AufklärungIdeal einer vollkommnen Zeitung

Zeitungen kommen und gehen, der Wunsch nach einem aufklärerischen, lebensnahen Journalismus bleibt. Jede Generation formuliert ihn neu – seit 1784, als Karl Philipp Moritz erstmals eine moderne Zeitung entwarf. von Karl Philipp Moritz

Schon lange habe ich die Idee mit mir herum getragen, ein Blatt für das Volk zu schreiben, das wirklich von dem Volke gelesen würde, und eben dadurch den ausgebreitetsten Nutzen stiftete. Diesen Gedanken, nahm ich mir vor, erst hinlänglich bei mir reif werden zu lassen, ehe ich ihn je zur Ausführung brächte. Seitdem ist aber diese Idee durch verschiedene elende Schmierer so oft gemißbraucht und herabgewürdigt worden, daß ich es manchmal nicht ohne Ärger und Unwillen habe mit ansehen können.

Endlich fiel ich darauf, daß eine einmal eingeführte und gelesene Zeitung vielleicht das beste Vehikel sei, wodurch nützliche Wahrheiten unter das Volk gebracht werden könnten. Dies bewog mich vor einigen Monaten zu dem Entschluß, mit den Herrn Voß und Sohn in Verbindung zu treten, um die hiesige Zeitung, welche in deren Verlage herauskömmt, zu schreiben.

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Seitdem ist mir meine erste Idee immer lebhafter und immer wichtiger geworden, so daß ich mich nicht enthalten konnte, mir zuweilen in reizenden Träumen der Phantasie das Ideal einer vollkommnen Zeitung zu denken, und einige Züge davon zu entwerfen. Mag ich dann dieses Ideal auch nie erreichen, so wird es doch immer das höchste Ziel bleiben, wonach ich strebe, und komme ich ihm jemals nahe, so glaube ich schon dadurch einen der edelsten Zwecke des Schriftstellers erreicht zu haben.

Die Buchdruckerei ist schon irgendwo als ein Bildnis der verbreiteten Kultur angenommen worden, und mir deucht, daß ihr, nicht bloß als Bild, sondern im ganz eigentlichen Verstande, der Ehrenname verbreitete Kultur gebühre.

Karl Philipp Moritz

Moritz (1756–1793) wurde berühmt durch den Roman Anton Reiser (1785/90). Von 1781 an war er Mitarbeiter der Vossischen Zeitung in Berlin, für die schon Lessing geschrieben hatte; 1784 wurde er, auf Empfehlung von Moses Mendelssohn, ihr Redakteur.

Sein Konzept

Neben Nachricht und Kommentar sollen – das ist neu – Porträt und Reportage treten. Moritz will Kritiken und populäre Wissenschaft, will regen Austausch mit den Lesern, will Welterklärung, Selbstverständigung. Und natürlich ein »geschmackvolles« Layout. Moritz’ Konzept blieb Ideal: 1785 bereits verließ er die Vossische wieder. Sie sollte später zu einer der großen deutschen Zeitungen werden – bis die Nazis sie 1934 zerstörten.

Nun ist aber vielleicht unter allem, was gedruckt wird, eine öffentliche Zeitung oder Volksblatt, aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet, bei weitem das wichtigste. Sie ist der Mund, wodurch zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die Paläste der Großen, als in die Hütten der Niedrigen dringen kann. Sie könnte das unbestechliche Tribunal sein, wo Tugend und Laster unparteiisch geprüft, edle Handlungen der Mäßigkeit, Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit gepriesen, und Unterdrückung, Bosheit, Ungerechtigkeit, Weichlichkeit und Üppigkeit mit Verachtung und Schande gebrandmarkt würden.

Sie sollte die Werke des Geschmacks in der Baukunst, Musik, Malerei, Schauspiele u. s. w. vor ihren unparteiischen Richterstuhl ziehen, und sie vorzüglich in Rücksicht ihres Einflusses auf die Bildung und den Charakter der Nation, und nicht bloß als Gegenstände der Belustigung betrachten.

Aus dem ungeheuren Umfange der Wissenschaften sollte sie dasjenige herausheben, was nicht bloß den Gelehrten, oder gar nur eine besondere Klasse der Gelehrten, sondern die ganze Menschheit interessiert. Was nicht bloß hinzugetragene Materialien zu dem großen Gebäude irgend einer Wissenschaft, sondern etwas Vollendetes, von Schlacken gesäubertes, und durch den echten Stempel der Wahrheit ausgeprägtes Gold ist, das nun unter dem Volke, unbeschadet der Ruhe und Glückseligkeit desselben, in wohltätigen Umlauf kommen kann.

Sie sollte in alle Fugen der menschlichen Verbindungen einzudringen, und aufzudecken suchen, was in jedem Zweige derselben Lobens- oder Tadelnswertes, Verachtungs- oder Nachahmungswürdiges sei. Ihr sollte kein Gewerbe, kein Stand, selbst der Stand des verachteten und größtenteils unterdrückten und tyrannisch behandelten Lehrburschen des gemeinen Handwerkers nicht unwichtig sein.

Weder die Privaterziehung noch die öffentliche in den Schulen und die Belehrung der Erwachsenen in den Kirchen müßte ihrem spähenden Blick entgehen. Sie müßte die Mängel derselben rügen, wo sie nur irgend dürfte und könnte. Und hingegen jede Nachricht auch von der kleinsten Verbesserung in dieser für die Menschheit so wichtigen Angelegenheit sorgfältig zu verbreiten suchen.

Eltern, Erzieher, Menschen, die in einer Stadt zusammen oder entfernt leben, könnten sich einander ihre wichtigsten Vorschläge und Entdeckungen mitteilen, und sich durch die Zeitung miteinander über die angelegentlichsten Dinge besprechen.

Jede nützliche Erfindung, sie sei so klein sie wolle, müßte ein Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit werden, um den guten Kopf zu neuen Entdeckungen aufzumuntern, um den erfindrischen Fleiß, ein Eigentum der Deutschen, aufs neue zu beleben.

Die öffentliche Handhabung der Gerechtigkeit, wobei uns erlaubt ist, Zuschauer zu sein, müßte einen reichen Stoff zu wichtigen Beobachtungen hergeben. Und würde gewiß, gehörig bearbeitet, einen sehr interessanten Artikel in einer Zeitung für das Volk ausmachen.

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