Minderjährige an der UniNur mit Vollmacht von Mama

Minderjährige Studenten, aber auch deren Eltern, sind für die Hochschulen eine neue Herausforderung. von Kathrin Fromm

Paulina Frank ist endlich angekommen. Sie ist Studentin. Genau das, was sie immer sein wollte. »Schon als Schülerin bin ich manchmal in die Bibliothek der Humboldt-Uni gegangen und habe Studentin gespielt«, sagt sie draußen vor dem mächtigen Gebäude der juristischen Fakultät in Berlin. Es konnte Paulina nicht schnell genug gehen, in einer Projektklasse hat sie bereits nach elf Jahren Abitur gemacht, da war sie gerade 16. Seit Oktober ist sie nun an der Humboldt-Uni im Fach Jura eingeschrieben, als eine von 102 minderjährigen Studenten. Volljährig wird sie erst im August 2013.

Minderjährige Studenten wie Paulina Frank gehören in deutschen Hörsälen und Seminarräumen inzwischen dazu. Auch wenn sie insgesamt nicht einmal ein Prozent aller Erstsemester ausmachen, ist ihre Zahl doch stark gestiegen. Im Jahr 2011 haben sich laut Statistischem Bundesamt 1318 Studenten, die jünger als 18 Jahre waren, an einer Hochschule eingeschrieben, im Jahr 2000 waren es gerade mal 263. Das liegt an G8, der verkürzten Schulzeit. Mit dem Abitur nach 12 Jahren sind die zukünftigen Studierenden im Durchschnitt ein Jahr jünger, wenn sie die Schule verlassen. Wer dann noch früher eingeschult wurde oder eine Klasse übersprungen hat, ist nicht volljährig, wenn er an die Uni kommt.

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Mit den minderjährigen Studenten kommen nun aber auch die Eltern an die Unis. Mama und Papa sitzen dann mit in der Studienberatung. Manche kontaktieren auch den Professor. Die Hochschulen reagieren darauf mit speziellen Elternangeboten, etwa Führungen über den Campus und Infoveranstaltungen. An der TU München gibt es einen Elternabend, bei dem Mütter und Väter lernen, wie sich das Uni-Leben verändert hat. »Wir haben die Eltern gerne da«, sagt Andrea Kick, die die Studienberatung leitet. Wenn man minderjährige Studenten im Fokus habe, könne man die Eltern nicht ausschließen. Dafür versucht sie auch innerhalb der Uni zu sensibilisieren und wirbt um Verständnis. Natürlich könne es für einen Studienfachberater oder eine Sekretärin an einem Lehrstuhl anstrengend sein, wenn Eltern anriefen und fragten, wie das Kind sich mache. Weil die Studenten jünger seien, habe sich der Beratungsbedarf insgesamt verändert, sagt Andrea Kick. Kam früher ein 20-Jähriger nach dem Zivildienst, ging es ausschließlich um Studieninhalte. Heute geht es auch um die Lebenssituation drumherum, deshalb gibt es bei der Studienberatung der TU München inzwischen auch eine Abteilung für Wohnen, Wohnraumsupport nennt sich die. Denn wer mit 17 an die Uni geht, darf noch keinen Mietvertrag unterschreiben.

Paulina Frank wohnt noch bei ihren Eltern. In ihrem Leben hat sich nicht viel geändert. Sie muss jeden Tag an die Uni, die Veranstaltungen beginnen zwischen acht und neun Uhr. »Ich wäre schon gern ausgezogen. Dann ist man eben so richtig selbstständig«, sagt Paulina. Andererseits will sie ihren Eltern nicht unnötig auf der Tasche liegen, schließlich müsste nicht nur die Miete bezahlt, sondern auch der Kühlschrank gefüllt werden.

Dass Paulina zwei, drei Jahre jünger ist als die meisten, sieht man ihr nicht an. Sie trägt Strickmütze, Hornbrille und eine Taschenuhr um den Hals. Das Alter sei kein Thema, sagt sie: »Am Anfang sind doch alle gleich, egal ob 17 oder 24. Keiner weiß, wo das Prüfungsbüro ist und wie man sich ein Buch in der Bib ausleiht.« Im großen Vorraum der juristischen Fakultät bleibt sie kurz vor der geschwungenen Treppe stehen. »Manchmal sind hier auch Semesterpartys, aber ich weiß gar nicht, ob ich da überhaupt hindürfte.« Auch wenn sich die Kommilitonen am Wochenende in einem Club zum Feiern treffen, geht sie nicht mit. Sie dürfte sich an der Bar keinen Cocktail bestellen und müsste sich um Mitternacht auf den Heimweg machen. »Das ist manchmal schon schade«, sagt sie, aber ausgeschlossen fühle sie sich deshalb nicht: »Dann trifft man sich eben nachmittags zum Kaffee.«

Die jungen Studenten werden von den Hochschulen regelrecht umworben. In Berlin werden seit Mai 2011 fünf Prozent der Studienplätze für minderjährige Erstsemester reserviert, die aus der Hauptstadt oder dem Berliner Umland kommen – so sieht es die gesetzliche Minderjährigenquote vor. Die noch nicht volljährigen Studenten werden bei der Einschreibung bevorzugt, damit sie zu Hause wohnen bleiben und auf diese Weise schnell ins Studium starten können. In Niedersachsen wiederum müssen minderjährige Studenten seit dem Wintersemester 2011/12 so lange keine Studiengebühren zahlen, bis sie volljährig sind. Auch hier hofft man durch die finanzielle Entlastung der Eltern auf einen zusätzlichen Anreiz für eine frühzeitige Aufnahme des Studiums.

Der Einstieg in die Universität aber ist ohne Einverständniserklärung der Eltern nicht machbar. Genau genommen könnten sie sogar über die Fächerwahl ihres minderjährigen Kindes bestimmen. Um sich bewerben und einschreiben zu dürfen, sind nicht nur die jungen Studenten, sondern auch die Hochschulen selbst auf die Unterschriften der Eltern angewiesen. Die meisten Hochschulen regeln das mit einer Generalvollmacht – eine Unterschrift für alles. An der TU Kaiserslautern zum Beispiel gibt es auf der Homepage die Rubrik »Elterninformation zum Studium minderjähriger Kinder«. Hier wird aufgelistet, was Sohn oder Tochter als Student dann darf, wenn die Eltern mit ihrer Unterschrift zustimmen: Anmeldung zur Prüfung, Nutzung der Universitätsbibliothek und der IT-Dienste, insbesondere der freie Internetzugang. Die Teilnahme an Angeboten des Hochschulsports ist ebenso zustimmungspflichtig wie der Wechsel des Studiengangs und die Exmatrikulation. Ähnliche Vordrucke haben auch andere Unis. Die Eltern stimmen zu, dass Post von Hochschulseite direkt an das Kind geht. »Ich habe nicht groß darüber nachgedacht, als ich die Einverständniserklärung unterschrieb«, sagt Paulinas Mutter Birgit Ladwig. Sie hat sich überhaupt wenig in Paulinas Studentenleben eingemischt. »Ich habe auch keine Infoveranstaltung besucht. Paulina soll selbst entscheiden«, sagt sie.

Und Paulina wird selbst entscheiden: Schon jetzt überlegt sie, zum Hauptstudium nach Mainz zu gehen, wo Kulturrecht angeboten wird. Doch vorher freut sie sich auf den nächsten Herbst, wenn sie es ist, die die neuen Erstsemester begrüßen kann. Ob die dann jünger oder älter sind, ist ihr egal. Denn ob jemand reif für die Uni ist, liegt nicht unbedingt am Alter.

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Leserkommentare
  1. "Denn ob jemand reif für die Uni ist, liegt nicht unbedingt am Alter."

    Sicher nicht völlig, aber die Gleichmacherei von 17- und 21-Jährigen ist einfach unreflektiert. Egal ob man die kognitive oder die emotionale Entwicklung betrachtet. Zwischen 17 und 21 ist da noch einiges im Gange. Ausnahmen gibt es in beiden Richtungen, aber generell gibt es da durchaus Trends - schon bei Piaget nachlesbar, heute wohlerforscht. Solche Dinge einzubeziehen wäre eigentlich wichtig für Artikel über das veränderte Studieneintrittsalter. Ohne dies bleibt er nicht mehr als eine Sammlung von Anekdötchen ohne echten Informationsgehalt.

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    kann ich berichten, dass ein zu früher Studieneinstieg nicht hilfreich für die Persönlichkeitsbildung ist. Ein Jahr Tätigkeit im Ausland oder ein Praktikum würde vielen Studierenden das anschließende Studium erheblich erleichtern. Uni ist nicht "Schule mit anderen Mitteln", aber genauso verhalten Studierende sich: wie Schüler. Substantielle Diskussionen und das thematische Einordnen von wiss. Fragestellungen ist oftmal nicht drin, wohl aber fleißiges Lernen und Repetieren von Inhalten. Leider!
    Persönlich empfehle ich nicht volljährigen Studieninteressierten eine Zeit (klingt jetzt ziemlich spießig...) der "Reifung" vor dem Studium.
    Schönen Sonntag noch...

  2. all den minderjährigen Wunderkindern würde man wahrscheinlich eher einen Gefallen tun, würde man ihnen eine Pause gönnen (und wenn sie mit Selbststudium gefüllt ist), anstatt sie gleich in die nächste Bildungsintitution zu jagen.

    So ist das nur Züchtung von noch mehr Fachidioten ohne Lebenserfahrung - und davon gibt´s beileibe genug.

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    Es wird immer wieder aufgeführt, dass minderjährige Studenten später zu sog. "Fachidioten" werden. Anscheinend hat dieser weder vor noch nach dem Abitur ausreichend Zeit um fürs Leben notwendige Erfahrungen zu sammeln.

    Ich bin auch früher mit der Schule fertig geworden. Es gibt weniges, was ich nicht gemacht hätte, dass meinen Freunden und Mitschülern nicht widerfahren wäre. Tatsächlich habe ich bis zur Volljährigkeit in mehr als 13 verschiedenen Betrieben (vom Kindergarten bis zum Ölkonzern) ungefähr 9 Monate lang reinschnuppern können. Schon als Junge bin ich auf Konzerte gegangen und habe später ein ganz normales Nachtleben gehabt. Das war mir möglich, da mein bester Freund mehrere Jahre älter als ich ist und ich seinen Ausweis überall benutzen konnten. Mein Studium hat mich weg von Zuhause geführt in eine WG geführt.

    Natürlich gab es ein paar Sachen die ein Minderjähriger nicht alleine machen kann. Allerdings ist es nicht aufgefallen. Ich habe nur meinen best-befreundeten Kommilitonen erzählt wie alt ich bin. Die anderen habens erfahren, als ich sie zu meiner Geburtstagsparty eingeladen haben. Was ich damit sagen will ist, dass es mir mehr darum ging einfach ein ganz normales Studentleben zu führen. Einer der auch mal schlecht in einer Prüfung abschließen kann. Das mit dem Erfahrungen sammeln hört ja nicht mit der Immatrikulation auf...

  3. "Auch wenn sich die Kommilitonen am Wochenende in einem Club zum Feiern treffen, geht sie nicht mit. Sie dürfte sich an der Bar keinen Cocktail bestellen und müsste sich um Mitternacht auf den Heimweg machen."

    Wenn ich mich recht erinnere, war ich mit 13 zum ersten Mal in einer Bar und habe mir mit 14 meinen ersten Cocktail bestellt. Zu Hause war ich danach sicherlich nicht vor zwölf Uhr. Aber die Zeiten haben sich wohl recht zügig geändert. Schon während meines Zivildienstes, also fünf Jahre später, wurde ich von einigen 16-Jährigen an der integrativen Schule, an der ich hauptsächlich eingesetzt war, gefragt, ob ich sie nicht abends in ein (wenig aufregendes) Tanzlokal begleiten könne, um da Unterschrift und Aufsicht zu leisten (und vielleicht mal den ein oder anderen Drink zu kaufen).

    "Mit den minderjährigen Studenten kommen nun aber auch die Eltern an die Unis. Mama und Papa sitzen dann mit in der Studienberatung. Manche kontaktieren auch den Professor. Die Hochschulen reagieren darauf mit speziellen Elternangeboten, etwa Führungen über den Campus und Infoveranstaltungen."

    Wie wäre es mit dem speziellen Elternangebot eines Workshops mit dem Namen "Wer studiert, braucht keine Bemutterung mehr - Wie ich meinen Kindern die Freiheit lasse, die ihnen zusteht"?

    9 Leserempfehlungen
  4. kann ich berichten, dass ein zu früher Studieneinstieg nicht hilfreich für die Persönlichkeitsbildung ist. Ein Jahr Tätigkeit im Ausland oder ein Praktikum würde vielen Studierenden das anschließende Studium erheblich erleichtern. Uni ist nicht "Schule mit anderen Mitteln", aber genauso verhalten Studierende sich: wie Schüler. Substantielle Diskussionen und das thematische Einordnen von wiss. Fragestellungen ist oftmal nicht drin, wohl aber fleißiges Lernen und Repetieren von Inhalten. Leider!
    Persönlich empfehle ich nicht volljährigen Studieninteressierten eine Zeit (klingt jetzt ziemlich spießig...) der "Reifung" vor dem Studium.
    Schönen Sonntag noch...

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  5. 5. Oh je

    Ein weiterer Schritt Kindern die Möglichkeit zu persönlicher Entwicklung zu nehmen sowie Kindheit und Jugend zu verkürzen. Das mag kurzfristig der Wirtschaft helfen, aber auf Dauer züchten wir uns damit Burn Outs und soziale Inkompetenz. In der Zoobiologie bemisst man die Intelligenz einer Art unter anderem daran wie lange der Spieltrieb der Jungen anhält. Wir schränken uns in dieser Möglichkeit selbst immer weiter ein.

    7 Leserempfehlungen
  6. »Schon als Schülerin bin ich manchmal in die Bibliothek der Humboldt-Uni gegangen und habe Studentin gespielt«

    Zwischen so tun als ob, ohne studentische Verpflichtungen und Studentin sein mit Lerndruck, Prüfungsstress und Behördengängen liegen Welten...aber das wird die junge Dame noch früh genug herausfinden.

    Elternangebote? Unterschriften? Eltern müssen überall noch ihre Zustimmung geben? Klingt für mich nach weiterführender Schule, sorry! G8 ist ein großer Fehler, dessen Auswirkungen wir erst in 5-10 Jahren spüren werden, wenn halbwüchsige, unsichere und linienströmförmige BWLer, ITler, Pädagogen, Rechtsanwälte auf den "Markt" schwämmen...
    In solch durchgetakteten Lebensläufen können sich kaum individuelle Persönlichkeiten mit Herz herauskristallisieren...Schade, denn diese Menschen benötigen wir in naher Zukunft!

    6 Leserempfehlungen
    • fudge
    • 07. Januar 2013 15:41 Uhr

    ..., doch einen Punkt sehe ich kritisch: "Die noch nicht volljährigen Studenten werden bei der Einschreibung bevorzugt", steht im Artikel. Eine Quote einzuführen halte ich für ungerecht gegenüber älteren Studierenden, die vielleicht einfach nicht früher eingeschult wurden und daher ein paar Monate am Minderjährigsein vorbeirutschen.
    Außerdem bin ich der Meinung, dass Studieren möglichst ein Mindestmaß an Eigenorganisation und -initiative beinhalten sollte, da dies zum Lernprozess dazugehört. Diese steigende Überbemutterung der Studierenden betrachte ich daher als ebenso kritisch wie eine Quote.

    5 Leserempfehlungen
  7. Sie haben sich selbst schon die Antwort gegeben...ein Azubi der mit 16 Jahren zwecks Lehre auszieht hat schon mal einen viel höheren Selbständigkeitsfaktor.
    Junge Studierene hingegen, die wie im Artikel noch zu Hause wohnen (müssen...) haben diesen Schritt noch nicht vollzogen...

    Zumal ich persönlich dazu tendiere, dass eine grundständige Lehre/Ausbildung dem Studium fast heutzutage erstmal vorzuziehen ist. Das Studium kann man immer noch hinten anhängen.

    3 Leserempfehlungen

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