BiografieDer ganze Luther
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Luther hielt seine Auffassungen für unabdingbar richtig

Sowohl Karl als auch der mutige Bibelprofessor Luther hielten ihre Auffassungen für unabdingbar richtig. Das notwendige Scheitern dieser Wahrheitsansprüche, so Schilling, trug unbeabsichtigt zur Säkularisierung Europas und zur Entflechtung von Religion und Politik bei. Es kam, wie es kommen musste, gerade weil die Reformationen in der Folge Luthers der Religion eine so wichtige Rolle im Zeitalter der Verstaatlichung verliehen. Juden gehörten für den oft niedergeschlagenen alten Luther durch die Obrigkeit vertrieben. In ihrer Zuspitzung schlug diese dunkle Vormoderne in die Moderne um. »Wie anders«, fragt Schilling, »hätte sich die Symbiose von Religion und Kultur, von Kirche und Staat, die das lateinisch-christliche Europa seit Jahrhunderten beherrschte, aufbrechen und der Weg hin zur Multikonfessionalität der frühen Neuzeit und zum Pluralismus der Moderne eröffnen lassen?«

Hierüber lässt sich selbstverständlich diskutieren, aber genau das ist der Sinn dieser Biografie als »wissenschaftlicher Basis für die gedenkpolitische Gestaltung« des uns bevorstehenden Reformationsjubiläums. Zu diskutieren wären auch die Urteile, mittelalterliche Volksreligion sei durch »irrationale Praktiken« gekennzeichnet, Luther sei trotz allem ein »Sieger« oder lutherische Autoritäten seien in gleicher Weise wie katholische gegen Hexen vorgegangen. Der Autor ist hier seinem Ansatz treu, der schnell konfessionelle Unterschiede nivelliert, wenig Interesse an den Alltagspraktiken gewöhnlicher Leute zeigt und aufgrund bestimmter Wertannahmen rigoros beurteilt, was nun »modern« sei oder nicht und Luther schließlich eine erstaunlich große Rolle als Beweger der Weltgeschichte beimisst. Er erscheint hier nicht mehr als Mann mit dem Hammer, der seine Thesen anschlug, sondern als Auslöser einer ganzen Lawine historischer Folgen, die andere Historiker schon längst in dem Erstarken staatlicher Strukturen im späten Mittelalter angelegt sehen.

Das große Verdienst dieser lebendig und quellennah geschriebenen Biografie ist jedoch zweifellos, dass sie uns den Reformator in einem Band, aber doch sehr umfassend und ausgewogen einordnend in seiner Fremdheit nahe bringt. Es kann uns heute, so bekräftigt auch der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, nur noch um den »ganzen Luther« gehen. Nicht als »abgerundete Persönlichkeit«, sondern als gebrochene, verhärtete, »notorisch überforderte Gestalt«, trotz allem, was es an dem Reformator zweifelsohne zu schätzen oder verehren gibt.

Das Bemühen, Luthers Verhalten historisch einzuordnen, schließt für Schilling eine kurze Absage an solche psychoanalytischen Interpretationen ein, die von Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts ausgingen. Dieses Urteil wird von Theologen seit dem Erfolg von Erik Eriksons berühmtem Buch »Der junge Mann Luther« (1958) kollektiv in ähnlich knapper Form geteilt.

Dagegen führt nun allerdings Lyndal Roper, die Oxforder Regius-Professorin, in ihrem Essay Der feiste Doktor vor, wie psychoanalytische Deutungen im 21. Jahrhundert weiterentwickelt werden. Im Zentrum steht bei ihr die Frage, wie Luthers Körperlichkeit mit seinem Charakter zusammenhing. Ihre provokante These: »Luther denkt durch seinen Körper.« Während Schilling also etwa Luthers massige Leibesfülle nach dem Bauernkrieg 1525 mit seiner »zunehmend pessimistischen Weltsicht« erklärt und dem vagen Bewusstsein, in seinen universellen Konzepten gescheitert zu sein, zeigt Roper auf, dass Dicksein in dieser Zeit eine Machtstrategie war. So wurde der Reformator imposant und war »gleichgewichtig« zu den sächsischen Fürsten darstellbar. Diese bildliche Monumentalisierung setzte vor allem nach seinem Tod ein. Für das im Bürgertum verankerte Luthertum wurde das Leitbild durch Drucke erschwinglich. Ropers interessant bebilderter Essay zeigt verschiedene Holzschnitte, die in bis zu elf Teilen Luther fest stehend und raumfüllend mit der Bibel in der Hand darstellen. So erschien er geradezu unumstößlich, obwohl eine katholische Schrift sofort beißend unterstellte, Luther sei eigentlich an den Folgen eines seiner vielen Fressgelage gestorben.

Zum anderen aber sieht Lyndal Roper Luthers Verhältnis zur Körperlichkeit auch mit Kreativität und Humor verbunden, etwa wenn es um die menschlichen Exkremente geht. Warum wissen wir eigentlich so viel über Luthers Verdauungsprobleme? Für Heinz Schilling sind sie mit Bewegungsmangel und seelischer Anspannung verbunden. Roper indessen geht anders auf Luthers Überzeugung ein, er kämpfe auf dem Klo mit dem Teufel, indem sie aufzeigt, wie der Bauernenkel die anale Sprache umgekehrt als Waffe gegen den listigen Widersacher und Gegner empfand. Luther hatte sowohl eine »anale« Tendenz, moralisch rigoros die Welt in Freund und Feind einzuteilen, wie auch einen ebenso starken »genitalen« Impuls, der ihn ein glückliches Eheleben führen und im Freundeskreis integrativ wirken ließ. Diese Lesart wird sich nicht zuletzt an einer Analyse des Augsburger Reichstags 1530 zu bewähren haben, bei dem sich diese Charakterzüge zerstörerisch überlagerten. Hervorzuheben bleibt aber, dass Luthers religiöse Weltsicht eine robuste und auch beschützende Körperlichkeit miteinbezog.

Eine volkskundliche Studie hat unlängst gezeigt, dass die Wittenberger Hochzeitsspiele ebendies bewundernd, aber auch ironisch, fasziniert und politisch vollkommen neutralisiert feiern. Jedes Jahr aufs Neue, die Termine bis 2017 stehen schon fest.

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Leserkommentare
  1. und da denkt der heutige Europäer spontan, das könne er heute nicht mehr nachvollziehen - wenn man allerdings die Verrenkungen nachliest, die damalige Regenten machten wenn der Papst ihnen mal wieder einen Generalablass für ihr Land anbot (den sie mit Gold vergelten mussten), und sich dann die ganz ähnlichen Reaktionen mancher heutiger Regierung auf das Angebot eines weiteren (mit Forderungen verknüpften) IWF-Milliardendollar-Kredits betrachtet, kann man den Ablasshandel plötzlich ganz aktuell finden

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    • postit
    • 04. Januar 2013 18:21 Uhr

    als der Ablasshandel ist nie erfunden worden. Kein Wunder, dass es Nachahmer gibt.

    Schönen Tag noch
    postit

    • postit
    • 04. Januar 2013 18:21 Uhr

    als der Ablasshandel ist nie erfunden worden. Kein Wunder, dass es Nachahmer gibt.

    Schönen Tag noch
    postit

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  2. ...das war doch der, der den bei ihm ratsuchenden Fürsten ob der zahlreichen Baueraufstände empfahl, dieses niedere Gesindel abzuschlachten, was sich bei den Herrschenden so sehr bewährte, dass sich Luther zuschreiben kann, nur durch seine Wort das zarte aber entschlossen keimende Pflänzen "Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit" so zertreten zu haben, das über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte nichts mehr wuchs.

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    das erst gefordert, nachdem das "niedere Gesindel" plündernd und brandschatzend durch die Lande gezogen ist. Die waren übrigens nicht besonders auf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus. Das ist eher so ein Fehlurteil der DDR-Forschung, die den Bauernkrieg als frühbürgerlichen Kommunismus kennzeichnen wollte.

  3. das erst gefordert, nachdem das "niedere Gesindel" plündernd und brandschatzend durch die Lande gezogen ist. Die waren übrigens nicht besonders auf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus. Das ist eher so ein Fehlurteil der DDR-Forschung, die den Bauernkrieg als frühbürgerlichen Kommunismus kennzeichnen wollte.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Luther..."
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    Das war ein Aufstand, wenn nicht gar eine Revolution.

    Es gab außer diesem Gewaltausbruch keinerlei Möglichkeit, sich gegen die Verhältnisse zu wehren.

    Wenn Sie sich über die Zustände dieser Zeit ein wenig kundig machen wollen, können Sie den Roman "Riemenschneider" von Tilman Röhrig lesen. Dort wird historisch korrekt geschildert, wie die Bauern misshandelt wurden, nicht zuletzt auch durch die katholischen Herrschaften.

    Luthers Reden gegen die Obrigkeit waren wohl der zündende Funken für diesen Aufstand und Luther hätte sich durchaus wie Thomas Müntzer auf die Seite der Bauern stellen und versuchen können, mit seiner unzweifelhaften Autorität die Auswüchse zu steuern.

  4. Das wäre doch mal ein gutes Reformwerk?

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    der Lutherbibel wird derzeit von der evangelischen Kirche durchgeführt und soll 2017 erscheinen. Ich habe selbst mit Mitgliedern der Kommission gesprochen, die stark auf eine Reduzierung der Fehlübersetzungen Luthers hinarbeiten will.

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