Martenstein"Ich bin durchaus ein Anhänger der Ressourcenschonung"

Harald Martenstein über wahnsinnige Stromrechnungen von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Ich habe meine Stromrechnung angeschaut. Auf der Stromrechnung steht, dass ich eine »§19 StromNEV-Umlage« zahlen muss. Sie steigt am 1. Januar von 0,151 Cent je Kilowattstunde auf 0,329 Cent. Mit anderen Worten, sie verdoppeln die. Mit der Umlage wird die » Befreiung stromintensiver Unternehmen von Netzentgelten « finanziert. Ich habe mich gefragt, warum sie die Netzentgelte nicht einfach senken, für diese Unternehmen, und das nötige Geld von den Steuern nehmen, die ich sowieso bezahle. Wenn sie damit nicht hinkommen, könnten sie irgendeine Steuer erhöhen, die es schon gibt. Das passiert eh dauernd.

Offenbar zahle ich ebenfalls etwas, das sie »KWK-G-Umlage« nennen. Die KWK-G-Umlage steigt am 1. Januar von 0,002 auf 0,126 Cent. Das ist reichlich. Sie fördern damit die »ressourcenschonende gleichzeitige Erzeugung von Strom und Wärme«, also, das kriegen auch die Stromerzeuger. Ich bin durchaus ein Anhänger der Ressourcenschonung. Natur, Öko, Erzeugung, immer gern. Aber wenn sie schon die §19 StromNEV-Umlage haben, warum schlagen sie dann nicht in Gottes Namen 0,126 Cent auf ihre §19 StromNEV-Umlage drauf? Muss es dann noch extra die KWK-G-Umlage geben?

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Als ich tiefer in die Materie eingestiegen bin, habe ich die EEG-Umlage entdeckt. Sie steigt am 1. Januar von 3,592 Cent auf 5,227 Cent . Wieso eigentlich nicht auf 5,23 Cent? Das ist doch einfacher zu rechnen als 5,227. Auf die 0,003 Cent kommt es doch auch nicht mehr an. Mit der EEG-Umlage wird die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien gefördert, aber nur, sofern die erneuerbaren Energien nicht zufällig Wärme erzeugen. Eine erneuerbare Energie, die nebenbei auch Wärme erzeugt, ist ein Fall für die KWK-G-Umlage.

Als ich dann die Offshore-Haftungsumlage entdeckt habe, bin ich ausgeflippt. Die Offshore-Haftungsumlage wird am 1. Januar neu eingeführt, es sind 0,25 Cent. Sie soll »Risiken der Anbindung von Offshore-Windparks an das Stromnetz« absichern. Aber Wind, in drei Teufels Namen, ist doch eine erneuerbare Energie! Erneuerbarer geht es doch überhaupt nicht! Wenn man die EEG-Umlage hat, zur Förderung von erneuerbaren Energien, und die KWK-G-Umlage, auch zur Förderung dieser Sache, und die §19 StromNEV-Umlage, zur Förderung von Unternehmen, die ein Risiko eingehen, ohne Risiko geht ja im Leben fast gar nichts, warum denn dann noch eine Spezial-Risiko-Öko-Windsteuer? Ich habe nichts gegen die 0,25 Cent, meinetwegen, nehmt, nehmt, nehmt, aber warum noch eine Steuer? Und warum wird eigentlich die Zündholzsteuer nicht endlich wieder eingeführt? Die konnte man wenigstens gut aussprechen. Das Zündholz erzeugt ebenfalls nebenbei Wärme, und wenn Wind ist, geht es aus, zumindest das Risiko besteht.

Schließlich habe ich entdeckt, dass sie, neben der Umsatzsteuer und der Konzessionsabgabe, was immer das sein mag, auch noch 2,05 Cent Stromsteuer erheben. Es gibt eine Stromsteuer! Schon immer! Man hätte das alles, als geistig normaler Mensch, mit der Stromsteuer regeln können. Zurzeit lese ich zufällig wieder einmal Sigmund Freud . Dieses Land befindet sich in der Hand von Fetischisten. Es gibt Leute, die Strapse tragen und einander auspeitschen, das finde ich tausendmal nachvollziehbarer, als sich in überheizten Büros sabbernd diese Steuern auszudenken. Ich zitiere aus der Literatur: »Jeder Gegenstand kann zum Fetisch werden. Es werden eigene Begrifflichkeiten für spezielle Fetische entwickelt. Mehrfach-Fetische sind nicht ungewöhnlich.«

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Leserkommentare
    • mangolo
    • 27. Dezember 2012 13:15 Uhr

    Lustig und einfallsreich ist ja auch, dass die Stromsteuer dann ganz am Ende noch mit 19 % Umsatzsteuer belegt wird - also: eine besteuerte Steuer...

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    • rugall
    • 28. Dezember 2012 10:51 Uhr

    Lieber Herr Martenstein, Sie sprechen mir aus der Seele. Was wir dringend bräuchten, wäre eine breite gesellschaftliche Bewegung unter dem Motto "Simplify your state".

  1. Der Katalog des Wahnsinns ist nicht vollständig. Bevor all die Steuern und Abgaben dem Stromkunden auf die Rechnung geschrieben werden, schlägt der Finanzminister noch einmal großzügig und ohne Bedauern die Mehrwertsteuer drauf. Selbstverständlich auch auf die Stromsteuer. Man gönnt sich doch sonst nichts.

    Aber wer schon bei der Offshore-Haftungsumlage ausflippt, ist offensichtlich für eine zusätzliche Mehrwertsteuer nicht belastbar genug und möchte sie auch den Lesern vorsichtshalber nicht zumuten.

    Trost kommt allein aus der Ressourcenschonung, für die eine Offshore-Windkraftanlage als besonders gelungenes Beispiel gelten kann. Mit Gründung, Turm, Gondel, Nabe, Rotor bringt sie es auf weit über 1000 Tonnen Stahl, Kupfer, Aluminium, GFK, Betriebsstoffe.

    Und wieviele Haushalte versorgt dieser Ressourcenschoner nun verläßlich mit Strom? Genau. Keinen einzigen. Es ist der helle Wahnsinn.

    2 Leserempfehlungen
    • Rychard
    • 27. Dezember 2012 20:10 Uhr

    sich aus dem Glauben, die geilste Lösung ist einfach die Verantwortung für Konsequenzen zu verschenken. Mehr missionarische Stellen für fiskalische Aufklärung in Amtsstuben könnten das Aus der noch unbewussten Frei-Kapital-Kultur bedeuten ..

    • rugall
    • 28. Dezember 2012 10:51 Uhr

    Lieber Herr Martenstein, Sie sprechen mir aus der Seele. Was wir dringend bräuchten, wäre eine breite gesellschaftliche Bewegung unter dem Motto "Simplify your state".

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    Antwort auf "S - teuer"
  2. Dass Herr Martenstein von Rationalität, Nachhaltigkeit und Verantwortung nichts hält und stattdessen verantwortungslose "Freiheit" und "Hedonismus" auf Kosten anderer propagiert, fällt mir schon länger auf. Deshalb versteht er auch nicht, dass Steuern nicht zweckgebunden sein dürfen, während dies bei Abgaben der Fall ist. Daher muss es auch die unterschiedlichen Abgaben geben. Dass diese dem Kunden aufgeschlüsselt werden, nennt man Transparenz. Woher er weiß, dass die Beamten dabei sabbernd in beheizten Büros sitzen, erschließt sich mir nicht. Wahrscheinlich musste er an seinen letzten Aufenthalt im SM-Club denken, wo dies sicher häufiger der Fall ist. Da kann er sich gerne in Strapsen auspeitschen lassen, so lange ich nicht die Konsequenzen mittragen muss.

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    • evalena
    • 28. Dezember 2012 12:23 Uhr

    Na, was für ein Glück, dass wir noch rational, nachhaltig und verantwortunsvoll agierende Menschen in diesem Land haben, die Freidenker in ihre Schranken weisen. Unsere Welt, und damit all ihre Beamten, wäre dem Untergang geweiht, wenn die Leute so denken würden wie dereinst J.W. von Goethe "Frei will ich sein im Denken und im Dichten. Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein."
    Johann Wolfgang von Goethe, 749-1832, aus: Tasso

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    die Konsequen selber tragen. Und Ihr Handeln darf nicht auf Kosten anderer gehen.

    Beim Dichten gibt's schon Grenzen, Stichwort z.B. Aufruf zum Rassenhass, Nazi-Bands können Ihnen das bestätigen.

    Auf Kosten anderer (Generationen) zu handeln hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern mit Egoismus. Auch das 'sich selbst schädigen' und von den anderen (mit)bezahlen lassen, fällt unter diese Kategorie.

  3. die Konsequen selber tragen. Und Ihr Handeln darf nicht auf Kosten anderer gehen.

    Beim Dichten gibt's schon Grenzen, Stichwort z.B. Aufruf zum Rassenhass, Nazi-Bands können Ihnen das bestätigen.

    Auf Kosten anderer (Generationen) zu handeln hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern mit Egoismus. Auch das 'sich selbst schädigen' und von den anderen (mit)bezahlen lassen, fällt unter diese Kategorie.

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    • evalena
    • 28. Dezember 2012 18:02 Uhr

    Wer sagt denn da, dass das Handeln Grenzen kennt. Eine ultimativ neue Erkenntnis.
    Aber ich glaube, wir sind (ich wohl auch) vom eigentlichen Thema abgekommen. Das da heißt, wenn ich etwas verstanden habe: "Wer ist heute noch auf dem intellektuellen Stand seine Stromrechnung - in ihren Details - zu verstehen..?"
    Das lässt mich an einen Artikel über Großbauprojekte (Th.E. Schmidt ZEIT vom 19.Dez.), denken aus dem mir ein Satz so ung.in Erinnerung geblieben ist: "Gesellschaften werden irgendwann zu komplex um ihre inneren Probleme zu lösen...die Komplexität zu erhalten verschlingt viel Zeit und Energie..." Da wäre vllt. noch eine Recherche für Herrn Schmidt übrig, die Komplexität von bürokratischen Zusammenhängen mit dem Zusammenbruch von Gesellschaften abzugleichen.

    • Kometa
    • 28. Dezember 2012 16:34 Uhr

    Fetisch-Bildung? Ja, möglich; für eine mehr als nur belanglose Pointe gehört noch der genaue Nachweis des Zitats zu einer Art Wissenschaftlichkeit.
    Es könnet ja schon der der etwas bildhafte Ausdruck genügen, dass das Subjekt oder die vielfach sich aufführenden Verwaltungssubjekte der Verwaltungseinheiten im Umkreis der Gesetzbildungs- und -verwaltungsverfahren in der Energiewende-Neurose ein Mittel sucht (scilicet: suchen),um sich den psychischen (sprich: parteipolitisch-wahnhaften) Konflikten zu entziehen; die Vermutung spricht dafür: ‚im Verein mit sozialen Phobikern…’

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    • evalena
    • 28. Dezember 2012 20:18 Uhr

    Hiiiiilfe!!! Gibts da irgendwo ein Gegenmittel?

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Literatur | Sigmund Freud | Energie | Materie | Steuer | Strom
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