LebenskunstJetzt oder nie!
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Der Kairos ist nur selten eine Lösung

Ein anderes Paar hingegen schwamm in Freude. Sie waren jung, er ungelernter Arbeiter, sie arbeitslos, und nun konnten sie sich ihren Traum erfüllen: heiraten. Dieser Traum hatte klare Konturen, die bis dahin das Budget überschritten hatten, ein Kleid für 200 Euro, eine Party zu Hause und eine neue Schrankwand.

Und doch, sagen die Glücksberater, sind solche Fragen Geplänkel. In ihrem kleinen Raum landen alle Gespräche früher oder später in einer höheren Dimension. Bei den ganz großen Fragen, beim Sinn des Lebens. Dem Fundament für jeden Kairos. Denn die beiden Berater sind davon überzeugt, dass nur diejenigen dem Glück eine glückliche Wendung geben können, die eine passende Antwort finden auf die heikelsten Fragen: Wer bist du? Was macht dich restlos zufrieden? Was sind deine tiefsten Überzeugungen?

Lotto-Geld, sagt Birte Engelken, erlaubt »endlich zu tun, was im Innersten ist«. Was auch bedeutet: Dieses Innerste muss sich plötzlich beweisen, ohne Ausflüchte. Denn Mangel an Geld hilft, sich selbst auszuweichen: Ich würde ja gerne, aber ich kann’s mir nicht erlauben.

Der Gewinn verbaut diesen Weg. Das ist eine ganz hübsch anstrengende Sache, findet Frau Engelken, und irgendwie auch eine freche, »denn wir muten den Menschen ja eine schwierige Aufgabe zu«: zu wissen, wer sie sind, auch wenn sie plötzlich viel mehr sein können als bisher. Aber nur wenn die Gelegenheit zur Seele passt, wird aus ihr eine günstige.

Die Philosophen der Antike konnten noch glauben, dass es objektive Momente des Kairos gibt, die für alle gleich wirken. Diese Hoffnung haben wir im Zeitalter des Individualismus verloren. Neben die Übung und Vorbereitung, die den Trader auszeichnet sowie die Überlebenden von Unfällen, muss also auch Selbsterkenntnis treten, das Gespür für sich selbst, damit der Mensch die wahrhaft richtige Gelegenheit erkennen kann. Eine verteufelt schwierige Angelegenheit.

Natürlich ist es an diesem Punkt unausweichlich, Frau Engelken zu fragen, was sie selbst denn vorhätte, nach zehn Jahren Gewinnerbetreuung, wenn sie das Glück so plötzlich träfe? »Ich würde tun«, sagt sie, »wovor ich alle warne: Ich würde kündigen. Sofort.« Und dann benachteiligten Kindern helfen, mit einer Stiftung vielleicht oder in einem eigenen Kindergarten.

Und auch diese Frage ist obligatorisch: Warum sie dies nicht jetzt schon tue?

Sie überlegt. Dann sagt sie: »Gute Frage.«

Und das ist wahrscheinlich eine gute Antwort, eine sehr gute sogar, weil der Kairos darin eine weitere seiner vielen Facetten offenbart: Er ist nur selten eine Lösung. Immer aber ist er eine Aufforderung, sich selbst zu befragen: Wer bin ich, und welche Gelegenheiten machen mich zu dem, der ich sein will?

Vielleicht passt die Besessenheit vom richtigen Moment, von Blink! und Click, deshalb so gut in unsere Zeit, in der jeder der Antwort auf die Frage nach Identität hinterherhetzt: Wer bin ich, und wer könnte ich sein?

Vor einem Jahrhundert teilten Philosophen wie der christliche Existenzialist Paul Tillich und der Linke Walter Benjamin noch die Hoffnung, mit einem Kairos gleich die ganze Gesellschaft umzukrempeln. Diese Fantasien keimen auch heute noch auf, bei der ersten Wahl von Barack Obama zum Beispiel oder während der »Arabellion« in Nordafrika, aber sogar Revolutionäre fürchten inzwischen die Konsequenzen solcher kollektiven Gelegenheiten, dafür gab es schon zu viele Umstürze mit unschönen Folgen.

Ein kollektiver Kairos setzt zudem voraus, dass sich viele Menschen im gleichen Takt befinden mit ähnlichen Zielen, was nur noch selten der Fall sein dürfte in unserer hoch individualisierten Welt. Gerade der Mangel an kollektiven Gelegenheiten aber mache uns so begierig auf den persönlichen Kairos, sagt der Romanist und Philosoph Hans Ulrich Gumbrecht.

Er knüpft für diese These beim Philosophen Peter Sloterdijk an, der im Dauer-Üben eine Konstante des menschlichen Strebens entdeckt hat. Wir üben, wir trainieren nicht so sehr für die Karriere oder für die Mitwelt, sondern um uns selbst zu transformieren, um uns beständig zu anderen zu machen, auch wenn wir oft nicht wissen, zu welchen.

Der Kairos ist die Bestätigung, dass das Üben genutzt hat. Wie beim Eisbären: Ein erfolgreicher Trade zeigt, dass das Training und die Vorbereitung gefruchtet haben. Es ist ein Spiel, das wir mit uns selbst spielen, aber nur, um das Durcheinander der restlichen Welt zu kompensieren. Das Lauern auf den nächsten Kairos hilft, unser Leben zu strukturieren, und gibt Stabilität, so die optimistische These. Wir erhöhen die Aufmerksamkeit und können uns so besser orientieren.

Man könnte dies als Achtsamkeit bezeichnen.

Und vielleicht erfährt man am besten, wie lebenswichtig diese Achtsamkeit ist, buchstäblich lebenswichtig, wenn man einmal auf die dunkle Seite tritt. Zu jenen, die sich ihren Kairos davon erhoffen, dass sie jede Chance ein für alle Mal vereiteln. Die nicht die gute Gelegenheit suchen, sondern die schlechte.

Leserkommentare
  1. "Nichts, was gerade geschieht,
    ist von der geringsten Wichtigkeit",
    sagt Oscar Wilde und wendet sich
    damit gegen die Inflation historischer
    Momente. Das könnte er auch gegen
    den Glauben an die großen Kairos-Momente
    eingewandt haben. Die kleinen bringen's.

    Jeder Comedian kennt sie, wenn in
    seinem gut vorstrukturierten stand-up
    die Pointen sitzen. Jeder Slalomfahrer,
    der seinen Lauf vorher automatisiert hat.
    Die kleinen Kairos-Momente sind nichts
    anderes als gestaltete Zeit der Zukunft.
    Darauf trainiere ich seit Jahren Unternehmer.
    Vermutlich wird keiner von ihnen den großen
    Kairos-Moment eines Steve Jobs erleben.
    Aber sie werden die Leben ihrer Unternehmen
    besser leben.

    Danke, für den ausgezeichneten Artikel.

    Gabriela Linne

  2. Among the maxims on Lord Naoshige's wall, there was this one: "Matters of great concern should be treated lightly." Master Ittei commented, "Matters of small concern should be treated seriously."

    6 Leserempfehlungen
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    Und dieses Zitat, danke!

  3. Und dieses Zitat, danke!

    Eine Leserempfehlung
  4. der voller inhaltlicher Sprünge zum Nachdenken anregt und vor allem dem Leser mal was zutraut (allein schon aufgrund der Länge).

    Besten Dank und weiter so!

    2 Leserempfehlungen
    • Lobo73
    • 07. Januar 2013 0:18 Uhr

    Lebendig bleiben

    Das Leben ist eine Reihe verpasster Möglichkeiten – es wird mit der Zeit immer absurder. [...]
    Manch einer tut so als sei das Leben ein großes Frühstücksbuffet, als könnte er in aller Gemütlichkeit erst mal einen Kaffee trinken. Er überlegt mit verschlafenen Augen ob er zunächst ein Müsli oder ein Rührei nehmen sollte. Letztlich entscheidet er sich für eine Scheibe Toastbrot, im Glauben er könnten ja bei der nächsten Runde noch das Rührei nehmen.
    Aber er täuscht sich. Das Büffet wird beim nächsten Wimpernschlag längst abgeräumt sein. Und er muss ein Leben lang auf dem Toastbrot herumkauen, bis ihn das große Kotzen kommt. Das Büffet aber bleibt leer. Für immer.

    2 Leserempfehlungen
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    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

  5. 6. schön

    schöner und anregender Artikel, vielen Dank. Interessant, daß man auch mit diesem Ausgangspunkt wieder bei so etwas ähnlichem landet wie "ständiges, hingebungsvolles Üben".

    2 Leserempfehlungen
  6. wird im Zen in jedem Moment erfahren. Es wird keine Wahl getroffen.
    Ein wirklich glücklich machender Entwurf, anders als das griechische Denken mit Kairos. ;-)

    3 Leserempfehlungen
  7. 8. Eieiei

    das klingt ja negativ. Ich wandle ihr Beispiel einmal ab und behaupte, dass ich manchmal ganz bewusst erst nur eine Toastbrotscheibe wähle, auch mit dem Risiko, dass ich danach nichts anderes bekomme. Trotzdem lebe ich mein Leben glücklich weiter, da ich eben gerade nicht meine Zeit damit verplempern will, verpassten Chancen nachzutrauern.
    Von daher ist mir die Zen-Lehre deutlich sympathischer, da entspannter...

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