Abschied260 Tage

Als Sanne auf die Welt kommt, ist sie unheilbar krank, sie hat furchtbare Schmerzen. Ihre Eltern wollen, dass sie stirbt. Chronik eines Abschieds. von Erwin Koch

Die Frau sitzt in der Küche, ein Puzzle vor sich aus tausend Teilen, daneben ein Stift, ein Blatt Papier, sie schaut auf die Uhr an ihrem Arm.

Mach vorwärts, Sanne!

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Immer häufiger greift sie zum Stift und zeichnet kleine Kreuze aufs Papier, ein Kreuz für leichten Schmerz, zwei Kreuze für mittleren, drei für großen.

Sanne!

Der Name klingt wie Wind und Wolken, auf Bäume wird das Mädchen klettern, laut und wild, ihr Bettchen, frisch gemacht, ist apfelgrün, Sanne, auch dein Wickeltisch nebenan, der Schrank, fast dein ganzes Zimmer, apfelgrün.

Drei Kreuze.

Jetzt weckt die Frau den Mann, Dordsestraat 33, zweiter Stock.

Johan, es ist so weit.

Mitten in der Nacht!, sagt der Mann, seit Tagen fiebrig.

Die Hebamme bringt eine Gehilfin mit, Linda legt sich auf ihr Bett, sie schreit und presst, Johan hält ihre Hand. 4.47 Uhr: Sanne: dunkle Augen, Sommersprossen im Gesicht, 20. Januar, ein Samstag.

Die Hebamme, das Mädchen im Arm, dreht sich weg.

Was ist?, fragt Linda.

Was ist?

Kann sein, dass mit den Beinen etwas nicht ganz stimmt, sagt die Hebamme mit tiefer Stimme.

Mit den Beinen?

Mit der Haut an den Beinen.

Mit der Haut?, fragt Linda.

Sannes Beine sind so rot.

Die Gehilfin legt das Kind auf ein weiches, warmes Tuch und deckt es zu, Sanne weint nicht: 2450 Gramm, fünfzig Zentimeter, Tag 1.

Kurz vor sechs fährt der Krankenwagen vor, Linda legt sich auf die Bahre, die Hebamme trägt das Kind zu Johans Auto.

Die Beine, sagt Johan, sehen aus wie verbrannt.

Die Hebamme schweigt. 

Bleich liegt Linda M. im Scheper Ziekenhuis, Zimmer 4.66, Johan setzt sich neben die Frau und streichelt sie.

Wie geht es ihr?, fragt sie.

Sannes Beine.

Was ist mit ihnen?

Wie verbrannt.

Jetzt leuchtet an der Wand ein Bildschirm auf, Sanne, in weißes Tuch geschlagen, liegt am anderen Ende des Hauses in einem kleinen Bett, die Augen weit, ihre Hände geballt.

Ein schönes Kind, sagt Linda.

Findest du nicht?, fragt sie. 

Zwei Ursachen sind möglich, sagt ein Arzt, entweder ist die Haut Ihres Kindes nicht fertig ausgebildet, oder aber, und das ist eher unwahrscheinlich, Sanne leidet an einer Erbkrankheit, EB genannt. So oder so, sagt der Arzt, wir schlagen vor, Sanne in die Universitätskinderklinik in Groningen zu bringen, dort sind die Experten, wenn nötig, im Fach der Hauttransplantation.

Hauttransplantation!

Vielleicht, flüstert eine Pflegerin, hat sie nur Klumpfüße.

Klumpfüße kann man operieren, nicht wahr, Johan?

Der Mann, lang und hager, wandert durch die Gänge des Krankenhauses, hinüber zu Sanne, jetzt sind auch ihre Arme rot.

Dann stehen Lindas Eltern im Zimmer 4.66 und versuchen zu lächeln, Mama, Papa, zehn Geschenke tragen sie ans Bett ihrer Tochter, zehn Geschenke für die ersten zehn Tage der Enkelin, jedes in glänzendem Papier.

Pack eins aus, sagt der Vater.

Zwei kleine gelbe hölzerne Schuhe.

Klumpfüße!

Linda schluckt und heult.

Pack noch eins aus, sagt die Mutter, jetzt erst recht. 

Um elf fährt Johan nach Hause, Dordsestraat 33, in seiner Bäckerei hängen, eine Überraschung der Angestellten, rosa Ballons, Kunden reichen dem Mann die Hand, Glückwunsch, Johan!, Glückwunsch an Linda!, wie schwer?, wie groß?

Johan dreht sich um und fährt zurück ins Krankenhaus, Boermarkeweg 60, wieder eilt er durch die Gänge, zuerst zu Sanne, die jetzt schläft, dann zu Linda. Im Rollstuhl fährt er sie hinüber zum Kind, Sannes Beine, Sannes Arme stecken in weißen Binden, man habe, sagt die Pflegerin, der Tochter ein Mittel gegeben.

Wozu? Wogegen?

Darf ich sie streicheln?, fragt Linda.

Leserkommentare
  1. sind mir beim Lesen ständig heruntergelaufen.
    Eine unvorstellbare Tragödie, die uns an den Rand unserer "menschlichen" Moral und Ethik drängt.
    Ist es nicht ein Unding, dass wir Tieren einen würdevollen Tod gewähren, Menschen aber unter Einsatz von Medikamenten und Maschinen künstlich am Leben gehalten und somit ihr Leiden nur verlängert wird?

    Die Eltern erlebten täglich wie ihre Tochter leidet, weint, schreit und auch wenn es immer mal wieder einen Glücksmoment gab, wussten sie doch, dass dieser nur von kurzer Dauer war. So ein Auf und Ab der Gefühle, muss eine unglaubliche emotionale Belastung für alle Beteiligten sein.

    Leider ist die Euthanasie durch den Nationalsozialismus und "christliche Werte" so negativ besetzt worden, dass sie wohl eines der großen Themen bleibt, über das kaum bis gar nicht offen diskutiert wird in unserer Gesellschaft. Auch die Eltern hatten immer Angst vor den Reaktionen ihrer Mitbürger. Man wird nunmal schnell abgestempelt.

    Letztendlich möchte ich den Angehörigen mein tiefstes Mitgefühl aussprechen und hoffe, dass das apfelgrüne Zimmer unter dem Dach irgendwann einmal wieder von einem kleinen Fratzen bewohnt wird, sollten die Wunden in ihren Herzen jemals heilen.

    3 Leserempfehlungen
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    • edwinNL
    • 28. Dezember 2012 10:55 Uhr

    Glucklich sind spater 2 gesunde Sohne in das apfelgrune Zimmer gebohren...
    Danke fur das schone kommentar.
    Grusse aus Holland

    • edwinNL
    • 28. Dezember 2012 10:55 Uhr

    Glucklich sind spater 2 gesunde Sohne in das apfelgrune Zimmer gebohren...
    Danke fur das schone kommentar.
    Grusse aus Holland

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Tränen"
  2. Selten hat mich ein Bericht so berührt.
    Ich wünsch dem Paar mit ihren später geborenen Kindern alles Glück dieser Welt.

    2 Leserempfehlungen
    • Rabe72
    • 29. Dezember 2012 21:11 Uhr

    Ich halte mich für einigermassen hartgesotten in solchen Dingen, aber hier musste ich beim Lesen zeitweise Pausen einlegen, um zu weinen. Als Vater von gesunden Kindern ist das der Albtraum schlechthin, selbst wenn es objektiv gesehen sogar noch schlimmer kommen könnte. Aber man soll und kann grosses Leid nicht mit anderem grossen Leid vergleichen. Ich wünsche der Familie alles Gute!

  3. Hab den Artikel auf Papier gelesen und war ähnlich aufgewühlt wie meine Vorschreiber. Jetzt bin ich froh zu wissen, dass Sanne zwei gesunde Kinder gefolgt sind!

    Eine Leserempfehlung
    • MattesG
    • 01. Januar 2013 19:42 Uhr
    6. Sanne

    Ich trage dich ab heute in meinem Herzen, liebe, arme Sanne. Ich danke auch Erwin Koch, nur der kann so schreiben

  4. Vielen Dank fuer diesen aufwuehlenden Bericht. Ich habe letztes Jahr meine Tochter auf die Welt gebracht und kann mir nur ansatzweise vorstellen, welches Leid die Familie erlebt hat. Ich wuensche Ihnen alles Gute und bin froh, dass die Gesetzeslage angepasst wurde.

    Eine Frage an Herr Koch und die Redaktion: Glueckwunsch zu diesem Artikel. Was hat sie bewogen, dies zu schreiben bzw. Zu veroeffentlichen? Es ist eine journalistische Perle. Ich wuerde gerne mehr ueber die Bewegggruende und Hintergruende des Artikels erfahren, falls moeglich.

    Vielen Dank im Voraus.

    Eine Leserempfehlung
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    • edwinNL
    • 04. Januar 2013 10:01 Uhr

    Herrn Koch hat schon in 2005 uber dies geschrieben und dafur eine literaturpreis bekommen. Voriges Jahr haben wir als Eltern mit Ihm gesprochen weil wir die Diskussion anhangig machen willen. Vor erst in die Niederlande aber das Thema ist international aufgenommen.
    Verzeih mir mein schlechts Deutsch.

    Grusse aus Holland

    • edwinNL
    • 04. Januar 2013 10:01 Uhr

    Herrn Koch hat schon in 2005 uber dies geschrieben und dafur eine literaturpreis bekommen. Voriges Jahr haben wir als Eltern mit Ihm gesprochen weil wir die Diskussion anhangig machen willen. Vor erst in die Niederlande aber das Thema ist international aufgenommen.
    Verzeih mir mein schlechts Deutsch.

    Grusse aus Holland

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    Antwort auf "Liebe Familie"
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    ViElen Dank fuer Ihre Antwort!
    Ihr Wunsch hat hier schon gefruchtet: Ich habe mich bereits ausfuerlich ueber die EB-Betroffenen hier in der Schweiz eingelesen. Vorher wusste ich nichts ueber die Krankheit und war mir der Problematik von Sterbehilfe fuer todkranke Kinder nicht bewusst.
    Alles Gute fuer Sie und Ihre Familie.
    (Und Ihr Deutsch ist prima, viel besser als mein Hollaendisch.)

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