Biografie: Der ganze Luther
Je näher das Reformationsjubiläum 2017 rückt, desto fremder wirkt der Reformator. Neue Bücher zeichnen das Porträt eines rätselhaften Menschen.
© Hulton Archive

Martin Luther, etwa 1530
Der Reformator Martin Luther gehört in der westlichen Welt zu den bekanntesten historischen Persönlichkeiten. Die Besucherzahlen im kleinen Wittenberg sind seit der Vereinigung mächtig gestiegen. Jeden Juni wird ein dreitägiges Fest gefeiert, bei dem die Hochzeit des Reformators nachgespielt wird, einen Bierstand zu mieten kostet Tausende von Euro. Aber es lohnt sich. Die Devise lautet reformatorische Lebenslust.
Doch je näher die Feiern zum 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 rücken, die längst in Vorbereitung sind, desto unabweisbarer wird auch die Frage, was eigentlich an Luther bekannt ist und was fremd. Um sich dem Reformator zu nähern, so argumentiert der Berliner Frühneuzeit-Historiker Heinz Schilling in seiner wichtigen neuen Biografie, tut man gut daran, sowohl die Fremdheit des 16. Jahrhunderts zu begreifen als auch Luthers komplexe Persönlichkeit.
Luthers Charakterzüge haben immer schon Grund zum Rätseln gegeben. Kurz nach seinem Studium an der lutherischen Universität Tübingen fragte sich beispielsweise 1597 der Astronom Johannes Kepler: »Was soll ich über Luther sagen?« Es sei einzigartig, dass er trotz aller widrigen Umstände die Wahrheit nie im Stich gelassen habe. Aber was solle man »von seinem Fluchen und seinen unflätigen Ausdrücken halten?« Ein tauglicher Mann brauche zwar Leidenschaftlichkeit, die aber hoffentlich göttliche Eingebung gelenkt sei. Oder, sinnierte Kepler, stimme doch der Satz, dass »große Naturen mit großen Tugenden auch große Fehler hervorbringen«?
Seitdem ist eine Fülle an Wissen über den Reformator und seine Zeit zusammengetragen worden. Heinz Schilling unterstreicht, welche Mythen nicht länger haltbar sind. Die 95 Thesen schlug, wenn überhaupt, der Pedell der Universität Wittenberg an die Tür der Schlosskirche, um eine akademische Disputation anzukündigen. Luthers Übersetzung der Bibel wurde nicht durch den Mangel, sondern einen Überfluss an vorhandenen deutschen Bibeltexten veranlasst, die er für unübersichtlich hielt. Von dem Tintenfleck auf der Wartburg wird erstmals im 17. Jahrhundert berichtet. In Worms trat Luther nicht als junger Mönch auf, sondern im »reifen Mannesalter« von 37 Jahren. Frauen beschränkte er auf die Rolle der tätigen Hausfrau, sorgenden Mutter und unterstützenden Gattin. Das war rückschrittlicher als das Mittelalter und führte »nicht unmittelbar in die Moderne«. Den Ungehorsam seiner Söhne strafte er mit Brutalität. »Die unverdiente Gnade des Vaters galt hier offenbar nicht«, resümiert Schilling erschrocken. Von prophetischem Selbstbewusstsein getrieben, beharrte Dr. Martin Luther sowohl zu Hause wie auch in theologischen Auseinandersetzungen und immer auf dem letzten Wort, auch wenn sein allerletztes geschriebenes Wort demütig »wir sind alle Bettler« sein sollte.
Schilling macht deutlich, wie fest Luthers Leben in der kleinen Studentenstadt Wittenberg mit ihren gut zu kontrollierenden Universitätsstrukturen und persönlichen Netzwerken verankert war. Der Kontrast zum Leben des letzten Reisekaisers Karl V., dessen Motto »Immer Weiter« ihm auf seinen Wegen vorauseilte, scheint auf der Hand zu liegen. Schilling stellt aber die spirituelle Nähe des Reformkatholiken zu dem Augustinermönch in den Vordergrund, dessen tiefe Hoffnung auf Gnade in einem christozentrischen Glauben und nicht etwa in der Abarbeitung guter Werke wurzelte. Trotzdem schrieb der junge Kaiser in Worms eigenhändig, seine Vorfahren hätten immer den katholischen Glauben verteidigt. Hierfür sei er bereit zu leben und zu sterben.





und da denkt der heutige Europäer spontan, das könne er heute nicht mehr nachvollziehen - wenn man allerdings die Verrenkungen nachliest, die damalige Regenten machten wenn der Papst ihnen mal wieder einen Generalablass für ihr Land anbot (den sie mit Gold vergelten mussten), und sich dann die ganz ähnlichen Reaktionen mancher heutiger Regierung auf das Angebot eines weiteren (mit Forderungen verknüpften) IWF-Milliardendollar-Kredits betrachtet, kann man den Ablasshandel plötzlich ganz aktuell finden
als der Ablasshandel ist nie erfunden worden. Kein Wunder, dass es Nachahmer gibt.
Schönen Tag noch
postit
als der Ablasshandel ist nie erfunden worden. Kein Wunder, dass es Nachahmer gibt.
Schönen Tag noch
postit
als der Ablasshandel ist nie erfunden worden. Kein Wunder, dass es Nachahmer gibt.
Schönen Tag noch
postit
nach einem halben Jahrtausend, in dem sich die Grundeinstellung der Menschen völlig gewandelt hat.
Angedeutet wird zutreffend, dass Luther, wie so viele andere vor und nach ihm, einen fanatischen Glauben hatte, für den es keine objektiven Anhaltspunkte gab, außer der auf der Hand liegenden Überzeugung, dass das Handeln der römischen Kirche damals nicht richtig sein konnte.
Das Verhalten gegenüber den Söhnen lag auf der Linie eines der größten Gelehrten des Mittelalters, Thomas von Aquino. Danach soll die Ehe unauflöslich sein, weil der Vater zur Erziehung der Kinder nötig ist, weil er mehr Verstand als die Mutter und mehr körperliche Kraft hat, um die Kinder zu strafen.
Luthers größter Verdienst war von ihm keineswegs beabsichtigt und hat sich erst im Nachhinein herausgestellt. Es handelt sich in der Tat um die Säkularisierung Europas und die Entflechtung von Religion und Politik. Die Aufklärung und das heutige Europa wären unter der Fortdauer des damaligen Einflusses der römischen Kirche nicht möglich gewesen.
Die Haltung Luthers zu den Bauernkriegen, deren Ausbruch auch durch seine Predigten begünstigt wurde, kann durchaus als unmoralisch angesehen werden. Er hatte offenbar Angst, dass eine Identifikation mit den berechtigten Anliegen der Bauern seine persönliche Stellung untergraben könnte. Wie das Schicksal von seinem früheren Anhänger Thomas Müntzer zeigt, war diese Angst allerdings nicht unbegründet. Von einem Vorbild hätte man allerdings etwas anderes erwartet.
mit den angeblichen "Hammerschlägen die durch Europa hallten". Dass die Geschichte so wie sie lange verklärt wurde nicht stimmt, ist schon sehr lange klar. Er dient nur immer wieder als Aufhänger, dann doch "den ganzen Luther" über Bord zu werfen, weil ja alles nicht stimmt. Zudem käme es weder historisch noch theologisch auf diesen Akt an, es ist halt nur das, was alle immer kennen bzw. zu kennen meinen. Dass Luther die 95 Thesen nicht selbst angschlagen hat, ist seit den 1960ern und den Thesen von Erwin Iserloh zudem weiterhin umstritten. Schilling scheint hier also doch etwas einseitig.
Auch dass er die Sozialgeschichte anscheinend weniger berücksichtigt ist durchaus Schade, da es ja gerade in dieser Richtung weiterführende Lutherbücher von Heiko Obermann, Bernd Moeller und Volker Leppin schon länger gibt, so dass es eher Schilling ist, der hier einen Rückschritt darstellt. Sozialgeschichtlich ließe sich auch durchaus darüber streiten, ob Luther den Frauen gegenüber reaktionärer als das sprichwörtliche Mittelalter war. Auch hier gibt es andere Studien mit nicht so harten Ergebnissen (Wiederum Volker Leppin).
Insgesamt ist es immer falsch, historische Gestalten einseitig von einer modernen Warte aus zu kritisieren. Luther war mittelalterlich-humanistisch und monastisch, aber natürlich nicht aufklärerisch oder modern denkend. Ihm das vorzuwerfen, ist aber in historischer Sicht kaum möglich. Leider scheint Schilling gerade diesen Fehler zu machen.
...das war doch der, der den bei ihm ratsuchenden Fürsten ob der zahlreichen Baueraufstände empfahl, dieses niedere Gesindel abzuschlachten, was sich bei den Herrschenden so sehr bewährte, dass sich Luther zuschreiben kann, nur durch seine Wort das zarte aber entschlossen keimende Pflänzen "Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit" so zertreten zu haben, das über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte nichts mehr wuchs.
das erst gefordert, nachdem das "niedere Gesindel" plündernd und brandschatzend durch die Lande gezogen ist. Die waren übrigens nicht besonders auf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus. Das ist eher so ein Fehlurteil der DDR-Forschung, die den Bauernkrieg als frühbürgerlichen Kommunismus kennzeichnen wollte.
das erst gefordert, nachdem das "niedere Gesindel" plündernd und brandschatzend durch die Lande gezogen ist. Die waren übrigens nicht besonders auf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus. Das ist eher so ein Fehlurteil der DDR-Forschung, die den Bauernkrieg als frühbürgerlichen Kommunismus kennzeichnen wollte.
das erst gefordert, nachdem das "niedere Gesindel" plündernd und brandschatzend durch die Lande gezogen ist. Die waren übrigens nicht besonders auf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus. Das ist eher so ein Fehlurteil der DDR-Forschung, die den Bauernkrieg als frühbürgerlichen Kommunismus kennzeichnen wollte.
Das war ein Aufstand, wenn nicht gar eine Revolution.
Es gab außer diesem Gewaltausbruch keinerlei Möglichkeit, sich gegen die Verhältnisse zu wehren.
Wenn Sie sich über die Zustände dieser Zeit ein wenig kundig machen wollen, können Sie den Roman "Riemenschneider" von Tilman Röhrig lesen. Dort wird historisch korrekt geschildert, wie die Bauern misshandelt wurden, nicht zuletzt auch durch die katholischen Herrschaften.
Luthers Reden gegen die Obrigkeit waren wohl der zündende Funken für diesen Aufstand und Luther hätte sich durchaus wie Thomas Müntzer auf die Seite der Bauern stellen und versuchen können, mit seiner unzweifelhaften Autorität die Auswüchse zu steuern.
Das war ein Aufstand, wenn nicht gar eine Revolution.
Es gab außer diesem Gewaltausbruch keinerlei Möglichkeit, sich gegen die Verhältnisse zu wehren.
Wenn Sie sich über die Zustände dieser Zeit ein wenig kundig machen wollen, können Sie den Roman "Riemenschneider" von Tilman Röhrig lesen. Dort wird historisch korrekt geschildert, wie die Bauern misshandelt wurden, nicht zuletzt auch durch die katholischen Herrschaften.
Luthers Reden gegen die Obrigkeit waren wohl der zündende Funken für diesen Aufstand und Luther hätte sich durchaus wie Thomas Müntzer auf die Seite der Bauern stellen und versuchen können, mit seiner unzweifelhaften Autorität die Auswüchse zu steuern.
Das war ein Aufstand, wenn nicht gar eine Revolution.
Es gab außer diesem Gewaltausbruch keinerlei Möglichkeit, sich gegen die Verhältnisse zu wehren.
Wenn Sie sich über die Zustände dieser Zeit ein wenig kundig machen wollen, können Sie den Roman "Riemenschneider" von Tilman Röhrig lesen. Dort wird historisch korrekt geschildert, wie die Bauern misshandelt wurden, nicht zuletzt auch durch die katholischen Herrschaften.
Luthers Reden gegen die Obrigkeit waren wohl der zündende Funken für diesen Aufstand und Luther hätte sich durchaus wie Thomas Müntzer auf die Seite der Bauern stellen und versuchen können, mit seiner unzweifelhaften Autorität die Auswüchse zu steuern.
jener Tage aus eigener Lektüre durchaus. Der Bauernkrieg war ein Aufstand, aber es war keine Revolution wie die Amerikanische oder Französische. Die Bauern wollten keine Demokratie errichten oder die bestehende Ordnung komplett stürzen, sondern blieben im Grunde Feudalisten. Luther hat die Forderungen der Bauern zuerst auch unterstützt in seiner Schrift "Ermahnung zum Frieden". Vor allem wollten die Bauern eine Senkung der Abgaben, die Aufhebung der Leibeigenschaft, freie Predigerwahl sowie freie, Wald- und Holznutzung (12 Memminger Artikel). Das klingt nicht besonders nach modernem sozialrevolutionärem Gedankengut. Die Stellung der Kirche oder der Fürsten wurde nicht angegriffen geschweige denn die gesamte Gesellschaftsordnung, nur eine Besserung der Stellung in ihr wurde gefordert. Die Unterstützung Luthers verloren die Bauern dann nach gewalttätigen Unruhen, die nach Luther vermeidbar gewesen wären. Und Müntzer war zudem ein apokalyptisch geprägter Theologe, der sich nicht aus Sozialromantik an die Spitze der Bauern gestellt hatte, sondern weil er das Ende der Welt nahen fühlte und ein endzeitliches Reich der Gerechten errichten wollte. Auch dies konnte Luther allein theologisch in keiner Weise mittragen.
jener Tage aus eigener Lektüre durchaus. Der Bauernkrieg war ein Aufstand, aber es war keine Revolution wie die Amerikanische oder Französische. Die Bauern wollten keine Demokratie errichten oder die bestehende Ordnung komplett stürzen, sondern blieben im Grunde Feudalisten. Luther hat die Forderungen der Bauern zuerst auch unterstützt in seiner Schrift "Ermahnung zum Frieden". Vor allem wollten die Bauern eine Senkung der Abgaben, die Aufhebung der Leibeigenschaft, freie Predigerwahl sowie freie, Wald- und Holznutzung (12 Memminger Artikel). Das klingt nicht besonders nach modernem sozialrevolutionärem Gedankengut. Die Stellung der Kirche oder der Fürsten wurde nicht angegriffen geschweige denn die gesamte Gesellschaftsordnung, nur eine Besserung der Stellung in ihr wurde gefordert. Die Unterstützung Luthers verloren die Bauern dann nach gewalttätigen Unruhen, die nach Luther vermeidbar gewesen wären. Und Müntzer war zudem ein apokalyptisch geprägter Theologe, der sich nicht aus Sozialromantik an die Spitze der Bauern gestellt hatte, sondern weil er das Ende der Welt nahen fühlte und ein endzeitliches Reich der Gerechten errichten wollte. Auch dies konnte Luther allein theologisch in keiner Weise mittragen.
Das wäre doch mal ein gutes Reformwerk?
der Lutherbibel wird derzeit von der evangelischen Kirche durchgeführt und soll 2017 erscheinen. Ich habe selbst mit Mitgliedern der Kommission gesprochen, die stark auf eine Reduzierung der Fehlübersetzungen Luthers hinarbeiten will.
der Lutherbibel wird derzeit von der evangelischen Kirche durchgeführt und soll 2017 erscheinen. Ich habe selbst mit Mitgliedern der Kommission gesprochen, die stark auf eine Reduzierung der Fehlübersetzungen Luthers hinarbeiten will.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren