KunstmarktSchluss mit dem Anlagewahn!

Auktionshäuser feierten 2012 neue Rekorde. Doch wie erging es den Galerien und Künstlern? Ein Gespräch mit Klaus Gerrit Friese von 

Auch die Galeristen haben ihren Vorsitzenden: Klaus Gerrit Friese, Jahrgang 1958, steht seit 2007 dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e. V. vor. Friese selbst zeigt in seiner Stuttgarter Galerie unter anderem die Kunst von Dieter Krieg, Tatjana Doll und Karin Kneffel. Ein Gespräch über die Situation seines Berufsstands

ZEIT: Im vergangenen Jahr lief es für die internationalen Auktionshäuser bombastisch. In New York und London wurde auf Auktionen für zeitgenössische Kunst so viel Geld wie noch nie ausgegeben. Wie erging es den deutschen Galerien?

Klaus Gerrit Friese: Es gibt für die Gesamtheit der deutschen Galerien keine verlässlichen Zahlen, aber nach dem Einbruch 2008/09 haben sie in den vergangenen Jahren wieder gut Kunst verkauft. Der deutsche Kunstmarkt kann sich mit den Preisrekorden auf dem internationalen Parkett allerdings nicht wirklich messen.

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ZEIT: Was war der Trend im Jahr 2012?

Friese: Die als gesichert angesehene Kunst verkauft sich sehr viel besser als die neue Kunst, die von den Galerien auf den Markt gebracht wird. Das ist ein Trend, der sich im kommenden Jahr womöglich noch verstärken wird. Und früher konnte man auf dem Kunstmarkt mit niemandem reden, ohne in einen kritischen Diskurs über Inhalte eintreten zu müssen. Heute geht es in den Gesprächen fast nur noch um die rein ökonomisierte Werthaltigkeit der Kunst. Es hat sich ein Anlagewahn breitgemacht.

ZEIT: Die Sammler wollen beim Kauf wissen, welche finanzielle Rendite die Kunst abwirft?

Friese: Ja, aber das kann man ihnen natürlich nicht sagen. Der Wert der zeitgenössischen Kunst entwickelt sich meist in einer Art Schaukelbewegung. Bei diesem Schaukeln wird manchmal auch Kunst, die noch vor Kurzem viel wert war, einfach versenkt. Wenn man nicht eine gewisse Liebe zur jungen Kunst entwickelt, wenn man sie nur aus Anlagemotiven kaufen will, dann ist das ein Fehler.

ZEIT: Auch wenn es keine verlässlichen Zahlen gibt: Wie geht es den Galerien wirtschaftlich?

Friese: In Berlin machen von etwa 400 Galerien nur 200 mehr als 50.000 Euro Umsatz im Jahr. Umsatz, nicht Gewinn! In ganz Deutschland machen von den etwa 1.000 seriös arbeitenden Galerien nur sechzig einen Umsatz von mehr als einer Million Euro. Die Welt der Galeristen ist extrem gespreizt. Vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der Galeristen verdienen gutes Geld. Der Rest lebt von niedrigen Gehältern oder befindet sich finanziell in ähnlich prekären Verhältnissen wie die allermeisten Künstler.

ZEIT: Wie viel verdienen denn die Künstler?

Friese: Die 40.000 bei der Künstlersozialkasse gemeldeten Künstler verdienen im Durchschnitt 11.000 Euro im Jahr. Ich schätze, dass fünfzig bis sechzig Prozent der Galeristen genauso wenig verdienen. Das entspricht natürlich nicht der öffentlichen Wahrnehmung, wo es meist nur um die Spitzenpreise für Bilder von Gerhard Richter geht. Wir haben ziemliche Desaster in den letzten Jahren erlebt, es gibt Galeristen, die sich auch nach Jahrzehnten keine Gehalt auszahlen können. Das ist nicht individuelles Versagen, sondern die alltägliche Lage jener, die die Vermittlung und Entdeckung junger Kunst zu ihrem Beruf gemacht haben.

ZEIT: Müssen die Kunstwerke teurer werden?

Friese: Im Gegenteil. Die jungen Künstler orientieren sich heute nur noch an den Spitzenpreisen, da verlangt ein Akademieabsolvent 10.000 Euro für eine Zeichnung. Aber wer kann sich solche Preise leisten? Die junge Kunst muss günstiger werden, damit die Zahl der Sammler wächst.

ZEIT: Aber es gibt doch immer wieder junge Künstler, die große Karrieren machen und hohe Preise erzielen?

Leserkommentare
  1. Die Galeristen verhalten sich gegenüber suchenden Künstlern meist sehr abweisend und überheblich. Könnte dies vielleicht zum negativen Image der Galerien beigetragen haben? Künstler sprechen auch über Galerien. Künstler kennen auch andere Menschen. Meinungen verbreiten sich sehr schnell. Galerien sind meist gut für Künstler und Sammler. Das merkt man aber oft nicht, da die Überheblichkeit aller Beteiligten an der Tagesordnung ist.

    2 Leserempfehlungen
    • Mari o
    • 04. Januar 2013 23:10 Uhr

    in den Siebzigern mussteste so tun als wärste ein Ami.
    dann wurden die Gallerysten sofort devot
    Wenn der Betrug dann auffiel,war das Benehmen
    als überheblich zu bezeichnen noch untertrieben.
    man wurde unsichtbar.Luft.stand im Dunkeln.irgendwo im Nirgendwo.
    Falls die ZEIT mal ein Dossier bringen wollte:Titel:Der Kunstbetrieb aus der Sicht eines an ihm gescheiterten,oder so
    ähnlich.Einfach melden

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