LebenskunstJetzt oder nie!
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Im Herzen jedes Kairos steckt ein Rätsel.

Als die Retter zum Wrack gelangten, waren beide Passagiere gestorben, auch der kaum Verletzte. Das wunderte die Retter. Denn der Passagier hatte ausreichend Nahrung und Wasser, er hätte Feuer machen und sich im Flugzeug vor dem Wetter schützen können. Ein elf Tage dauernder, mustergültiger Kairos.

Warum hat er ihn nicht genutzt? Es gibt viele Versuche, diese Frage zu beantworten. Manche Forscher sprechen vom psychogenischen Tod, der weder durch Krankheit noch Gewalt verursacht wird. Andere analysieren die Funktionsfähigkeit des Arbeitsspeichers im Hirn unter Stress (dramatisch eingeschränkt); wieder andere die Handlungsfähigkeit (ebenfalls eingeschränkt); oder sie schauen auf Persönlichkeitsstrukturen (erlauben keinen Rückschluss auf Verhalten in Notsituationen) oder errechnen die Dauer des psychischen Chaos bei Katastrophen (drei Tage).

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Und doch: Im Herzen jedes Kairos steckt ein Rätsel. Warum, auch bei gleichem Training und bester Vorbereitung, der eine zugreift und der andere nicht. Warum der eine das Wenige tut, um zu überleben, der andere das Wenige aber unterlässt.

Welches Element muss zu Vorbereitung und Übung noch hinzukommen?

Der Ort der Freude liegt in Hamburgs City Nord, misst etwa drei mal drei Meter, ist mit schmutzresistenter Auslegware versehen, auf einem blaugrauen Tisch stehen Sprudel-Flaschen, 0,33 Liter, medium und classic. Der Blick geht auf ein kiesgedecktes Flachdach und die Bürofächer eines Hochhauses, als wolle sich die Wirklichkeit mit Macht ins Bild drängen, damit man bloß nicht vergisst, wie es ist: das normale, gleichförmige Leben, aus dem manche Menschen heraustreten dürfen.

Hier erfahren Hamburgs Lotto-Hochgewinner das Ausmaß ihres Glücks. Ein Hochgewinn ist alles über 100.000 Euro, die größte Summe im Jahr 2012 lag bei 19,1 Millionen. Aber das ist nur eine Zahl, wissen Birte Engelken und Stefan Seeger, die Gewinnerbetreuer von Lotto Hamburg. Daher wollen sie helfen, aus dem Glück einen Kairos zu machen, aus dem Zufall des Geldsegens eine gute Gelegenheit.

Als Erstes schreibt Frau Engelken oder Herr Seeger die Summe in sehr großer Schrift auf die Kopie des Lottoscheins – das ist wichtig, sagt Birte Engelken, denn je größer die Buchstaben, desto wirklicher der Gewinn. Die meisten freuen sich erst hier, wenn der Schein abgestempelt wird, nicht zu Hause, denn dort ist die Quote noch unbekannt, und überhaupt, man weiß ja nie. Zumal der Mensch ein merkwürdiges Tier ist: Kürzlich gewann einer 100.000 Euro, erzählt Frau Engelken, aber in der Annahmestelle hatte es zunächst geheißen: 160.000 – »da war der aber so was von enttäuscht«.

Die Empfehlungen der Berater für die Gewinner sind nicht überraschend: nicht überstürzt den Job kündigen; erst einmal schweigen, auch vor engsten Verwandten und Freunden; später die Summe kleinreden, auf 50.000 bis 60.000 Euro, damit kann man sich ein bisschen sichtbaren Luxus leisten, ein neues Auto, eine Weltreise, ohne von Forderungen überhäuft zu werden.

Die stellen sich nämlich schnell ein, Tausende Bettelbriefe sind es bei Gewinnern, deren Namen bekannt werden: Bitten um Zuschüsse für Operationen, für die Ausbildung, aber manchmal auch ganz dreist für den nächsten Urlaub. Immer steht in den Briefen: Ihr habt’s ja jetzt, und wenn ihr es behaltet, seid ihr schlecht. Ein ungeheurer Stress für die Gewinner, die ja gut sein wollen. Jetzt erst recht, bei so viel Geld. Deswegen reden alle vom Spenden. Tierschutz sei besonders beliebt, sagt Frau Engelken.

Aber das könnte den Eindruck erwecken, ein Lottogewinn würde die Glücklichen irgendwie ähnlich machen. Das Gegenteil stimmt: Er verstärkt die Unterschiede.

Einmal saß ein Paar am blaugrauen Furniertisch und konnte sich nicht freuen. Millionengewinn. Aber leider nicht ihr erster. Sie hatten schon einmal gewonnen, und das neue Glück war nichts als eine Belastung, eine große Frage: Warum wir – schon wieder? Die beiden quälte das Übermaß an Unverdientem. Und sie sahen nur einen Ausweg: eine Stiftung zu gründen, um sich den Gewinn durch Verschenken anzueignen.

Leserkommentare
  1. "Nichts, was gerade geschieht,
    ist von der geringsten Wichtigkeit",
    sagt Oscar Wilde und wendet sich
    damit gegen die Inflation historischer
    Momente. Das könnte er auch gegen
    den Glauben an die großen Kairos-Momente
    eingewandt haben. Die kleinen bringen's.

    Jeder Comedian kennt sie, wenn in
    seinem gut vorstrukturierten stand-up
    die Pointen sitzen. Jeder Slalomfahrer,
    der seinen Lauf vorher automatisiert hat.
    Die kleinen Kairos-Momente sind nichts
    anderes als gestaltete Zeit der Zukunft.
    Darauf trainiere ich seit Jahren Unternehmer.
    Vermutlich wird keiner von ihnen den großen
    Kairos-Moment eines Steve Jobs erleben.
    Aber sie werden die Leben ihrer Unternehmen
    besser leben.

    Danke, für den ausgezeichneten Artikel.

    Gabriela Linne

  2. Among the maxims on Lord Naoshige's wall, there was this one: "Matters of great concern should be treated lightly." Master Ittei commented, "Matters of small concern should be treated seriously."

    6 Leserempfehlungen
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    Und dieses Zitat, danke!

  3. Und dieses Zitat, danke!

    Eine Leserempfehlung
  4. der voller inhaltlicher Sprünge zum Nachdenken anregt und vor allem dem Leser mal was zutraut (allein schon aufgrund der Länge).

    Besten Dank und weiter so!

    2 Leserempfehlungen
    • Lobo73
    • 07. Januar 2013 0:18 Uhr

    Lebendig bleiben

    Das Leben ist eine Reihe verpasster Möglichkeiten – es wird mit der Zeit immer absurder. [...]
    Manch einer tut so als sei das Leben ein großes Frühstücksbuffet, als könnte er in aller Gemütlichkeit erst mal einen Kaffee trinken. Er überlegt mit verschlafenen Augen ob er zunächst ein Müsli oder ein Rührei nehmen sollte. Letztlich entscheidet er sich für eine Scheibe Toastbrot, im Glauben er könnten ja bei der nächsten Runde noch das Rührei nehmen.
    Aber er täuscht sich. Das Büffet wird beim nächsten Wimpernschlag längst abgeräumt sein. Und er muss ein Leben lang auf dem Toastbrot herumkauen, bis ihn das große Kotzen kommt. Das Büffet aber bleibt leer. Für immer.

    2 Leserempfehlungen
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    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

  5. 6. schön

    schöner und anregender Artikel, vielen Dank. Interessant, daß man auch mit diesem Ausgangspunkt wieder bei so etwas ähnlichem landet wie "ständiges, hingebungsvolles Üben".

    2 Leserempfehlungen
  6. wird im Zen in jedem Moment erfahren. Es wird keine Wahl getroffen.
    Ein wirklich glücklich machender Entwurf, anders als das griechische Denken mit Kairos. ;-)

    3 Leserempfehlungen
  7. 8. Eieiei

    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

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