Lebenskunst : Jetzt oder nie!
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Es ist, "als würden die Menschen irgendwann aufhören mitzuschwingen"

Gaby Dubbert kennt sie. Die renommierte Gutachterin in Strafprozessen hat für ihre Doktorarbeit »erweiterte Selbstmörder« untersucht, wobei der Begriff in die Irre führt: Der Täter erweitert seinen Selbstmord nicht um einen weiteren Suizid, sondern um Mord. Er – meistens ist es ein Er – tötet Angehörige – meistens sind es Angehörige –, bevor er sich selbst tötet. Aber das geschieht niemals spontan, im Affekt, sondern ist immer von langer Hand geplant.

Ein bisschen sind also sogar Selbstmörder wie Übende – nur dass es nicht ihr Ziel ist, erfüllte Augenblicke zu erleben, sondern gar keine mehr. Aber vielleicht erlaubt dieser Unterschied einige Aufschlüsse darüber, was zum gelingenden Moment noch dazugehört außer Übung und Achtsamkeit. Und darüber, was passiert, wenn man immer mehr Gelegenheiten entschwinden lässt auf der Suche nach der einen einzigen endgültigen.

Gaby Dubbert nennt ihre Studien »psychologische Autopsien«, die nachträglich zu entschlüsseln suchen, wie es zur Tat gekommen ist. Und es ist nicht schön, was man mithilfe der Autopsien sieht – als träte man in das Innere der verpassten Gelegenheiten. Wie bei jenem Mann, sehr erfolgreich, sehr reich, den die Überzeugung, dass seine deutlich jüngere Frau nichts als ein Unglück sei für ihn und die beiden Kinder, zu immer härteren Schlägen gegen sie verleitet. Sie wehrt sich vor Gericht, er erhält Annäherungsverbot, es vergehen Monate, dann erschießt er sie vor den Augen eines Kindes. Anschließend zwingt er das Kind nachzusprechen, dass diese Tat notwendig sei, bevor er sich selbst erschießt.

Eine solche Fürchterlichkeit wirft im Einzelnen viele Fragen auf, aber doch finden sich hinter solchen Taten oft ähnliche Muster. Das »präsuizidale Syndrom« beginnt meist Monate, oft Jahre vor der Tat, und man muss es sich als eine schleichende Subtraktion vorstellen. Als würde Stück für Stück das Leben abgezogen werden, als würde immer mehr wegfallen: Der Kontakt zu Nachbarn wird erst vernachlässigt, dann aggressiv, schließlich eingestellt, eine Freundschaft nach der anderen bricht weg, das Leben wird einsam, oft geht die Arbeit verloren, und die Beziehung zu Frau und Kindern wird von Angst und Misstrauen zerfurcht. Manchmal wird die Verengung von Alkohol und Drogen flankiert, aber man darf sich diese Einschränkung, dieses langsame Erlöschen des Lebens, nicht als Verwahrlosung vorstellen, als Absturz. Oft bleibt die Fassade intakt.

Und stets gibt es Warnzeichen, meist artikulieren die späteren Täter ihre Absichten sogar deutlich. Aber diese Signale nimmt im zermürbten Umfeld oft niemand mehr wahr oder ernst. So schrumpft der Horizont der Täter immer weiter, bis er nur noch aus einem einzigen Gedanken besteht, dem einzigen, der noch Klarheit, manchmal auch Erlösung verheißt: das Ende.

Eine Weile lang wird der zukünftige Selbstmörder noch hin- und hergerissen zwischen Lebenswillen und Todeswunsch, aber die »Amplituden«, wie Gaby Dubbert sagt, die Ausschläge, die man Leben nennt, werden immer kleiner.

Es ist, »als würden die Menschen irgendwann aufhören mitzuschwingen«. Und mit diesen Schwingungen verschwinden die Gelegenheiten, die besonderen Momente. Man muss sich dem Leben aussetzen, um mehr als einen Kairos zu erhalten, das ist vielleicht die wichtigste Lehre der Selbstmörder, und wer ihre Geschichten kennt, ahnt, dass diese Voraussetzung alles andere als garantiert ist.

Anruf in Sachen Kairos bei einem Zen-Mönch. Ein bisschen ist es, als würde man in zu dünne Luft steigen: Erleuchtung als ultimative, unerreichbare Gelegenheit. Aber dann sagt der Mönch am Telefon: »Kairos ist immer und überall.«

Er meint es nicht psychologisch, wie die Gedächtnisforscher. Aber wie sonst?

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Über große und kleine Kairos-Momente

"Nichts, was gerade geschieht,
ist von der geringsten Wichtigkeit",
sagt Oscar Wilde und wendet sich
damit gegen die Inflation historischer
Momente. Das könnte er auch gegen
den Glauben an die großen Kairos-Momente
eingewandt haben. Die kleinen bringen's.

Jeder Comedian kennt sie, wenn in
seinem gut vorstrukturierten stand-up
die Pointen sitzen. Jeder Slalomfahrer,
der seinen Lauf vorher automatisiert hat.
Die kleinen Kairos-Momente sind nichts
anderes als gestaltete Zeit der Zukunft.
Darauf trainiere ich seit Jahren Unternehmer.
Vermutlich wird keiner von ihnen den großen
Kairos-Moment eines Steve Jobs erleben.
Aber sie werden die Leben ihrer Unternehmen
besser leben.

Danke, für den ausgezeichneten Artikel.

Gabriela Linne