelden und per Internet seine Entscheidungen verfolgen.

Ist er also ein Meister der richtigen Augenblicke? Hat er das Geheimnis entdeckt, wie man den Kairos nach Belieben ergreift?

»Ach«, sagt der Eisbär, und in dem Ach steckt vieles, was ein Mensch, der nicht jeden Tag auf die Gelegenheiten starrt, nur schwer verstehen kann. Dann sagt der Eisbär: »Ich würde auch gewinnen, wenn ich nur nach Zufall kaufen würde.«

Wie bitte? Die Gelegenheit ist also ganz unwichtig?

Nein, das auch nicht. Aber sie ist nur ein kleines Teil in einem großen System, in einer langen Geschichte. Im Grunde währt sie schon 30 Jahre. Damals hat der Eisbär angefangen, sich mit der Börse zu beschäftigen. »Ich habe regelrecht für sie trainiert«, und als ehemaliger Basketballtrainer mit Bundesligalizenz weiß er, was das bedeutet: immer und immer wieder die gleichen Situationen durchspielen, die gleichen Routinen ausführen, dieselben Muster ausfindig machen. »Wie sollte man ohne Training einen günstigen Moment erkennen?«

Dabei hat er vor allem gelernt, dass »jede Gelegenheit unsicher ist«. Das klingt wie eine Floskel, aber für den Eisbär ist es die Grundlage des Erfolgs. Er geht nämlich nie davon aus, dass eine Gelegenheit gut ist. Sondern nur davon, dass sie gut werden könnte. Das ist das genaue Gegenteil von der Kairos-Maschine im Kopf, die aus allem einen tollen Moment macht.