Der Eisbär konzentriert sich hingegen ganz darauf, was passiert, wenn die Gelegenheit sich als Rohrkrepierer erweist, wenn der Kurs abstürzt, statt zu steigen. Was macht er dann? Wie reduziert er sein Risiko, wie kommt er heil raus? Er hat dafür ein raffiniertes System entwickelt, eine Strategie, komplizierte Wertpapiere einzusetzen und damit nahezu jeden Trade mit Gewinn abzuschließen. Auch wenn es lange dauern kann und an den Nerven zehrt.

Es sind nicht die Gelegenheiten, die Geld verdienen, sondern es ist dieses System. Und die Disziplin, sich dran zu halten. Nur in diesem Rahmen kann der Eisbär jede Gelegenheit ergreifen, weil er weiß, wie er weitermacht, wenn sie sich gegen ihn wendet. Es ist wie ein Korsett, sagt er, gute Vorbereitung, minutiöse Planung, energische Risikominderung.

Das klingt defensiv und gar nicht heroisch, ist aber vielleicht der klügste Umgang mit Chancen: »Man muss demütig bleiben.« Helden sterben einen frühen Tod.

Es ist ein Samstag, die Börsen ruhen, und der Eisbär kommt sich selbst auf die Schliche. »Was ich betreibe«, sagt er irgendwann fast verwundert, »ist eigentlich das Management des Kairos.«

Ist die Vorbereitung also das Geheimnis der guten Gelegenheit? Ganz schlicht und altmodisch: Nur wer sich durch Übung oder mentales Training auf die Chancen einstellt, kann sie auch ergreifen?

Dafür spricht in der Tat einiges. Auch in außergewöhnlichen Situationen.

Auf dem Flughafen von Teneriffa schlitzte am 27. März 1977 im dichten Nebel ein startender Jumbojet der KLM eine Boeing 747 von Pan Am der Länge nach auf, schmierte ab und explodierte in einem Feuerball. Alle 248 Insassen starben.

Im Pan-Am-Flieger saß Floy Heck, 70 Jahre, neben ihrem Ehemann. Als das Dach des Flugzeugs abgerissen wurde, schleuderte sie nach vorne, aber sie wurde – wie die meisten anderen Passagiere – nicht verletzt. Doch sie erstarrte, konnte keinen Schritt tun, kein Wort sagen: »Mein Hirn war leer. Ich konnte nicht einmal mehr hören, was passierte.«

Ihr Mann aber, Paul Heck, fünf Jahre jünger, löste sofort seinen Gurt und befahl ihr: »Komm mit!« Sie folgte ihm »wie ein Zombie« durch den Rauch zum Ausgang – und überlebte wie er.

Von den 396 Menschen an Bord konnten sich nur 70 retten, was den Unfall von Teneriffa zur bis heute größten Katastrophe der zivilen Luftfahrt machte. Es war eine fürchterliche Situation, aber für die allermeisten Pan-Am-Passagiere, das haben spätere Untersuchungen ergeben, bot sich ein weites Fenster der Gelegenheit, dem Tod zu entkommen: Es dauerte mindestens 60 Sekunden, bis die Flammen das Flugzeug einschlossen, aber viel zu wenige nutzten die Chance. Wem 60 Sekunden kurz erscheinen, der sollte wissen, dass die Regeln der Airlines vorsehen, ein Flugzeug in 90 Sekunden komplett zu evakuieren.

Ein Katastrophenforscher hat Paul Heck später befragt, um herauszufinden, warum er sich retten konnte, während die meisten Opfer einfach nur regungslos auf ihren Sitzen verharrten. Es stellte sich heraus, dass die Erklärung in der Tat sehr einfach ist: Vorbereitung. Planung. Das hatte Heck mit den anderen Überlebenden gemein.

Vor dem Start war er aufmerksam den Sicherheitsanweisungen und den Ausführungen der Stewardessen gefolgt, er war sogar gemeinsam mit seiner Frau durch das Flugzeug gelaufen und hatte ihr die Lage der Notausgänge gezeigt. Er konnte nicht anders. Im Alter von acht Jahren hatte Paul Heck in einem Theater ein Feuer erlebt und sich seither stets an unbekannten Orten mit den Fluchtmöglichkeiten vertraut gemacht.

So wurde auch er: ein Manager des Kairos.

Unfallforscher würden jemanden wie Paul Heck gerne zu Vorbildern für alle machen. Würden mehr Menschen sich verhalten wie er, würden zweifellos mehr Menschen Katastrophen überleben. Bei allen schweren Flugzeugunfällen in den USA zwischen 1983 und 2000 konnte sich rund die Hälfte der Passagiere retten. Laien erscheint der Prozentsatz überraschend hoch, Experten beklagen, er sei viel zu niedrig.

Vermutlich sind Training und Übung zwar eine Voraussetzung, aber noch nicht die ganze Antwort auf die Frage, wer eine gute Gelegenheit ergreift und wer nicht. Darauf deuten weitere, merkwürdige Befunde hin.

Im Winter 1994 stürzte ein Kleinflugzeug in der Sierra Nevada ab. Einer der drei Passagiere an Bord wurde im Wrack eingeschlossen, ein anderer hatte bloß ein paar Abschürfungen. Der Pilot erlitt erhebliche Verletzungen an Armen, Beinen und Rippen – schleppte sich aber dennoch elf Tage über die schneebedeckten Berge, um Hilfe zu suchen. Der leicht Verletzte und der Eingeschlossene blieben zurück.