Wieder ist es eine Französin, die den besten Krimi des Jahres geschrieben hat. 2011 war es Dominique Manotti, diesmal führt Fred Vargas mit Die Nacht des Zorns die KrimiZEIT-Bestenliste des Jahres 2012 an (vollständig unter www.zeit.de). Unverkennbar, betörend ihr Sound des Verwegenen und Fantastischen. Spielend mit Mythen und Märchen, stromernd durch Antike, Mittelalter und Moderne, ist Fred Vargas Europas reichste Stimme im Weltkonzert der Kriminalliteratur.

Aus Louisiana, der allerfranzösischsten Ecke der USA, kommt Sara Grans amerikanisches Gegenstück. Mit Die Stadt der Toten, Detektiv-Mythos und Sozialreportage aus dem Katrina-verwüsteten New Orleans gleichermaßen, gelingt ihr, auch darin Vargas’ Polizistenfiguren vergleichbar, die Wiederbelebung des guten alten Detektivs als halluzinierender, kiffender Frau. Funken aus doppelbödigem Erzählen schlägt ebenfalls Merle Kröger in Grenzfall. Auch sie trägt härteste Realität (des Totschlags von Roma-Immigranten) und Kriminalmärchen zusammen, lässt holsteinische Wanderkinobetreiberinnen, schwule Reporter und Bollywoodstars die mörderische Welt ein bisschen verbessern. Überhaupt geht den fantastischen Damen Vargas, Gran und Kröger alle genrehafte Verbissenheit ab.

Scharf, unbestechlich und männlich-melancholisch ist Tabor Südens Blick in die düsteren Einzelzimmer der Verlorenen und Vergessenen. Unglaublich, wie es seinem Erfinder Friedrich Ani gelingt, aus dem schlichten Detektiv-Alltag der Suche nach vermissten Personen immer wieder neu, fesselnd und irritierend vorzudringen ins heimliche Leben, in die Heillosigkeit unserer staatsversorgten Gesellschaft. Selbst im konventionelleren Schattenstill der Irin Tana French scheitert der Ermittler am Widerspruch zwischen Regeln und Unregulierbarkeit. Ermittlerfiguren, so das Fazit des Jahres, entstehen aus der Konfrontation mit der Wirklichkeit neu, oder sie enden wie die meisten Tatort-Kommissare: als Zombies der Zerstreuungsmaschinerie.

Kriminalliteratur als Sondierung im Unbekannten, Dunklen – besser, albtraumhafter kaum vorstellbar als in den Romanen von Helon Habila und Donald Ray Pollock. Allegorien aufs Existenzielle sind das, gewonnen aus und geschärft in realen Kämpfen ums Überleben, Literatur von Davongekommenen und vom Davonkommen ist das: Öl auf Wasser aus der Ölpest des Nigerdeltas, Das Handwerk des Teufels aus der Abteilung Gottlosigkeit des Bible Belt. Diese Romane sind kraftstrotzende, zupackende Literatur, glückhafte wie erschütternd traurige. Nüchtern, hart, klug konstruiert und doch nicht weniger scharf die (Polit-)Thriller von Peter Temple, Mike Nicol und Robert Littell: abenteuerliche, geistschärfende Reisen ins schattige Herz der Finsternis auch sie.

Das Ärgernis: Über alle diese hervorragenden Bücher wurde nicht mal ein Zehntel so viel geredet und geschrieben wie über den banalen, schnell als Marketing-Fake durchschauten Schwedenkrimi von Thomas Steinfeld und Martin Winkler. Tratschgrund war das Missverständnis, Steinfeld habe per Krimi einen prominenten Feuilletonisten gemeuchelt. Dabei kommt es doch von jeher darauf an, Mord aus der Wirklichkeit in die Kunst zu holen.