Im Reihenhaus in Kiel lässt es sich vielleicht herausfinden, modern interpretierter Klinkerbau, verkehrsberuhigte Straße, Kinder spielen im Nieselregen, vor der Tür steht eine japanische Steinlampe. Hier wohnt Hinnerk Syobu Polenski gemeinsam mit seiner Freundin, einer Architektin. In seinem Meditationsraum unter dem Dach, dem Zendo, hängt die Urkunde eines japanischen Meisters, der Polenski die Lehrerlaubnis überträgt. Die besitzen nur wenige Europäer – und unser Mönch ist der Einzige von ihnen, der einen eigenen, europäischen Weg des Zen beschreiten darf.

Neben dem Zendo ein gemütliches Zimmer mit Ledercouch und Billy-Regalen, eine riesenhafte Maine-Coon-Katze schleicht umher, »eine Zen-Katze«, sagt Hinnerk Polenski, selbst ein Hüne, »sehr ruhig ist sie«.

Also: Kairos ist immer?

Nicht so schnell. Erst einmal gießt Polenski einen Tee auf, genauer: Er vollzieht die Teezeremonie, 30 Sekunden die Tassen anwärmen, 30 Sekunden den Tee ziehen lassen mit 80 Grad warmem Wasser, exakt gemessen von einem Thermometer, das so lang ist wie sein Unterarm. Dann trinken bei 30 bis 50 Grad. »Der beste Tee, den ich kenne«, sagt der Mönch. Und: »Tee ist Ausdruck, im absoluten Moment zu sein.« Der Tee macht eine pelzige Zunge.

Dann erklärt Polenski. Der Zen stellt die westliche Vorstellung auf den Kopf. Für uns sind die meisten Momente falsch und die guten Gelegenheiten selten. Im Zen ist jeder Moment günstig, aber wenn wir das nicht erkennen, ist unsere Aufmerksamkeit falsch, nämlich auf das Unwesentliche ausgerichtet. Es gibt keinen Schatten, nur Verblendung: »Die Sonne scheint immer, aber meist sehen wir bloß die Wolken davor.«

Das klingt vermutlich esoterischer, als es gemeint ist, es soll nur das Problem verlagern: von der einen Knappheit (der Momente) zur anderen (der Klarheit des Geistes). Das könnte entspannen. Wenn die Gelegenheit immer günstig ist, dann muss man sich nicht hetzen, dann kann man gelassen auf die nächste zusteuern.

Die Frage für Polenski ist dann auch nicht, wie ich einen Moment erhaschen kann, sondern »wie ich Millionen dieser Momente lebe«. Vielleicht könnte das heißen: wie alles zu einem Moment wird und der Moment zu allem. Oder so ähnlich. Jedenfalls sagt Polenski: »Jeder Moment ist Ewigkeit, und Ewigkeit ist jeder Moment.«

Und allmählich wird klar, dass Polenski das Gegenprogramm entwirft zum Kairologen in unserem Kopf. Wir sollten nicht eine Sensation nach der anderen erfinden, sondern ganz auf die Dauer und die Beharrlichkeit setzen. Denn im Zen gibt es, streng genommen, nur eine einzige Gelegenheit. Aber die immer wieder. Daher lohne sich das Üben, das Meditieren.

Ist das nicht furchtbar langweilig? Nicht, wenn dabei der Moment immer größer wird, sagt Polenski. Denn das Üben ist das allmähliche Erweitern kleinster Erfolge. Am Anfang ist es nur ein Moment der Achtsamkeit während der Meditation. Dann reißen die Wolken kurz auf. Dann wird der Moment gedehnt auf eine Handlung, auf die Teezeremonie zum Beispiel. Viel später dann, wenn die Meisterschaft näher rückt, wird der Moment ins Leben verlängert, in einen Beruf vielleicht, der anderen Menschen dient. Und irgendwann ist der Himmel immer blau. »Kontinuierliche Ausdehnung des Momentes in die Ewigkeit«, sagt Polenski, und es klingt so, als wäre das ganz einfach und logisch.

Der Mönch kocht ein zweites Mal Tee. Erneut: pelzige Zunge.

Polenskis Erkenntnis, die wir mit dem Tee in uns hineinfließen lassen, ist im Grunde dieselbe wie die des Eisbären und der Überlebenden und der Gewinnerbetreuer und vielleicht auch der Liebenden: Wir müssen uns übend vorbereiten auf den Moment, der sich nur zeigt, wenn man sich vorbereitet hat. Und der dann gar kein Moment mehr ist, sondern: das Leben.