Als der Komponist Arvo Pärt für immer die Sowjetunion verließ, 1980, befahlen ihm die Grenzer in Brest, sein Gepäck zu öffnen und, als sie darin Noten und Tonträger fanden, etwas hören zu lassen. Auf seinem Reiseplattenspieler führte er Cantus in Memory of Benjamin Britten vor, aufgenommen vom BBC Symphony Orchestra, eine Streicherstudie in a-Moll, wirklich nichts als a-Moll, wenige Linien in unterschiedlichen Tempi übereinander, sich abwärts bewegend. Einfach, aber nicht simpel, rätselhaft, aber klar. Die Beamten sollen dann gelächelt haben, sowjetische Polizisten! Seine Frau bemerkte ergriffen: »Ich sah, wie die Macht der Musik Menschen verändert.«

Das sagte sie allerdings Jahrzehnte später, als für unzählige Hörer ohnehin kein Zweifel mehr an der Wirkungsmacht von Pärts Musik bestand. Als er vom estnischen Outsider längst zur Heilsgestalt westlicher Seelensucher geworden war. Die einst konsequente Reduktion in seiner Musik hatte sich derweil aufgelöst in einen so umstrittenen wie unverwechselbaren Mix von Gregorianik bis Romantik, der zu den meistverkauften Hervorbringungen zeitgenössischer Musik jenseits des Pop gehört. Falls es nicht doch Pop ist, aber was sollte daran schlimm sein? Vielleicht lassen sich an Pärt die Kriterien beider Lager zusammenführen, zu denen seine Hörer ohnehin zählen.

»Tabula rasa« ist fast noch langweiliger als Mozarts »Kleine Nachtmusik«

Gerade ist wieder eine von diesen überwältigend cool designten ECM-Platten herausgekommen, Adam’s Lament. Der Text der titelgebenden Komposition stammt, wie wir respektvoll lesen, von einem geheiligten Mönch vom Berge Athos, und bei der Uraufführung in Istanbul vor zwei Jahren regnete es, »als fielen Adams Tränen vom Himmel, um die Stadt zu überfluten«. Wer Musik im Booklettext so inszeniert, setzt auf Kult, auf den Komponisten als Medium zwischen Natur und Transzendenz. Tatsächlich geht Pärt den Mythos Adam geradezu kinoreif an. Über abgründigem Bassgrummeln und schweren punktierten Rhythmen erheben sich die Chorstimmen.

Und die zuerst archaisch oder ostkirchlich anmutenden Intervalle im Unisono münden bald in sattes D-Dur – mit jenem Schritt über die Subdominante, dem »Kirchenschluss«, mit dem schon deutsche Romantiker gern die Aura des »Alten« beschworen. Von da geht es recht spätmozartisch (wenn auch wie von Furtwängler dirigiert) über einen F-Dur-Septakkord nach B-Dur. Die lästige kleine Analyse ist angebracht, da Pärt von den »objektiven akustischen Regeln« der Musik gern so spricht, als setze sich seine musikalische Sprache nicht (auch) aus Stilen unterschiedlichster Epochen und Kulturen zusammen.

Mit seinem religiös motivierten Collagewerk Credo machte er sich 1968 im offiziellen sowjetischen Musikbetrieb unbeliebt. Sein folgendes Verstummen wird gern als Zeit der Läuterung gesehen, nach der dann die Glöckchen läuten, die tintinnabuli seiner Dreiklänge, strukturiert durch mittelalterliche Techniken. Er macht reinen Tisch, Tabula rasa, wie das Titelwerk der legendären CD heißt, die 1984 den Durchbruch im Westen brachte. Man kann das für die langweiligste Instrumentalmusik seit Mozarts Kleiner Nachtmusik halten (deren Materialreduktion freilich ein Spiel der Intelligenz war, keine Bußübung), aber wie sein Cantus für Britten war sie von radikaler Konsequenz.

Die neue CD stützt dagegen den Eindruck, Pärt habe »seinen Polystilismus aus Barock, Klassik, Romantik, Moderne zum gregorianischen Monostilismus homogenisiert«, wie der Musikkritiker Rainer Nonnenmann befand. Für Homogenität sorgt schon der Endlos-Hall der Kirche in Tallinn, den die estnischen und lettischen Musiker unter der Leitung von Tõnu Kaljuste gar nicht nötig haben. Für die sakrale Aura um die heimischen Boxen und die ECM-Kollektion wird er gebraucht. Wobei die Gregorianik diesmal nur am Rande vorkommt, etwa zu Beginn von Statuit ei Dominus, ehe mit Paukendonner und Streicherhieben durch eine Wand aus Chorgesang der alte Carl Orff aus seinem Sarg zu steigen scheint.