LebenskunstJetzt oder nie!

Die Liebe auf den ersten Blick, die einmalige berufliche Chance, der Moment der Erleuchtung – die alten Griechen hatten einen Begriff dafür: Kairos. Die göttliche Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Nur, wie erkennt man sie? Eine Reise zu Menschen, die dem Kairos auf der Spur sind. von Christoph Kucklick

Wie muss die Liebe sein, wenn sie so beginnt?

Er, berühmter Moderator, lädt sie, Schriftstellerin mit Erstling, in seine Show ein, sie sagt erst ab, aus Übermüdung, dann zu, weil sie weiß, dass sie diesem Mann irgendwann begegnen muss und »dass dann etwas zwischen uns passiert«.

Anzeige

Das passiert dann auch, schon das erste Gespräch ist: gewaltig. Live und vor Publikum, aber der sonst so zynische Moderator ist fromm wie ein Novize, es geht um Religion und Philosophie und ums Schreiben – später wird die verdutzte Redaktionsassistentin sagen: »Ihr wart füreinander geboren, das war uns vom ersten Moment an klar.«

Am Ende des Interviews bittet der Moderator, »das mach ich sonst nie«, um eine Widmung, sie schreibt: »Für Ischa, den ich kennenlernen musste«.

Die beiden treffen sich fortan täglich, und wenn sie getrennt sind, ruft er sie stündlich an, sie lachen, bis das Zwerchfell schmerzt. Eine Erschütterung. Am siebten Tag, dem biblischen, besucht sie ihn, er tritt gerade auf die Straße, als sie um die Ecke biegt. Sie schauen einander an, sie sagen nichts. Und dann machen sich beide gleichzeitig in die Hose. Weil alle Dämme brechen, buchstäblich. Ein Moment, größer als jede Scham.

Sie sind einige Jahre lang ein öffentliches Paar, das in den Niederlanden der neunziger Jahre viele verwirrt durch die Heftigkeit ihrer Liebe, und dann stirbt der Mann, Ischa Meijer, an einem Herzinfarkt. Mit dem Körper beginnt diese Geschichte, und mit ihm endet sie.

So beschreibt es Connie Palmen in ihrer bewegenden Erinnerung, und es ist wohl der ungewöhnlichste Auftakt einer Liebe, der je niedergeschrieben wurde, jedenfalls ist er unvergesslich. Weil sich darin der Moment der Verwandlung mit körperlicher Gewalt äußert. Und so, dass man ihn nicht bezweifeln will.

Der eine Moment, die Gelegenheit, die alles verändert.

Kairos. So nannten Philosophen des antiken Griechenlands diesen besonderen Moment, den geglückten, den richtigen, den angemessenen, den lebensverändernden – er hat viele Übersetzungen erhalten und viele Deutungen, und nicht immer war ganz klar: Ist er ein Geschenk, oder erfordert er eine Anstrengung? Kann man ihn anstreben, oder fällt er einem zu?

Kairos

Der Begriff bezeichnet den rechten Zeitpunkt, den man nicht verstreichen lassen darf. Kairos ist das Pendant zu Chronos, der messbaren Zeit, die in gleichbleibendem Tempo verrinnt.

Die Griechen hatten zumindest noch Humor, sie machten aus dem Kairos einen Gott mit Glatze und einem Schopf an der Stirn, den es zu packen galt – oder eben nicht, dann rutschte die Hand über den blanken Schädel ins Nichts einer vertanen Gelegenheit.

Heute tritt Gott Kairos in vielen Verkleidungen auf: als Liebe auf den ersten Blick, als berufliche Chance, die alles verändert, als einschneidendes Erlebnis, das dem Leben eine andere Bahn verleiht. The Song That Changed My Life heißt eine wunderbare Serie im Internet, in der Musiker von dem einen Song berichten, der sie zu dem machte, was sie geworden sind. Bestseller beschreiben den Glanz der Gelegenheit unter knackigen Titeln wie Blink! Die Macht des Moments, Tipping Point oder Click. Der magische Moment in persönlichen Beziehungen.

Stets steckt dahinter die gleiche Sehnsucht: dass man einmal zugreifen und das volle Leben erwischen kann, in diesem günstigen Augenblick, in dem sich das Universum oder Gott oder die Gesellschaft mit dem Ich verbünden. Es ist der eine Moment, von dem an alles anders und alles gut wird.

Leserkommentare

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Philosophie | Antike | Glück
    Service